Kultur

Mateja Koleznik inszeniert „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum. | ABC-Z

Bochum hat einen Theaterskandal. Buhrufe und Pfiffe, die jedes Schauspielerwort übertönen, Verbalinjurien, die aus dem Parkett auf die Bühne geschleudert werden, eine Zuschauerin in der zehnten Reihe, die mindestens hundert Mal „Aufhören“ brüllt, ohne ein einziges Mal Luft zu holen, zwei männliche Zuschauer fortgeschrittenen Alters, die mühsam die Bühne erklimmen, um den Schauspieler Ole Lagerpusch in die Kulissen zu zerren, woran sie Lagerpuschs herbeigeeilter Kollege Felix Knopp tatkräftig hindert. Das halbe Bochumer Schauspielhaus bebt vor Furcht, Mitleid und Empörung. Aristoteles hätte seine helle Freude. Aber hat Bochum wirklich einen Theaterskandal?

Der Abend, der nach gut hundert Minuten im Chaos zu versinken droht, weil erhebliche Teile des Premierenpublikums den Widerstandskämpfer in sich von der Kette lassen, beginnt wie eine Boulevardkomödie mit einer Standardsituation: Familientreffen auf dem Land, das alljährliche Ritual mit schwerem Essen nach alten Familienrezepten, mit viel Wein, Sticheleien, Sarkasmus und allerhand Konflikten, alten wie neuen. Wie immer werden Schweinsfüße mit Koriander zubereitet. Wie immer soll nach dem Essen ein Mensch erschossen werden. Er sitzt bereits mit am Tisch, gefesselt, in sich zusammengesunken, regungslos.

Samtpfötig schleicht das Stück an die Zuschauer und schlägt dann zu

Mona Vojacek Koper als Beatriz, die jüngste der siebenköpfigen Familie, will keine Schweinsfüße mehr essen, sie ist Veganerin. Konstantin Bühler als Rui, ihr Onkel, will endlich viel Geld verdienen, er ist Pragmatiker. Sein Bruder Pedro, gespielt von Felix Knopp, will eigentlich nur das friedliche Landleben genießen, er ist ein naturverbundener Romantiker. Elsie de Brauws Isabel, trinkfeste Schwester der beiden und tyrannische Mutter von Beatriz und Sara, findet, dass der gefesselte Mensch an ihrem Tisch überhaupt kein Mensch ist, sie ist Dogmatikerin. Ihre ältere Tochter Sara, grandios gespielt von der jungen Carla Richardsen, will keine Menschen mehr erschießen, sie hat sich mit dem größten Feind aller Fanatiker eingelassen, dem Zweifel. Doch für Sara ist der Zweifel nicht nur ein Quell der Verunsicherung, sondern auch eine Produktivkraft, ein Instrument der Erkenntnis, aus dem die junge Frau Stärke und Energie gewinnt.

„Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ von Tiago Rodrigues ist ein Stück, das sich samtpfötig an den Zuschauer heranschleicht und dann erbarmungslos zuschlägt. Es gibt kein Entkommen. Denn die Konflikte, die in dieser Familie toben, lassen niemanden kalt, sie gehen jeden etwas an, wenn nicht konkret, dann doch abstrakt. Zu welchen Mitteln darf die Demokratie greifen, um sich gegen ihre Feinde zu verteidigen? Ist gewaltfreier Widerstand gegen gewalttätige Kräfte nicht aussichtslos? Muss es Menschen geben, die bereit sind, sich die Hände schmutzig zu machen, um jene zu verteidigen, die sich selbst nicht verteidigen können? Darf man, muss man vielleicht sogar Böses tun, um Gutes zu bewirken?

Tiago Rodrigues, Jahrgang 1977, Dramatiker, Regisseur und seit 2022 Künstlerischer Leiter des Theaterfestivals in Avignon, verknüpft sein Stück eng mit der Geschichte und Gegenwart seiner portugiesischen Heimat, die jahrzehntelang unter einer klerikal-faschistischen Diktatur litt und heute den Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei erlebt, die bereits zweitstärkste Kraft im Parlament ist. In seinem Stück, das Mateja Koležnik jetzt in Bochum als deutschsprachige Erstaufführung glänzend und mit viel Feingefühl für Figurenpsychologie und das komplexe Zusammenspiel der Themen und Leitmotive inszeniert hat, haben die Rechtspopulisten soeben die Regierung übernommen und planen eine Verfassungsänderung. Portugal, so scheint es der Familie im Landhaus, steht kurz vor einer Rückkehr in die Zeiten der Diktatur.

Traditionalisten des Terrors, Veteranen des Widerstands

Der Stücktitel, der klingt, als hätten ihn die Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit ersonnen, verweist auf die Landarbeiterin Catarina Eufémia, die 1954 von einem Polizeikommandanten erschossen wurde, weil sie es gewagt hatte, höhere Löhne zu fordern. Bei Rodrigues ist sie eine Freundin der Ahnherrin der Familie. Urgroßmütterchen tötete den eigene Ehemann, weil er als faschistischer Soldat der Ermordung Catarinas tatenlos zugesehen hatte. In einem Brief, auf den die Mitglieder des glänzenden Bochumer Ensembles ihre Hände legen, als handele es sich um eine heilige Schrift, forderte sie ihre Nachkommen auf, ihrem Vorbild zu folgen und im Angesicht einer Ungerechtigkeit niemals stumm zu bleiben.

Nicht alle sind zum Äußersten bereit: Sieben Catarinas in Trauerkleidung und ihr OpferArmin Smailovic

Seitdem wird Jahr für Jahr ein Faschist entführt, im Landhaus getötet und anschließend verscharrt. Auf seine Grab wird eine Korkeiche gepflanzt. Am Jahrestag ihrer Ermordung sprechen sich alle Familienmitglieder mit dem Vornamen der Getöteten an: Im Zuge der Identifizierung mit dem Opfer tauschen sie die eigene Identität ein gegen die Legitimierung der bevorstehenden Tat als Akt der Vergeltung ebenso wie als Akt der Prävention.

Das Stück ist glänzend gebaut, die Charaktere sind facettenreich und abgründig, die Dialoge fein gezeichnet. Raimund Orfeo Voigt hat ein höchst variables und geradezu geniales Bühnenbild entworfen: Das Landhaus ist ein freistehender, aus vier Teilen bestehender Kubus, der gedreht, aber auch zu voller Breite aufgeklappt werden kann. Jedes Einzelteil kann als intimes Separee dienen, im geschlossenen Zustand ist der Kubus ein klaustrophobischer Käfig, durch dessen halbgeöffneten Jalousien die Zuschauer wie Voyeure ins Innere schauen.

Was sie dort sehen, sind Traditionalisten des Terrors, Veteranen eines Widerstands, der längst in der Selbstmystifizierung erstarrt ist und um seiner selbst willen betrieben wird. Am Ende, als Sara sich tatsächlich weigert, den Faschisten zu töten, kommt es zum Showdown und die Familie löscht sich selbst aus. Nur Marco bleibt übrig, die Erzählerfigur. Alexander Wertmann spielt ihn als sensiblen Introvertierten, der sich in die Musik geflüchtet hat und als einziger bemerkt, dass sein Vater eine tödliche Diagnose erhalten hat. Rainer Bock spielt den alten Antonio als brüchigen Patriarchen, zurückgenommen und doch intensiv.

Aber das Ende ist noch nicht das Ende. Denn jetzt meldet sich der entführte  Romeu erstmals zu Wort. Er hat überlebt, gilt als Held und steht nun vor einer Fernsehkamera. Ole Lagerpusch könnte triumphieren, aber er tut es nicht. Er spielt den faschistischen Politiker als jungen, smarten, bis in die Haarspitzen kontrollierten Volksverführer. Sein Romeu ist ein bescheiden tuendes Instrument des Volkswillens, ein silberzüngiger Anwalt der schweigenden Mehrheit, der Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und die Unterdrückung aller Andersdenkenden freundlich lächelnd zu naturgegebenen Geboten des gesunden Menschenverstandes erklärt. Bei Rodrigues dauert dieser Monolog etwa eine halbe Stunde, in Bochum gute zehn Minuten – immer noch lang genug für eine gezielte Provokation, die ihre Wirkung nicht verfehlt.

Bei der Inszenierung in Marseille stand eine ganze Mannschaft von zehn Sicherheitskräfte bereit. In Bochum muss die Dramaturgin Angela Obst das erregte Publikum nach etwa fünfzehn Minuten bitten, die Bühne als geschützten Raum zu respektieren und keine der per Mobiltelefon gemachten Videoaufnahmen von Ole Lagerpuschs Monolog ins Netz zu stellen. Tosender Beifall auch jener, die es noch zwei Minuten zuvor als angemessen und geradezu zwingend empfunden hatten, im Theatersessel kämpferisch gegen Rechtsextreme Stellung zu beziehen, obwohl vermutlich gar keine Rechtsextremen anwesend waren. Ein grandioser Theaterabend also. Jetzt könnte man reden über Repräsentanz und Katharsis, die Rhetorik der Extremisten jeglicher Couleur, die Anziehungskräfte des Autoritären und die Ästhetiken des Widerstands.

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