Jugendfilme bei der Berlinale: Die Neuentdeckung der Langsamkeit | ABC-Z

Sie sitzen, liegen, lümmeln in einer lila Lounge aus Sitzsäcken, die Knie unters Kinn gezogen oder bäuchlings ausgestreckt. Fünf Jugendliche, 14 bis 16 Jahre alt, die Jury der Sektion Generation 14plus der Berlinale. Hinter ihnen öffnet sich das Foyer des Hauses der Kulturen der Welt auf drei ineinandergreifenden Ebenen: Ein Raum, der weite Sicht erlaubt – für Berliner Jugendliche, deren Wohnungen mit den steigenden Mieten schrumpfen, fast schon so etwas wie ein Versprechen.
Fünf von zehn Filmen haben sie gesehen, fünf liegen noch vor ihnen, am Freitagabend dürfen sie zwei Gläserne Bären und zwei lobende Erwähnungen für je einen Lang- und einen Kurzfilm verleihen. Und während sie sich hier fläzend ausbreiten, als probten sie eine neue Form von Öffentlichkeit, ist deutlich zu spüren: Sie sind fein mit dem Tempo der Berlinale, mit den oft sehr langsamen Filmen, bei denen es eher um Beobachtung geht als um Plot, auch mit den Pausen zwischen den Filmen – sie chillen die Verlangsamung einfach durch.
Kurt, 15, geht erst seit Kurzem regelmäßig ins Kino und trifft sich dort mit Freunden, sagt er. Dass er die Berlinale kennt, liegt auch an seiner Schule, die mit der Berlinale kooperiert. Blockbuster und Netflix lehnt er nicht ab, aber er interessiert sich zunehmend für anspruchsvollere Stoffe. In die langsamen Filme könne man sich „richtig reinfühlen“. Man habe Zeit, sich auf Figuren einzulassen, müsse den Film so sehen, wie der Regisseur es wolle.
Minou, 14, geht nur wenige Male im Jahr ins Kino, schaut privat vor allem Serien. Manche Wettbewerbsbeiträge findet sie herausfordernd, die Langsamkeit quälend. „Ich werde dann richtig müde“, sagt sie.
Lorin, 15, hat sich eher aus einer Laune heraus für die Jury beworben. Privat schaut sie zum Entspannen Kinderserien, ins Kino geht sie kaum, wünschte aber, sie dürfte öfter allein gehen. Trotzdem gefällt ihr die Langsamkeit vieler Berlinale-Filme. Und Elda, mit 16 die Älteste in der Runde, ergänzt: „Das Langsame muss zum Thema passen.“ Sherwin, 14, der einzige, der nicht aus Berlin kommt: „Manches kann man nicht hektisch behandeln. Da sind die Details wichtig.“
Das Publikum der Zukunft sitzt also längst im Saal – nur wird es nicht immer richtig adressiert
Deutschland ist kein Kinoland, auch wenn die Ticketverkäufe zuletzt wieder gestiegen sind und die Betreiber vorsichtig Hoffnung schöpfen. Denn mit 1,4 Kinobesuchen pro Kopf und Jahr liegt die Bundesrepublik weiterhin deutlich hinter Frankreich (2,7) und Großbritannien (1,7).
Laut einer Studie der Filmförderungsanstalt von Ende 2025 waren 31 Prozent der Deutschen im vergangenen Jahr mindestens einmal im Kino, bei den Teenagern sind es rund doppelt so viele. Die Älteren sind nach Corona vielfach nicht zurückgekehrt. Das Publikum der Zukunft sitzt also längst im Saal – nur wird es nicht immer richtig adressiert.
Die Berlinale versucht gegenzusteuern. „Eines meiner größten Anliegen ist es, noch stärker ein jüngeres Publikum für die Berlinale zu gewinnen“, sagt Festivalleiterin Tricia Tuttle gern und weist auf „Cine25“ hin: 18- bis 25-Jährige können sich in eine Mailingliste eintragen, und die Berlinale schaltet ein Kontingent von reduzierten Tickets frei.
Mehr genaue Beobachtung, weniger Plot: Finn Vogels und Celeste Holsheimer in „A Family“ von Mees Peijnenburg
Foto:
Jasper Wolf/Berlinale
Auch die Filmauswahl der Sektion Generation, die es unter wechselnden Titeln seit 1978 gibt, wird immer spannender. Melika Gothe, Managerin der Sektion Generation, weist die taz auf den neuen Generation-Badge hin. Junge Filmfans bewerben sich und einige davon bekommen kostenfreien Zugang zu Filmen und Netzwerkprogrammen. Dort geht es auch um eine diskriminierungssensible Kulturlandschaft für junge Menschen. Kooperationspartner ist unter anderem die Berliner Filmakademie Dreh’s Um, die junge Filmschaffende ermutigt, jenseits weißer, stereotypisierender Blickweisen Geschichten aus ihren eigenen Communitys zu erzählen.
Zugleich kooperiert das Festival seit Jahren mit Schulklassen: Schülerinnen und Schüler dürfen sich einen Film ansehen, führen Tagebücher, schreiben Kritiken oder halten Referate. Gabriele Blome von Vision Kino, die die Berlinale darin begleitet, beschreibt gegenüber der taz, wie heute Kino als „ernst gemeinter Bildungsraum“ funktionieren kann.
Das Festival Die Berlinale geht noch bis Sonntag, 22.2.2026. Tickets gibt es unter www.berlinale.de. Am Sonntag leider nur noch wenige, weil da Publikumstag ist und die Tickets für diesen schon von Beginn der Berlinale an im Verkauf waren.
Die Jugend Am Freitagabend um 19:30 Uhr wird im Miriam Makeba Auditorium des Hauses der Kulturen der Welt die Gläsernen Bären in der Sekrion Generation 14Plus verliehen. Leider ist die Veranstaltung auch schon ausverkauft.
Die Jury Wer selbst gerne Jurymitglied werden möchte, muss auf der aktuellen Berlinale einen Film gesehen haben, über den er oder sie Auskunft geben möchte. Formulare gib es nach jeder Filmvorstellung für Kinder und Jugendliche oder unter www.berlinale.de. (sm)
Noch etwas hat die Berlinale begriffen: Filmbegeisterung wird längst auch in Social Media kuratiert. Junge Influencerinnen posten auch über alte Filme, Arthaus und Geheimtipps – in einer Sprache, die weder Dozenten-Ton noch Marketing ist. Eine der sichtbarsten Figuren auf dem roten Teppich ist in diesem Jahr Popstar Charli XCX, die wie eine Türöffnerin für nachwachsende Cinephile einmal im Monat anspruchsvolle Filmlisten postet.
Dennoch bleibt die Berlinale eine vergleichsweise hochschwellige Bubble, besonders für junge Leute. Die ermäßigten Tickets sind mit 6 Euro günstiger als in den meisten Kinos, aber überhaupt an sie heranzukommen gleicht einem 100-Meter-Sprint: Drei Tage vor der Vorstellung, zwischen 10.00 Und und 10.01 Uhr – danach ausverkauft. Wer keine Eltern hat, die in dieser Minute klicken, bleibt außen vor. Viele der hier gefeierten Filme laufen später kaum regulär im Kino.
Tatsächlich ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen im eigenen Jugendprogramm bisweilen erbärmlich gering, und in Publikumsrunden sprechen Moderator*innen oft länger als die jungen Zuschauer*innen selbst. Fast, als wollten sie nicht wahrhaben, wie rot die Wangen vieler Teenager nach den Filmen sind. Dabei berichten die meisten jugendlichen Zuschauer, die die taz befragt, ebenso klug wie emphatisch, was ihnen von den langen Landschaftsaufnahmen bis hin zum fehlenden Happy End besonders gefallen hat am eben konsumierten Film.
Wenn das Festival seinem Anspruch gerecht werden will, muss es Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien noch stärker erreichen. Der Senat sollte seine Fördermittel an klare Teilhabeindikatoren binden. Die Berlinale, die traditionell im Kampf um große Namen gegen Filmfestspiele wie Cannes oder Venedig unterliegt, könnte ihr eigentliches Alleinstellungsmerkmal – das vielleicht schönste Publikumsfestival zu sein – offensiver ausbauen. Warum müssen 100 Prozent der Plätze gleichzeitig in den Vorverkauf gehen? Warum gibt es keine Ticketpakete? Warum kein Cine25 ab 14 Jahren?
Aber zurück in die Lounge, zurück zur Jugendjury. Wovon Kurt, Minou, Lorin, Elda und Sherwin hier berichten, ist ganz oft Slow Cinema – eine Strömung, die sich vor allem in den 2010er Jahren als Gegenbewegung zum Beschleunigungsmantra von Hollywood formierte. Kontemplation statt Reizüberflutung, wenige Schnitte, ruhige Kamera. Häufig geht es um Menschen am Rand: Geflohene, Arbeitslose, Alleinerziehende – und immer wieder um Jugendliche in Bedrängnis, ohne kulturelles Kapital, ohne sozialen oder familiären Rückhalt, ohne sicheren Ort.
Kontemplation, wenige Schnitte, ruhige Kamera, häufig geht es um Menschen am Rand
Für Kurt ist das eine Schule der Empathie. Für Minou eine Mutprobe. Für alle aber ist es eine Erfahrung: „Im Kino“, sagen sie, tut es gut, sich länger auf eine Geschichte zu konzentrieren. Keiner würde während der Vorstellung das Handy zücken, sagen sie, „das wäre respektlos“. Nicht einmal während der Q&As, die sie zu ihrem Bedauern aus Gründen der Beeinflussbarkeit dieses Jahr gar nicht miterleben dürfen.
Gerade weil ihr Alltag – typisch für die Gen Z – von schnellen Bildern und permanentem Scrollen, Skippen und Swipen bestimmt ist, wirkt das Kino für sie nicht wie ein Anachronismus, sondern wie ein Gegenraum, in dem es darum geht, Aufmerksamkeit auszuhalten, während des Films zu reflektieren, Ambivalenzen zu denken und Figuren ernst nehmen.
Mal langsam: Mohammed Yassin, Ben Majdouba, Mahir Özel, Solomon Guye, Safet Bajraj in „The Lights, They Fall“ von Saša Vajda
Foto:
Tom Otte, VajdaFilm/Berlinale
Hier, im weitläufigen Haus der Kulturen der Welt, mit noch fünf Filmen vor sich, streiten sie über Gerechtigkeit, über Sprachlosigkeit, über Gewalt. Sie hören einander zu. Sie widersprechen sich. Sie begründen. Am Ende vergeben sie zwei gläserne Bären. Wichtiger ist, wie sie dahin kommen.
Diese fünf sind nicht nur die Zukunft des Kinos. Sie stehen für eine Generation, die ihrem Ruf zum Trotz nach wie vor Kommunikation nicht mit Kommentarspalten verwechselt. Die erlebt, dass Öffentlichkeit ein Raum ist, den man teilt – physisch, zeitlich, emotional.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Wenn es nach ihnen ginge, würden auch in hundert Jahren noch Menschen mit Fremden in dunklen Kinosälen sitzen, gemeinsam schweigen, lachen oder heulen. Auch bei der Berlinale.





















