Kultur

Dokumentarfilm „Flying Tigers“: Komplizinnen in der Recherche | ABC-Z

Auch Krankheiten haben neben Schmerz und Leid ihre produktiven Seiten. Bei diesem Film von Madhusree Dutta sogar in doppelter Form: Da war einmal die Demenzerkrankung ihrer Mutter, die mit unerwarteten Erinnerungen an die Kindheit im nordostindischen Assam die Regisseurin erst zum Staunen und dann zu Nachforschungen in der Geschichte brachte. Und dann die Corona-Epidemie, deren Umstände Dutta in einem Kölner Kneipengespräch mit einer anderen Forschungsreisenden zusammenbringt: der chinesischen Künstlerin und Medientheoretikerin Mi You, deren familiäre Wurzeln in der südchinesischen Stadt Kunming liegen.

Ein Ort, der mit Assam im Zweiten Weltkrieg vier Jahre lang durch eine US-Luftbrücke verbunden war, die das durch japanische Truppen isolierte Yunnan von Flugplätzen im Brahmaputra-Tal über die Berge mit Munition und Nachschub versorgte – darunter auch 5.000 Maultiere. „The Hump“ war eine logistisch aufwändige und auch wegen heimtückischer Winde gefährliche Operation, die so viele der kleinen Flugzeuge abstürzen ließ, dass die unterhalb der Route lebenden Bauern deren Bauteile in ihre materielle Kultur integrierten.

Und die notwendige Infrastruktur für die „Flying Tigers“ genannten Piloten und ihre Maschinen griff so tief in das ökologische Gleichgewicht der Region ein, dass die echten Tiger ihren Lebensraum im Dschungel verließen und in die auch von Menschen bewohnten Teeplantagen streiften. Kunming wiederum wurde von einer verschlafenen Landstadt zu einem bunten Melting Pot, wo mit den eingeflogenen Gütern auch der Schwarzmarkt blühte.

Schwimmende Inseln

Im Wohnzimmer von Yous Familie landete dabei auch ein britisches Kolonialpiano aus Assam. Und ihre Verbundenheit durch die „The Hump“ genannte erste Luftbrücke der Geschichte machte Dutta und You zu Nachbarinnen über postkoloniale politische Grenzen hinweg und so auch zu Komplizinnen in der Recherche.

Dritter im Bund ist Purav Goswani aus Assam, der das Filmteam zu den Resten der ehemaligen Ledo Road zwischen Indien und Burma führt. Und zu den „Chars“, im Brahmaputra schwimmende Inseln, die von Bauern der Miya bewirtschaftet werden. Deren auch bisher schon durch Diskriminierung betroffene Situation verschärfte sich zuletzt durch Implementierung des National Register of Citizens, das Menschen mit nicht ausreichend dokumentierter assamesischer Nationalität mit Internierung bedroht.

Der Film

„Flying Tigers“:

17. 2., 14 Uhr, Cinema Paris

18. 2., 20 Uhr, Cinemaxx 5

21. 2., 17.30 Uhr, Cinema Paris

Es sind Fragen von Hybridität und vielfältigen Übergangsschwellen, die „Flying Tigers“ auch sonst antreiben. Dazu gehört am Ende neben deutschen Trümmerfrauen auch die Bahnstrecke, die im Rahmen der „neuen Seidenstraße“ von Chongqing nach Duisburg führt, wo ein Kurde mit einer chinesischen Köchin das Lokal „Gülistan – Chinesische Köstlichkeiten“ betreibt.

Dutta erzählt von all dem mit einer beglückenden Vielfalt ästhetischer Mittel vom getanzten Kinderlied über Road-Movie-Elemente bis zu sorgfältig inszenierten Recherchegesprächen und Kunstinventionen am Flussufer. Besonders bemerkenswert ist der spielerisch bedächtige Erzählgestus des Films, der ganz ohne große Gesten auf die Entdeckungslust seines Publikums setzt.

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