Altersbegrenzung auf Social Media: Bei Forscher:medial umstritten | ABC-Z

Die SPD drängt auf strengere Regeln für die Social-Media-Nutzung von Jugendlichen. In einem Positionspapier, das der taz vorliegt, fordern die Genoss:innen ein vollständiges Verbot von Instagram, Tiktok & Co für Kinder unter 14 Jahren. Wer unter 16 ist, soll nur „Jugendversionen“ solcher Apps nutzen können. Dafür will die SPD die Plattformbetreiber verpflichten, den Zugang „technisch wirksam zu unterbinden“. In der Jugendvariante müssten sie die Apps stark einschränken und sie beispielsweise ohne algorithmisch gesteuerte Feeds oder Push-Benachrichtigungen anbieten. Verstöße sollten nach Willen der SPD streng sanktioniert werden – zur Not mit Netzsperren.
Die vorgestellten Maßnahmen begründet die SPD mit fehlenden digitalen Schutzräumen für Kinder und Jugendliche. Wörtlich heißt es in dem Papier: „Staatliche Verantwortung bedeutet, sie vor systemischen Risiken wie Suchtmechanismen, Desinformation, sozialem Druck und psychischen Belastungen zu schützen.“ Zu den Unterzeichner:innen gehören unter anderem die Ministerpräsident:innen von Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz, Manuela Schwesig und Alexander Schweitzer, sowie Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, die sich bereits in der Vergangenheit offen für ein Social-Media-Verbot gezeigt hat.
Ob der Koalitionspartner im Bund da mitspielen wird, ist jedoch offen. Die zuständige Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hat sich zwar grundsätzlich für eine Altersbegrenzung bei Tiktok & Co ausgesprochen. Vergangenes Jahr hatte sie eine 18-köpfige Expert:innenkommission einberufen, um eine Umsetzung zu prüfen und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, wie sich ein sicheres digitales Umfeld für Kinder und Jugendliche gewährleisten lässt.
Die Kommission soll auch klären, wie sich ein Verbot technisch sicherstellen ließe und inwieweit es dafür einer Regelung auf EU-Ebene bedürfe. Mit den Ergebnissen wird im Sommer gerechnet. Vorher, das hat Prien mehrfach klargemacht, werde sie nichts überstürzen.
Verbot umstritten
Dazu kommt, dass nicht alle in der Union für ein solches Verbot sind. CSU-Chef Markus Söder hat sich bereits wortstark dagegen ausgesprochen, ebenso wie der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Manuel Hagel. Am kommenden Wochenende will die CDU auf ihrem Parteitag in Stuttgart auch über den Umgang mit Social Media diskutieren.
Seitdem Australien im November 2024 als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot bis 16 Jahre beschlossen hat, wird auch in Deutschland über so einen Schritt diskutiert. Befürworter:innen des Verbots verweisen auf die Gefahren von Social Media für Kinder und Jugendliche. Neben den problematischen Inhalten – Fake News, Hass, Rassismus, Pornografie – gibt Expert:innen vor allem die zunehmende Bildschirmzeit zu denken.
Nach einer OECD-Studie aus dem Jahr 2025 wächst die unter jungen Menschen stark an. Im vergangenen Jahr klebten 15-Jährige hierzulande mittlerweile im Schnitt fast sieben Stunden am Tag an den Screens – damit hat Deutschland den fünfthöchsten Wert unter den 36 getesteten Ländern. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf geht davon aus, dass bereits mehr als ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland eine „riskante oder krankhafte“ Nutzung von sozialen Medien aufweist – fast dreimal so viele wie vor der Pandemie.
Was Social Media so gefährlich für junge Menschen macht, kann Markus Surrey erklären. Der 40-Jährige leitet den psychologischen Dienst der Stadt Solingen und beobachtet seit Jahren, wie parallel zur zunehmenden Social-Media-Nutzung auch die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen steigt. „Mittlerweile sagen 30 Prozent der Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren, dass sie im vergangenen Jahr eine schwere depressive Phase hatten“, sagt der Psychologe der taz. Meist gingen solche Aussagen mit einem massiven Medienkonsum einher. Dafür aber seien junge Menschen körperlich gar nicht gerüstet.
Neurobiologische Begründung
„Der Bereich im Gehirn, der für Impulskontrolle zuständig ist, ist je nach Studie erst mit 21 bis 25 Jahren fertig ausgebildet“, sagt Surrey. Viele der Apps hielten jedoch bewusst mit sofortigen Belohnungen die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer hoch. „Dem können sich Jugendliche von selbst kaum entziehen.“ In einem bundesweit einmaligen Projekt hat die Stadt Solingen deshalb an allen Schulen ein Social-Media-Verbot eingeführt – zunächst für fünfte Klassen. Das Projekt soll schrittweise ausgeweitet werden.
Ein bundesweites Social-Media-Verbot unter 14 würde Surrey begrüßen. „Das wäre ein wichtiger Schutzraum.“ Aus seiner Sicht fehlt aber auch eine Debatte über das problematische Verhalten vieler Erwachsener – die beispielsweise ihre Kinder vor dem Tablet parken: „Erste Studien zeigen schon, dass Kinder dadurch eine verzögerte Sprachentwicklung oder einer geringere Empathiefähigkeit haben“, so Surrey. „Ein Social-Media-Verbot allein wird es nicht richten.“ Auch Eltern müssten ihre Rolle reflektieren.
Die Potsdamer Bildungsforscherin Katharina Scheiter hält ein Verbot für den falschen Weg. Schon deshalb, weil der Zusammenhang zwischen sozialen Medien und psychischer Gesundheit nicht so eindeutig sei, wie die Politik ihn teils darstelle: „Die Annahme, dass alle Jugendlichen negativ von sozialen Medien beeinflusst werden, ist schon stark einseitig“, sagt Scheiter der taz. Die Professorin für digitale Bildung erinnert an die positiven Aspekte von Social Media. Etwa, wenn sich queere Jugendliche auf dem Land mit Mitgliedern der Community vernetzen und austauschen können.
Die Gefahren von Social Media wolle sie nicht kleinreden, so Scheiter. Gleichzeitig sehe sie skeptisch, wenn das Recht auf politische und gesellschaftliche Teilhabe für eine ganze Gruppe so stark beschnitten würde. „Die rund 75 Prozent, die einen gesunden Umgang mit Social Media hinbekommen, werden übergangen.“ Das Familienministerium hat zwar schon zu einem früheren Zeitpunkt signalisiert, dass es bei der Verbotsfrage auch „altersgerechte Teilhabeaspekte“ berücksichtigen werde. Bildungsforscherin Scheiter befürchtet dennoch, dass in der Politik der Drang nach einer scheinbar einfachen Lösung überwiegt.
Man sehe am Beispiel Australien, dass das nach hinten losgehen kann. Tatsächlich scheinen viele junge Australier:innen die Altersgrenze leicht umgehen zu können. Das droht nach Scheiter auch in Deutschland: ein Social-Media-Verbot, an das sich niemand hält.





















