Westjordanland: Die Siedler kommen von allen Seiten | ABC-Z

Der kleine Muhammad spricht nicht mehr viel seit dem vergangenen Sommer. Nur einen Ausdruck benutzt er immer wieder. „Papas Blut“, platzt es aus dem Vierjährigen heraus, wann immer er einen roten Gegenstand sieht. Seiner Mutter steigen Tränen in die Augen, wenn sie davon erzählt.
„Dann kommen die Bilder in seinem Kopf zurück“, sagt Hanady Hathaleen, die in einem schwarzen Vollschleier vor ihrer Blechhütte in Umm al Kheir, einem palästinensischen Dorf im Süden des Westjordanlandes, sitzt. Auch sie kann den Anblick aus dem vergangenen Juli nicht vergessen. Wie die israelischen Siedler mit ihrem Bagger durch das Dorf fuhren, bis einer von ihnen seine Waffe zückte und auf ihren Mann, Awdah Hathaleen, richtete. Wie Awdah nach dem Schuss zu Boden sank, die rote Blutlache um ihn immer größer wurde. Die Schreie der Kinder, die hämischen Blicke der israelischen Soldaten, das Warten auf den Krankenwagen, der Awdah schließlich abtransportierte.
„Dort, auf dem Boden, hat Muhammad seinen Vater zum letzten Mal gesehen“, sagt Hathaleen. Als die israelische Armee ihr zehn Tage später die Leiche ihres Mannes übergab, sei der Körper in einem noch schlimmeren Zustand gewesen. Den letzten Abschied wollte sie Muhammad und seinen zwei Brüdern nicht zumuten.
Die Gewalt durch jüdische Siedler im Westjordanland, das zeigt nicht nur der Fall von Awdah Hathaleen, ist in den vergangenen Monaten explosionsartig in die Höhe geschossen. Wo immer man in diesen Tagen in dem Gebiet unterwegs ist, erzählen Bewohner von demütigenden Schikanen, brutalen Überfällen, angezündeten Autos. Ganze Olivenhaine werden zerstört, Viehherden gestohlen, Männer, Frauen und Kinder teils schwer verletzt. Andere, wie Awdah Hathaleen, trifft es noch schlimmer. Viele Palästinenser trauen sich nach Anbruch der Dunkelheit überhaupt nicht mehr aus dem Haus. Diejenigen, die es doch tun, versuchen, sich zumindest über Whatsapp- und Telegram-Gruppen über akute Gefahren zu informieren.
Jetzt kommen die Siedler von allen Seiten
„Wir haben hier immer Probleme mit Siedlern gehabt“, sagt Hanady Hathaleen. Mit dem Kopf deutet sie in Richtung des gelben Eisentors, das nur wenige Hundert Meter entfernt die Straße zerschneidet. Gleich dahinter markieren israelische Flaggen den Eingang der Siedlung Carmel. Auf dem anschließenden Hügel thront ein modernes Haus neben dem anderen.
„Sie wollten uns von Beginn an vertreiben“, sagt die junge Witwe über die jüdische Siedlergemeinschaft, die sich dort seit den Achtzigerjahren niedergelassen hat und mittlerweile auf mehrere Hundert Bewohner angewachsen ist. „Aber jetzt kommen auch andere, aus allen Richtungen des Westjordanlandes. Sie haben Waffen dabei, und sie kennen überhaupt keine Grenzen mehr.“

Was Hathaleen beschreibt, bestätigen nicht nur andere Palästinenser, sondern auch unzählige Berichte israelischer Aktivisten und internationaler Menschenrechtsorganisationen. Selbst die israelische Armee, die das Problem ansonsten eher herunterspielt, gestand jüngst ein, dass Übergriffe durch radikale Siedler im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen seien.
„Awdah war ein guter Mensch“
Ein ranghoher Offizier warnte jüngst gegenüber der israelischen Zeitung „Haaretz“ vor erheblichen Gefahren für die Sicherheit – und vor einer flächendeckenden gewaltsamen Eskalation im Westjordanland. Die UN-Koordinationsbehörde OCHA dokumentierte 2025 über 1800 Angriffe durch Siedler, bei denen mehr als 830 Palästinenser verletzt worden seien. 240 Menschen seien in diesem Zeitraum durch israelische Sicherheitskräfte oder Siedler getötet worden – fast jeder vierte ein Kind.

„Awdah war ein guter Mensch, er hat sich um andere gekümmert, er wollte Frieden für dieses Land“, sagt Hanady Hathaleen über ihren Mann, dessen Tod sie noch immer nicht begreifen kann. An der Eingangstür ihrer Blechhütte ist ein Foto des Einunddreißigjährigen angepinnt. Fröhlich grinst er darauf in die Kamera, die braunen Locken unter einer Basecap versteckt. Neben seinem Job als Englischlehrer hatte der junge Palästinenser im Team des Dokumentarfilms „No Other Land“ mitgearbeitet, der Siedlergewalt und Vertreibung im Westjordanland thematisiert. Die israelisch-palästinensische Koproduktion, die auf der Berlinale 2024 Premiere feierte, erreichte nicht nur in Deutschland große Aufmerksamkeit. 2025 wurde sie als bester Dokumentarfilm mit einem Oscar ausgezeichnet.
„Awdah wollte der Welt zeigen, was hier passiert“, sagt Hathaleen, in ihre Stimme mischt sich Stolz. Geholfen habe ihm aber auch das nicht. „Sie haben ihn einfach erschossen, ohne dass er etwas getan hätte. Und am Ende läuft der Täter frei herum, während wir Palästinenser verhaftet werden.“
Der Mörder triumphiert auch noch
Die Festnahmen, auf die Hathaleen anspielt, rufen auch im Rest des kleinen Dorfes Empörung hervor. Elf palästinensische Bewohner wurden nach der Tötung Awdah Hathaleens über mehrere Tage im Ofer-Gefängnis in Südisrael inhaftiert, die Hände zusammengeschnürt, die Augen verbunden. Der Täter Yinon Levi hingegen wurde trotz erdrückender Beweise nach wenigen Stunden wieder freigelassen.
Auf einer Videoaufnahme vom 28. Juli 2025 ist deutlich zu sehen, wie der Siedler in Umm al Kheir seine Pistole zieht und den tödlichen Schuss auf Awdah abgibt. Keiner der Palästinenser um ihn herum ist bewaffnet. Ein israelisches Gericht entschied dennoch, Levi habe aus „Selbstverteidigung“ gehandelt. Ein zunächst angeordneter Hausarrest wurde nach drei Tagen vorzeitig ausgesetzt.

Dass der Mörder ihres Mannes nun völlig unbescholten wieder durch Umm al Kheir spazieren kann, ist für Hanady Hathaleen schwer zu ertragen. Immer wieder tauche der Siedler im Dorf auf, lache triumphierend oder beschimpfe die Bewohner. Vor einigen Wochen habe er sogar die Strom- und Wasserleitungen zerstört. Bis die Gemeinschaft wieder Elektrizität hatte, vergingen Tage.
Biden verhängte Sanktionen, Trump hob sie wieder auf
„Ich habe Angst um meine Kinder“, sagt Hathaleen, „wir alle wissen ja, wie gefährlich Levi ist.“ Auch international ist der Siedler kein Unbekannter. Wegen seiner brutalen Übergriffe auf Palästinenser steht er seit 2024 auf den Sanktionslisten der Europäischen Union und Großbritanniens. Auch der frühere Präsident der Vereinigten Staaten, Joe Biden, hatte Sanktionen gegen ihn verhängt. Unter der jetzigen Regierung von Donald Trump wurden die Strafmaßnahmen wieder aufgehoben.
In der israelischen Regierung selbst scheint man mit jüdischen Siedlern wie Yinon Levi weniger Probleme zu haben. Zu Verurteilungen kommt es nach gewalttätigen Übergriffen nur in den seltensten Fällen. Hanady Hathaleen macht dafür auch die Nähe zwischen der israelischen Armee und den Siedlern verantwortlich. „Sie sind Freunde, sie beschützen sich gegenseitig“, sagt die Palästinenserin. Bei den ständigen Konfrontationen in Umm al Kheir sei für sie kaum noch zu erkennen, wer überhaupt Siedler und wer Soldat sei.
Menschenrechtsorganisationen, aber auch israelische Soldaten selbst berichten von ähnlichen Zuständen. Seit dem Terrorüberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wurden Tausende Siedler in sogenannte regionale Verteidigungseinheiten im Westjordanland eingezogen, um in den Gazastreifen verlegte Truppen zu ersetzen. Der israelische Staat stattete die oft extremen Ideologen, darunter auch Straftäter, mit Gewehren und Uniformen aus.
Immer mehr „Soldaten-Siedler“
2024 brüstete sich der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir damit, allein im ersten Jahr des Krieges 120.000 Waffen an „israelische Bürger“ verteilt zu haben. Für viele Palästinenser hatte das dramatische Folgen. Die UN warnten vor wenigen Wochen, dass das „zunehmende Phänomen der ‚Soldaten-Siedler‘“ die Grenze zwischen Staats- und Siedlergewalt immer weiter verwische – und die Straffreiheit von Tätern damit befördere.
„Es gibt niemanden, der uns hier beschützt“, sagt Hanady Hathaleen, die dahinter eine klare Strategie des israelischen Staates sieht. Seit jeher streben extreme, meist nationalreligiöse Israelis danach, „Judäa und Samaria“, wie sie das seit 1967 besetzte Gebiet nennen, in jüdischen Besitz bringen. Unter der derzeitigen Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schreiten die Annexionspläne immer schneller voran. Allein in den vergangenen drei Jahren wurde der Bau von fast 70 neuen Siedlungen genehmigt. Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich feierte jüngst einen „nie da gewesenen Rekord“. Im aktuellen Staatshaushalt sind umgerechnet über 800 Millionen US-Dollar vorgesehen, um den Ausbau weiter voranzutreiben.
Die israelische Regierung lässt sie gewähren
Darüber hinaus haben die Siedler weitere Wege gefunden, um die Bevölkerung im Westjordanland zu vertreiben. Durch sogenannte Außenposten, häufig eine Ansammlung von Containern oder Wohnwagen, dringt die Siedlerbewegung auch ohne staatliche Genehmigungen immer tiefer in palästinensisches Gebiet vor. Während die Siedlungen zwar international als völkerrechtswidrig gelten, nicht aber nach israelischem Recht, sind diese Außenposten auch in Israel illegal. Zu Räumungen kommt es trotzdem fast nie. Sobald die Außenposten auf eine bestimmte Größe angewachsen sind, spricht der Staat häufig eine nachträgliche Genehmigung aus. Oft werden sie dann in nahe gelegene Siedlungen eingegliedert.
In Umm al Kheir lässt sich dieses Vorgehen nahezu exemplarisch beobachten – denn auch hier stellt die Siedlung Carmel längst nicht mehr die einzige Bedrohung für die Bewohner dar.

Nur wenige Schritte von dem kleinen Gemeindezentrum des Dorfes entfernt reihen sich mehrere blassgelbe Container aneinander, die die Siedler unter Führung von Yinon Levi in den vergangenen Monaten aufgestellt haben. Von den palästinensischen Häusern trennt sie nicht mehr als ein notdürftig errichteter Zaun. „Sie wollen uns von allen Seiten einkreisen“, sagt Hanady Hathaleen. Der kleine Außenposten, der so entstanden ist, drohe bereits jetzt den nördlichen Teil des Dorfes von den Häusern im Süden abzuschneiden.
Ein israelisches Gericht verfügte im Oktober zwar, dass keine weiteren Container aufgestellt und die bestehenden nicht bewohnt werden dürften. Durchgesetzt wurde die Anordnung jedoch nie. Die ersten Siedlerfamilien sind längst eingezogen, haben Olivenbäume verbrannt und lassen ihre Viehherden auf palästinensischem Ackerland grasen. Nun bauen sie an einer Straße, um den Außenposten mit der Siedlung Carmel zu verbinden.
Angefeuert werden sie dabei auch von prominenten Gästen, wie ein Besuch des israelischen Knessetabgeordneten Zvi Sukkot aus dem vergangenen Jahr zeigt. Auf einem Video ist der Politiker, der selbst der Siedlerbewegung angehört, vor den gelben Containern in Umm al Kheir zu sehen. Durch den Zaun hindurch beschimpft er die palästinensischen Bewohner als Hamas-Terroristen und droht ihnen, sie zu vertreiben.
Hanady Hathaleen sagt, sie werde alles tun, um dem Druck standzuhalten. Und doch wisse auch sie nicht, wie lange sie in Umm al Kheir noch aushalten könnten. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Häuser von Palästinensern im Dorf durch die israelischen Behörden zerstört, weil keine Genehmigung für den Bau vorgelegen habe. Laut einer neuen Anordnung sollen die nächsten 13 Gebäude bald folgen. „Es ist nur eine Frage der Zeit“, sagt Hathaleen, die fürchtet, mit ihren drei Kindern bald auf der Straße zu sitzen. „Sie haben mir meinen Mann genommen. Nun wollen sie mir auch noch das Dach über dem Kopf nehmen. Nur für die Siedler geht es immer weiter.“





















