Wagenbauer Jacques Tilly im Interview über Putin und Satire | ABC-Z

Herr Tilly, gleich geht der Düsseldorfer Rosenmontagszug los. Sie stehen vor dem Wagen, mit dem Sie Ihren eigenen Fall thematisieren: Putin-Russland hat Sie mit einem Gerichtsverfahren überzogen, weil Sie mit Ihren Karnevalsfiguren angeblich russische Staatsorgane verunglimpft haben. Der Wagen, den Sie nun gebaut haben, zeigt Putin, der den Düsseldorfer Hoppeditz – einen Satireclown – mit einem Schwert aufgespießt hat. Hoppeditz lässt sich davon nicht beeindrucken und schlägt Putin mit seiner Narrenpritsche auf die kahle Stirn. Sie sind also zuversichtlich: Hoppeditz kann das überleben?
Sie sehen ja: Hoppeditz ist quicklebendig. Satire kann man nicht töten. Das war unser Spruch nach dem islamistischen Attentat Anfang 2015 auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Jetzt erleben wir wieder einen ähnlichen Angriff auf die Narrenfreiheit, auf die Meinungsfreiheit. Das ist wieder ein Akt von transnationaler Repression. Aber die Narrenfreiheit wird überleben. Sie muss überleben, weil das die Grundbedingung unserer Freiheit ist. Und deshalb haben wir in diesem Jahr drei putinkritische Wagen gebaut. Einen, der Putin zeigt, wie er gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump Europa verspeist, einen, auf dem er eine blaue Drohne mit der Aufschrift AfD steuert. Und den Wagen hinter mir. Satire kann wehtun, aber sie ist eine humane Waffe, wie man hier sieht. Die Narrenpritsche ist eine Waffe, die sich an Menschenrechten orientiert.
Fürchten Sie um Ihre Sicherheit?
Anfänglich schon. Die Strafandrohung lautet ja: bis zu zehn Jahre Lagerhaft. Aber inzwischen hat sich das geändert, ich betrachte diesen Prozess eigentlich mit einem gewissen Amüsement. Das Putin-Regime blamiert sich doch selbst. Ein Prozess gegen Pappfiguren ist einfach lächerlich.
Was sagen Sie dazu, dass auf den Rosenmontagsumzügen in Köln und Mainz keine Putin-Wagen gezeigt werden?
Das ist sehr schade. Vielleicht machen wir nächstes Jahr eine gemeinsame Anti-Putin-Aktion. In Aachen übrigens führt einer meiner früheren Wagen den Zug an. Es ist der mit dem Motiv Put-In Jail …
Auf dem Wagen ist Putin in gestreiftem Häftlingshemd, Handschellen und mit blutverschmierten Händen zu sehen. Er wurde auch schon vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gezeigt.
Genau. Dass dieser Wagen in Aachen mitfährt, ist natürlich wirklich eine Solidarität der Tat. Ich bin den Aachenern sehr dankbar, dass sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten hinter mir stehen.
Sie spielen darauf an, dass die Kölner Jecken heute früh bekannt gegeben haben, dass der Rosenmontagswagen des dortigen Karnevalspräsidenten nun immerhin den Spruch „Mer all sin Tilly“ (Wir alle sind Tilly) trägt.
Sie wissen ja, wie schwierig das Verhältnis zwischen Köln und Düsseldorf ist. (lacht) Umso mehr freue ich mich darüber. „Wir alle sind Tilly“, das ist natürlich eine wunderbare Solidaritätsadresse. Sie ist wichtig, weil wir als Gesellschaft zeigen müssen, dass wir solche Angriffe abwehren. Wir müssen Angriffe wie die aus Putins Russland gemeinschaftlich skandalisieren und deutlich machen, dass es um die Wertegrundlagen unserer Gesellschaft geht.





















