„Ich kann Männern noch vertrauen“ | ABC-Z

„Den Frühstückstisch decke ich immer am Vorabend.“ Mit diesem Satz beginnt Gisèle Pelicots Buch „Eine Hymne an das Leben“, das an diesem Dienstag in 22 Sprachen erscheint. Der Satz klingt banal, aber die Autorin weiß, warum sie die Teller und die Marmelade schon abends auftischt: „Als könnte ich so die Nacht, die mir von jeher Angst macht, überbrücken.“ Die jahrelangen Vergewaltigungen unter Betäubung liegen hinter ihr, die 50 Täter und ihr Ex-Mann sind im Gefängnis. Aber die Angst verlässt die 73-jährige Französin nicht mehr. „Schlaf und Tod sind ein und dasselbe“, schreibt Pelicot in ihrem Buch.
Gisèle Pelicot war eine ziemlich normale Französin. Verheiratet, drei Kinder, sieben Enkel. Doch Ende 2020 erhält sie einen Anruf, der alles verändert: Die Polizei informiert sie, ihr Mann sei im Supermarkt verhaftet worden, weil er mit seinem Handy unter die Röcke von Frauen filmte. Auf der Wache zeigt man Gisèle abstoßende Fotos und Videos von Männern, die sich über eine betäubte Frau hermachen. Und die Frau, das ist sie, Gisèle.
Gisèle Pelicot über ihren Ex-Mann: „Es gab auch Zärtlichkeit und Selbstvertrauen“
Die rüstige Rentnerin reagiert, wie man es von ihr gewohnt ist: Sie zeigt keine Gefühle, versteckt sich hinter ihrer emotionalen „Rüstung“, wie sie schreibt. Ganz anders ihre Tochter Caroline: Sie weint, schleudert Teller an die Wand. Gisèle sagt zu ihr: „Schlag bitte nicht alles kaputt, Caroline, einiges möchte ich gern behalten.“ Die damals 41-jährige Tochter antwortet: „Aber was möchtest denn du von diesem Leben behalten?“
Gute Frage. Gisèle, wie sie in Frankreich nur noch genannt wird, will über ihren Gatten, so pervers er auch sein mag, so heimtückisch er zu Werke ging, nicht den Stab brechen. Die Tochter wünscht ihren „Erzeuger“, wie sie ihn nennt, zur Hölle; sie verdächtigt ihn, dass er auch sie als Kind vergewaltigt habe, wie es zwei ambivalente Fotos nahelegen. Doch Gisèle erinnert sich lieber an den „schüchternen Elektriker“, in den sie sich mit 19 verliebte und der ihr in der Ehe „Zärtlichkeit und Selbstvertrauen“ gab: Dominique.
Im Buch nennt sie ihn nur bei seinem Vornamen, was fast wohlwollend klingt. Dabei verfügt sie mittlerweile über viele Beweise, die zeigen, wie Dominique ihren Körper skrupellos schändete und schänden ließ. Mindestens zehn Jahre lang, 200-mal, durch andere und durch ihn selbst.
Verzweifelt sucht sie im Buch nach guten Erinnerungen an ihre Ehe: „Die vergangenen fünfzig Jahre Ehe waren nicht nur eine Lüge.“ Vielleicht muss man in der Tat fünfzig Jahre lang mit jemandem gelebt haben, um zu verstehen, dass Gisèle ihren Vergewaltiger, der selbst unter einem brutalen Vater gelitten hat, fast in Schutz zu nehmen scheint. Sie rechtfertigt nichts. Aber man spürt es bei der Lektüre ihres schier unglaublichen Berichtes: Die Autorin ist innerlich zerrissen – hier der einstige Mann ihres Lebens, der gute Familienvater, dort der Schänder. Wie ist das möglich, auch nur denkbar?
Missbrauch: Gisèle wachte mit nassem Schlafanzug auf und dachte, sie wäre inkontinent
Dabei ging ihr Ex-Mann ziemlich perfide vor, plante jedes Detail seiner Gewaltorgien. Als sie infolge der brutalen Penetrationen, die sie betäubt erlebte, einen ersten Arzt aufsucht, begleitet Dominique sie scheinbar mitfühlend. In der Praxis fragt er sie scherzhaft, ob ihre Unterleibsschmerzen vielleicht von einem Lover herrührten. Zynischer geht es nicht.
Und doch ist zu lesen: Vor vielen Jahren, da ist Gisèle 35 Jahre alt, hat sie für kurze Zeit eine Affäre mit ihrem Kollegen. Mit ihm, so schreibt sie, erlebt sie erstmals einen Orgasmus. Nie mit Dominique. Ihr Mann tritt dafür sexuell immer dominanter auf, blitzt aber bei ihr mit seinen perversen Wünschen ab. Oralsex, das ging, anal aber nicht, schreibt Gisèle. Sie verbietet ihm auch, Fotos von sich zu machen, wenn sie aus dem Bad kommt.
Im Buch beschreibt sie, wie ärgerlich sie es fand, als die Untersuchungsrichterin sie gutgläubig und naiv nannte. Schöpfte Gisèle tatsächlich nie Verdacht? Wie perfide ihr Mann vorging, zeigt auch diese Erzählung: Vor einer Horrornacht kochte er gern Kartoffelpüree, denn er wusste, sie mochte es mit Olivenöl und Petersilie, er mit Butter. So konnte er die beiden Teller trennen und in ihre Speise reichlich Pulver des Schlafmittels Temesta mengen. Zusätzlich fügte er ein Mittel zur Muskelentspannung bei, sodass die Penetrationen keine Entzündungen verursachten. Nachher verpasste er ihr eine Vaginaldusche. Am Morgen war ihr Schlafanzug deshalb völlig durchnässt. Gisèle befürchtete, sie sei zur Bettnässerin geworden.
Vergewaltigungen: Dateien mit dem Namen „Meine Schlampe“ waren noch harmlos
Sie suchte einen Gynäkologen auf. Dann zwei Neurologen, weil sie Erinnerungslücken und zunehmend Aussetzer hat. Sie hatte Angst, an Demenz zu erkranken. Kliniken erstellten eine Echokardiografie, ein Computertomogramm. Der Arzt teilte ihr mit: Keine Sorge, Frau Pelicot, alles ist in Ordnung.
Ihr Martyrium geht weiter. Das letzte Mal wird sie Ende Oktober im Jahr 2020 vergewaltigt. Am 2. November nimmt die Polizei ihren Mann fest. Auf seinem Computer finden die Beamten Video- und Bilddateien mit Inschriften, von denen „Meine Schlampe“ noch die harmloseste ist.
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Als der Prozess näher rückt, flüchtet Gisèle auf eine Insel vor der französischen Atlantikküste. Dort, so schreibt sie, lernt sie einen Mann kennen, Jean-Loup. Mit ihm, einem Witwer, versteht sie sich auf Anhieb. Erleichtert registriert sie, dass Männer bei ihr keinen generellen Ekel auslösen. „Ich kann Männern noch vertrauen.“
Gisèle Pelicot wünscht sich ein „traditionelles, stilles Leben“
Kurz vor Weihnachten 2024 werden alle Angeklagten schuldig gesprochen. Dominique Pelicot erhält die Höchststrafe von zwanzig Jahren. Nach dem Urteil war der mutigen Französin klar: „Diese Geschichte gehört nicht mehr mir allein.“ Sie gehöre allen Frauen, die am Morgen ohne Erinnerung aufwachen, weil sie von einem Sexualtäter betäubt worden sind. Pelicot sagt, sie sei stolz, dass sich ihre Tochter Caroline Darian heute in diesem Kampf engagiere. „Ich verstehe den Leidensweg aller Frauen, die einen sexuellen Übergriff anzeigen und über nichts anderes verfügen als ihre Aufrichtigkeit, ihren Mut und ihren geschundenen Körper“, schreibt die 73-Jährige.
Gisèle Pelicot, die neue Ikone des Frauenkampfes, bekennt in ihrem Buch, sie sei keine radikale Feministin, sondern eine gewöhnliche Bürgerin, die ein „traditionelles, eher stilles Leben“ möge. Aber sie hat am eigenen Leib erfahren, dass die Betäubung eine absolut dominante Form der Machtausübung über eine Frau und ihren Körper ist. Und sie hat selbst mitverfolgt, wie die Angeklagten während des Prozesses von ihrem hohen Ross stürzten und im Gefängnis landeten. Ja, die Scham hat in Avignon wirklich die Seite gewechselt. Das ist für Gisèle Pelicot nicht nur ein politischer Slogan. Es ist die Grundlage für ihre wiedergefundene Lebensfreude, für ihre Hymne an das Leben.
Gisèle Pelicot, mit Judith Perrignon: „Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln.“ Verlag Piper, München. 255 Seiten, Preis: 25 Euro. Erscheint am 17. Februar 2026.





















