Ehen in der Rückschau: Die neuen Romane von Kirchhoff und Brinkgreve – Kultur | ABC-Z

A, der Mann, mit dem sie vierzig Jahre zusammen war, ist gestorben. Und das Buch, das sie geschrieben hat, ist zwar eines über die Trauer und über die Liebe, doch den Verlust hat sie schon lange vor dem Tod ihres Mannes erlitten. Immer wieder ist sie erstaunt über das, was sie nun sieht, da sie wirklich hinschaut. Je weiter sie gräbt, desto klarer wird, wie schwierig bereits die Anfänge dieser Ehe waren. Und sie schafft es, so tief in diese Auseinandersetzung mit sich selbst zu gehen, dass sie ehrlich über den depressiven, narzisstischen, selbstmitleidigen, aber seinerzeit auch unterhaltsamen Ehemann schreiben kann, ohne ihn zu verraten. Weil sie ihn nicht schuldig spricht und sich nicht aus der Verantwortung zieht, sondern sich immer wieder fragt, warum hast du das mit dir machen lassen?
Wie kann es sein, dass du diese Frau warst, so schwach und ängstlich in dieser Beziehung, wo du doch sonst, draußen im Leben, ganz anders warst? „Ich muss vor allem mich selbst betrachten“, schreibt sie, „und unsere Wechselwirkung. Es geht nicht um Schuld und Opferrolle, doch das Schmerzhafte soll auch nicht beschönigt werden.“ Sie erinnert sich, wie der Keller des Hauses mit Wasser volllief. Sie hätte gern etwas daran geändert, er sträubte sich, sie nahm es hin, der Keller lief immer voller, die Tür zum Keller blieb zu. „Es wissen und die Tür geschlossen halten: Für mich symbolisiert das unsere damalige Lebensweise.“
Wenn man Kinder bekommt, verliert man seine Frau, klagt er
Sie ist Doktorandin der Soziologie und er ausgebildeter Jurist und praktizierender Journalist, als sie sich kennenlernen. Er bewundert ihre Selbständigkeit, ihre Klugheit, ihren Erfolg. Sie bewundert seine Art, zu denken und zu formulieren, seinen Scharfsinn und seine Leidenschaft für Musik. „Wir interessierten uns sehr für die Welt des anderen, auch für die Innenwelt voller Angst und Melancholie. Das war eine Form der Intimität, die neu für mich war und die ich mochte.“ Er zieht bei ihr ein, mag ihr Haus aber nicht. Obwohl sie es sehr liebt, gibt sie es auf, und zusammen ziehen sie in ein Haus, das ihm gefällt, das Haus, das sie jetzt umräumt.
Seine Töchter aus erster Ehe werden viel dort sein, sie bekommt noch zwei Söhne mit A, sie kocht viel und gern, das Haus ist voller Freunde und Familie. Er aber fühlt sich bald zurückgesetzt und beklagt sich darüber, dass man seine Frau verliert, wenn man Kinder bekommt. Sie wird wütend. „Ich bin aus Restaurants gestürmt, aus Autos gestiegen, habe getobt. Das verschaffte mir Erleichterung, aber führte bei ihm zum Gegenteil. Er nahm mich als explodierenden Boiler wahr und zog sich noch stärker zurück. Seine Angst vor explodierenden Frauen war groß: Sie richtete eine innerliche Verwüstung an.“ Die vielen Leute, die das Haus mal belebt haben, bleiben weg. Zurück bleiben zwei Menschen, die in ihren getrennten Zimmern saßen und sich Mails schrieben.
Auch Terese und Viktor sind sich in ihrer Ehe fremd, fast egal geworden
Christien Brinkgreve ist Professorin für Frauenforschung, und so bestürzt es sie natürlich auch, dass nicht einmal sie sich von den „zähen Mustern von Dominanz und Unterwerfung“ befreien konnte. „Letztere beschäftigen mich sehr. Trotz jahrelangem feministischen Kampf ist diese Tiefenschicht nahezu intakt geblieben. Ich sehe diese Muster überall: Wie Frauen nachgeben, sich anpassen, unterstützen, den Raum geben, den sie selbst nicht einfordern.“ Sie sei nicht gegen ihn angekommen, sagt sie nach seinem Tod zu einer Freundin. Die Freundin sagt, niemand sei gegen ihn angekommen. Ob es ein Leben nach A gibt, fragt sie jemand anders. Ja, sagt sie zögernd, doch den Rest kann sie nur denken, die ehrliche Antwort wäre nicht angemessen: Dass Teile von ihr erst wieder zum Leben erwachen, seit er tot ist.
Auch Terese und Viktor im Roman mit dem genialen Titel „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ des deutschen Schriftstellers Bodo Kirchhoff sind sich in ihrer Ehe fremd, fast egal geworden. Und auch Terese erwacht wieder zum Leben, als sie sich von ihrem Mann entfernt. Terese, genannt Tess, ist seit mehr als vierzig Jahren mit Viktor, genannt Vigo, zusammen, einst waren sie Hippies, nun leben sie gutbürgerlich in Frankfurt und feiern Silvester traditionell mit vier anderen Alt-68er-Paaren.

Vigo, ehemaliger Leiter eines pazifistischen Thinktanks, schreibt im Ruhestand ein Buch über eine Welt ohne Waffen und fliegt nach Indien, ob auf Recherche oder zu einer Geliebten, das lässt er offen. Tess, Kinder- und Jugendtherapeutin, reist ihm nach, eher aus Wut als aus Sorge, und versucht ihn zu finden, doch er ist immer schon weg, wenn sie irgendwo ankommt. Sie trifft Rana, halb Inder, halb Deutscher. Rana führt das Guesthouse, in dem sie wohnt, und ist jünger als sie. Sie und Rana haben Sex, und es ist ja eigentlich erfrischend, wenn eine über 60-jährige Frau mal nicht als postsexuell betrachtet wird, vor allem wenn der Autor beziehungsweise der Erzähler ein Mann ist.
Denn Kirchhoff lässt seinen Protagonisten Vigo schreibend am Esstisch in Frankfurt sitzen und rekapitulieren, was Tess in Indien erlebt und fühlt. Und er lässt ihn auf andere Szenen ihrer Ehe zurückblicken, zum Beispiel, wie Tess einige Jahre lang eine Affäre mit ihrem Doktorvater hatte und, so kommt es zumindest rüber, das gemeinsame Kind vernachlässigte. Es sieht so aus, als habe Bodo Kirchhoff, der schon so viele feine, kluge Romane über die Liebe und die Beziehungen seiner Generation geschrieben hat, hier von einer Frau erzählen wollen, die schön und selbstbewusst und mutig und trotz ihres Alters noch begehrenswert ist, doch die Frau wirkt mit jeder Seite launischer, oberflächlicher und selbstgerechter. Man erfährt ständig, was sie anhat und wie gut sie aussieht. „Sie möchte Rana anrufen, hören, dass es ihn gibt und folglich auch sie, sie schaut in den Spiegel zu einer, der schwarze Sachen stehen.“ Man erfährt, wie viel Taxi sie fährt und was sie alles in den Straßen Mumbais so isst.
Was man nicht erfährt, nicht wirklich jedenfalls, ist, was sie an dem jungen Mann findet bis auf die Tatsache, dass er sie begehrt und volles, lackschwarzes Haar hat (da kann Vigo natürlich nicht mehr mithalten). Aber klar, es ist ja Vigo, der über seine Frau schreibt, und so wird Tess doch wieder zu einer nicht allzu komplexen Frauenfigur aus der Perspektive eines Mannes, der verlassen wird und in gewisser Weise mit ihr abrechnet. Immerhin hat Vigo die Größe, über sich auch einigermaßen selbstironisch zu schreiben. Die unterhaltsamste Szene des Romans ist ein Familientreffen in einem traditionellen Londoner Teehaus, angeordnet von Ava, der gemeinsamen Tochter, die als Bankerin in London arbeitet, Wert auf Geld und Konventionen legt und die Eltern, vor allem Tess, damit vor Herausforderungen stellt.
Es ist erschreckend, wie herzlos Tess ihre Tochter betrachtet, und es ist wirklich komisch und tragisch, wie kindisch und ungeschickt die Eltern sich bei diesem Treffen verhalten, und das ist alles sicher genauso beabsichtigt von Bodo Kirchhoff. Allerdings sind die Eltern und die Tochter und die Überraschung, die sie ihnen mitbringt, so klischeehaft, dass man sie nicht wirklich ernst nehmen kann. Und irgendwann gibt man die Hoffnung auf, dass hier einer oder eine ehrlich mit sich und der Beziehung, die es doch nicht umsonst so lange gegeben haben kann, ins Gericht geht. Weil keiner hinschaut, jedenfalls nicht so richtig.





















