Kultur

Puppen-Spezial am Deutschen Theater: Pittiplatsch und die glühend erhoffte Reh-Migration | ABC-Z

Puppen beherrschen auch das komische Gewerbe. Das bewies das mittlerweile 5. Puppen-Spezial am Deutschen Theater Berlin. Eingeführt wurde das Minifestival in der Intendanz von Iris Laufenberg. Aus ihrer früheren Station Graz brachte sie bereits große Bühnenproduktionen des begnadeten Puppenanimateurs Nikolaus Habjan mit an die Spree.

„Wir hatten auch andere Inszenierungen mit Puppen wie etwa vom Regisseur Jan Gockel und haben uns gesagt, wir wollen das weiter begleiten. Dabei konzentrieren wir uns auf die Zusammenarbeit mit der Abteilung zeitgenössisches Puppenspiel der Hochschule Ernst Busch und gucken auch, was in der Berliner Puppenszene läuft“, erzählt Christian Römer, Leiter des Rahmenprogramms am Deutschen Theater. Ziel ist es, den Studierenden wie auch der freien Szene neue Spielmöglichkeiten zu geben und zugleich das Subgenre Puppenspiel stärker im Bewusstsein des eigenen Publikums zu verankern.

Das desillusionierte Überleben der Restbevölkerung in museal anmutenden Wohnzimmern

Drei Produktionen aus dem Kontext der Hochschule bestritten am Sonntag die fünfte Ausgabe des halbjährlich stattfinden Festivals. Robert Richters Diplominszenierung „Weißwasserbericht“ etwa ist eine schwarzhumorige Hommage an dessen Lausitzer Heimat. Zwei Gestalten sitzen anfangs wie bestellt und nicht abgeholt vor der Projektion einer Autorückbank. Richter und sein Mitspieler Konrad Schreier stellen die Kumpels Rico und Roy dar. Mit einer Kombination aus Schauspiel, Puppenspiel und filmischer Immersion mit Livekamera und aufgezeichneten Sequenzen erzählen die beiden von Ricos Aufbruch in die Großstadt, dem dortigen prekären Dasein und dem Anker, den – zumindest aus der Sicht der Eltern – das Einfamilienhaus in der Lausitz zu sein verspricht.

Die dortige Deindustrialisierung wird mit Kamerafahrten durch leere Straßen und überwucherte Abrissareale illustriert, das desillusionierte Überleben der Restbevölkerung mit Handpuppen in museal anmutenden Wohnzimmern inszeniert. Als besonderer Kommentator zur politischen und sozialen Lage taucht der DDR-Kultkobold Pittiplatsch auf. Er kämpft gegen aggressive Wolfsrudel und stellt bei Erfolg eine Rückkehr der scheuen Rehe als Reh-Migration in Aussicht.

Richter und Schreier hauchen in ihrem bühnentechnisch komplexen Arrangement der vielfach gekränkten ostdeutschen Seele Leben ein, ohne in Selbstmitleid zu ertrinken. Am Ende allerdings geht das letzte Bühnenlicht so aus wie einst die Beleuchtung in Werkhallen und auf Tagebaubaggern.

Persiflage auf snobistische Kunstliebhaber

Snobistischen Kunstliebhabern verleiht hingegen die Bearbeitung von Yasmina Rezas Erfolgsstück „Kunst“ durch Franziska Rattay zu einem schrill überzeichneten Auftritt. In diesem Szenenstudium des zweiten Studienjahrs werden die Protagonisten Serge, Marc und Yvan durch Klappmaulpuppen mit tierischen Anteilen verkörpert. Sie verkeilen sich in Debatten über eine teuer erworbene, monochromatisch beschichtete Leinwand. Leibhaftigen Menschen hätte man die Überzeichnungen der Figuren schwerlich abgenommen. Dem Kunstpudel Serge (Lena Schilf) und dessen beiden Gespielen (Maria Vittoria Zinoni und Jannik Jonathan Bursee) verzeiht man aber jegliche Übertreibung.

Den Abend beschloss der gar nicht mehr so heimliche Hit der Puppenspielabteilung, das Puppenkaraoke „Oke Kara“ von Spielmeisterin und Kasperbedienerin Christine Zeides. Etwa zwei Dutzend Puppen jeglicher Art waren kunstvoll auf Stehleitern drapiert. Ein Gevatter Tod wachte über sie. Er musste aber zulassen, dass zwei Sängerteams ihnen mit Songs wie „Eye of the Tiger“ rockiges Leben einhauchten.

Die Puppen stellten dabei die herkömmlichen Beziehungen zwischen Mensch und Puppe auf den Kopf. Für Zeides’ Kasperfigur waren Menschen nichts anderes als flüchtige Seelen, die erst mit einer Puppe den richtigen Körper finden. Sogar existenzialistische Philosophie unterfütterte also diesen in erster Linie dem Lachen gewidmeten Abend. Volume VI vom Puppen-Spezial folgt noch in dieser Spielzeit.

Back to top button