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München: Aschekreuz-to-go zur Fastenzeit auf der Einkaufsmeile – München | ABC-Z

Am Aschermittwoch wird vor der geschäftigen Meile Moosach am Bunzlauer Platz beim S-Bahnhof der ein oder andere innehalten: Statt am Kirchenaltar steht dann Pastoralreferent Johannes van Kruijsbergen im langen, weißen Gewand an Stehtischen mit lila Bannern und wartet auf Kundschaft. Zusammen mit Kollegen und Ehrenamtlichen des Dekanats München Nord West, einem Verbund katholischer Pfarrgemeinden der Erzdiözese München und Freising, zeichnet er mitten im Alltagstrubel von 14 bis 16 Uhr gewillten Passanten ein Aschekreuz auf die Stirn. Mit diesem spirituellen Ritual markieren die Katholiken den Beginn der Fastenzeit. Ihre Premiere auf öffentlichem Grund bewirbt die Gruppe als „Aschekreuz to go“.

SZ: Herr van Kruijsbergen, nicht unwahrscheinlich, dass Sie am Aschermittwoch in der Geschäftszeile am Moosacher Bahnhof einigen Passanten einen Schreck einjagen werden: Sie warten dort mit einem Teller Asche auf sie. Was haben Sie vor?

Johannes van Kruijsbergen: Wir wollen als katholische Kirche mal wirklich draußen sein, da, wo die Leute unterwegs sind. Und auch ein bisschen irritieren, indem wir in liturgischen Gewändern – in meinem Fall ein weißes, langes Gewand – auf einer Einkaufsstraße den Segen mitbringen für diese Fastenzeit. Wir haben dann auf einem kleinen Tablett ein Häufchen Asche, da tauchen wir unsere Finger rein und machen den Leuten ein kleines Kreuz auf die Stirn. Die Asche ist rau, das spürt man schon.

Ungefragt?

Nein. Die an uns vorbei hetzen, können wir nicht aufhalten. Wenn wir aber fragende Blicke sehen, sagen wir, dass wir von der katholischen Kirche sind und bei uns die Fastenzeit mit einem Aschekreuz beginnt. Wir erkundigen uns dann, ob wir ihnen eins auf die Stirn zeichnen dürfen. Wenn ja, dann sagen wir dazu den Spruch: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Bestimmt werden einige denken, dass wir von einer Sekte sind, damit rechne ich immer, wenn ich öffentlich als Kirche auftrete. Im Gespräch kann man den Verdacht aber in der Regel gut ausräumen. Wir wollen nicht aufdringlich sein.

Ist das nicht ein arg archaisches Zeichen für eine Gesellschaft, die kaum mehr imstande ist, solche christlichen Zeichen zu entschlüsseln?

Das stimmt. Manchmal braucht es aber diese Irritation, um ins Nachdenken zu kommen. Asche verbinden viele mit etwas Abgestorbenem, etwas Kaputtem, mit Zerstörung und Vergänglichkeit. Für uns ist sie zusammen mit dem Segensspruch das Zeichen, dass uns das Leben geschenkt ist. Damit wir das besser wahrnehmen, denken wir das aber vom Ende her: dem Zeitpunkt, da wir diese Welt wieder verlassen. Bis wir sterben, ist es unsere Aufgabe, zu schauen, dass wir dieses Geschenk gut nutzen und unser Leben schön gestalten.

„Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Das bekannte Zitat, das an die eigene Sterblichkeit erinnert, stammt aus dem Buch Genesis (3,19). (Foto: Catherina Hess)

Es ist also ein Bewusstsein für die eigene Endlichkeit, das Sie den Passanten für die Fastenzeit mit auf den Weg geben wollen?

Im Grunde geht es um die Einladung zur Selbstreflexion in den 40 Tagen, die die Fastenzeit dauert, ganz schön viel Zeit also. Reduzierung ist dann gut, das müssen nicht Süßigkeiten und Alkohol sein, sondern es kann der Gedanke sein: Wo kann ich mir Zeit freischaufeln, um Zeit für mich zu haben, um über mein Leben nachzudenken? Stelle ich mein Leben zu voll mit etwas, das für mich gar keine Lebensqualität bedeutet? Natürlich ist für uns Christen die Fastenzeit auch die Vorbereitung auf Ostern, da sind Tod und Leben ja ganz nah zusammen.

Kann man Menschen spirituell im Vorbeigehen erreichen?

Auf jeden Fall, weil es ja nicht nur im Moment passiert, in dem wir mit den Leuten reden. Aus diesen Begegnungen nimmt man ja was mit, denkt vielleicht abends noch mal nach, wenn man ins Bett geht. Wir geben einen Impuls, der sich vielleicht weiterspinnt. Das ist auch ein Anliegen, warum wir diese Aktion überhaupt im öffentlichen Raum machen. Wer mag, kann an den Stehtischen mit uns das Gespräch vertiefen, Kaffee und Tee gibt’s auch.

Ursprünglich wollten Sie das „Aschekreuz to go“ im Olympia-Einkaufszentrum, dem OEZ, den Kunden auf die Stirn zeichnen. Da dürfen Sie aber nicht rein. Warum nicht?

Genau. Wenn wir als Kirche im öffentlichen Raum sein wollen, müssen wir natürlich fragen, ob es den Zuständigen auch recht ist, dass wir da Gast sind. Meine Anfrage wurde im OEZ intern besprochen und dann abgelehnt. Die Gründe kenne ich leider nicht, finde es aber schade. Wir wollen nicht aufdringlich sein. Als Kirche sind wir bisher ja immer in unseren eigenen Häusern, im öffentlichen Raum sind wir darauf angewiesen, dass wir da sein dürfen. In diese Gastrolle müssen wir uns erst reinfinden. Da bekommt man halt auch mal eine Ablehnung.

Was erwarten Sie sich von Ihrer ungewöhnlichen Aktion?

Wir kommen da praktisch im Alltag der Menschen vor und werden als Kirche in den Köpfen sichtbarer und präsenter. Außerdem können wir so vielleicht auch mal ein positiveres Zeichen von Kirche vermitteln, etwas ansprechen und Gutes mitgeben. Christsein heißt für uns ja, in Beziehung miteinander zu treten, im gemeinsamen Gespräch. Das können wir im öffentlichen Raum natürlich am besten, und wenn es nur zwei Stunden sind.

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