Deutsches Kunsthandwerk: Die Gewinner des ältesten Staatspreises Deutschlands | ABC-Z

Ein Ofen ist ein Ofen – und Handwerk ist bestimmt auch erforderlich, um einen zu bauen. Aber Kunst? Kann ein Ofen Kunsthandwerk sein und als solcher auch ausgezeichnet werden? Er kann. Und Günter Matten, der seit einem halben Jahrhundert einzigartige Feuerstellen gestaltet, wurde auch nicht zum ersten Mal dafür geehrt. Schon 1988 bekam der Schmiede- und Metallbaumeister aus Lindau am Bodensee den ältesten Staatspreis Deutschlands zugesprochen. Damals war er noch alleiniger Preisträger.
Dieses Jahr, bei der vierundsiebzigsten Auflage des schon 1951 vom damaligen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn gestifteten hessischen Staatspreises für das Deutsche Kunsthandwerk, kam Matten auf Platz drei. Übergeben wurde die Auszeichnung an ihn und die anderen Gewinner Anfang Februar auf der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt. Der SPD-Politiker Zinn wollte vor allem zweierlei mit seinem Preis erreichen: das deutsche Handwerk fördern und einen Anreiz für besonders kreative Leistungen schaffen.
Einen Anreiz für besonders kreative Leistungen schaffen
Über die Preisträger entscheidet eine Jury, die durch „eigenständige Gestaltungsansätze, Innovation, Beherrschung von Material und Technik sowie ein kohärentes Gesamtbild“ überzeugt werden muss. Auch dieses Jahr gehörte der Verfasser dazu. Matten fertigt seine Öfen von Hand. Jedes Werk ist ein Unikat, an dem sich zeigt, dass er künstlerische Fähigkeiten hat wie kaum ein anderer seiner Zunft. Beworben hat er sich mit der Feuerstelle Faro, die wie eine Skulptur mitten im Raum stehen kann.
Die drehbare Außenverkleidung ist aus dreißig Millimeter dicken Tombakstäben gefertigt, das Material glänzt aufgrund seines hohen Kupferanteils goldfarben. Die Brennzelle innen ist ebenfalls um 360 Grad drehbar, so dass der Blick bei geöffneter Front direkt ins Feuer fällt; bei geschlossener Front führt das Licht der Flammen durch die Zwischenräume der senkrechten Stäbe ein lustiges Schattenspiel auf.
Die Jury überzeugte Mattens ästhetisch behutsamer Umgang mit dem Element Feuer. „Die klare Form und die Metallfarbe sind besonders gut geeignet, das lebendige Formenspiel und die glühenden Farben der Flammen zur Geltung zu bringen.“
Auf den ersten Platz kam in diesem Jahr aber ein anderes Schmuckstück: eine Halskette, die thematisch in den Orient zu führen scheint. Gut einen Meter lang und vierhundert Gramm schwer ist Pura Ferreiros „Third Millennium Revival Necklace“. Die 260 Einzelteile sind jeweils von Hand gefertigt. Sie bestehen aus schwarz oxidiertem Silber und aus aufs Feinste granuliertem Gold.

Die Münchner Goldschmiedin mischt Bucheckern mit Amphoren und auch noch drei Figürchen darunter, die einen spannenden Bogen von der hellenistischen Antike in unsere Gegenwart schlagen: ein geflügelter Geschäftsmann (Eros), eine tanzende Influencerin (Nike), und neben diesen beiden Göttern hängt auch noch unverkennbar ein Astronaut.
„Der Mensch wird selbst zum Gott und erkundet das Universum“, sagt Pura Ferreiro über ihn. Und fragt: „Sind diese drei Platzhalter die Götter und Göttinnen unserer Zeit?“ Das ist Sozialkritik in ihrer schönsten Form. Und hat ihren Preis: Das Unikat, an dem die Sechzigjährige Hunderte Stunden gearbeitet hat, kostet einen mittleren fünfstelligen Betrag.
Im Grenzbereich zwischen Objekt und Möbel
Nicht minder aufwendig gearbeitet, ist der Schrank von Martin Wilmes. Er ist an luftiger Leichtigkeit nicht zu überbieten, wie die Jury urteilte. Auch sein „Round About“, wie er sein Werk nennt, ist auf einem Drehkranz befestigt und kann frei im Raum stehen. Seinen allansichtigen Arbeiten, die der Bremer im Grenzbereich zwischen Objekt und Möbel ansiedelt, ist gemeinsam, dass sie mit Kreidefarbe bemalt sind.

Durch Tauschen der nur eingeschobenen Flächen, entsteht ein Farbenspiel von mal zarten, mal kräftigen Tönen in Gelb, Rosa und auch Blau. Als Werkstoff hat er europäischen Ahorn gewählt, die Seitenteile sind aus MDF-Platten. Der Schrank ist 1,90 Meter hoch und wegen des stählernen Drehkranzes fünfzig Kilogramm schwer.
Ein Hauch von Nichts dagegen sind die textilen Werke des erst vierundzwanzig Jahre alten Maurizio Paul Hirmer aus Leipzig. Seit seiner Kindheit faszinieren ihn organische Formen aus der Natur. „Sie prägen meinen gestalterischen Ansatz bis heute“, so Hirmer. „Inspiriert von Flora und Fauna verbinde ich in meinen Arbeiten Ästhetik mit Verantwortung: ökologisch, gesellschaftlich und kulturell.“
Hirmer, der Modedesign in Berlin studiert hat, verwendet als Grundlage seiner Kleider eine von ihm weiterentwickelte Knotentechnik aus Nordamerika, die Puttawus heißt. Mit ihr entstehen Netzstrukturen, auf denen er Federn einzeln von Hand vernäht. „Hirmers Objekte bewegen sich zwischen tragbarer Dekoration, Wandobjekt, traditionellem Handwerk und zeitgenössischem Design mit dem Ziel, nachhaltige Alternativen aufzuzeigen und kulturelles Erbe erfahrbar zu machen“, schreibt die Jury über einen der ganz wenigen Kunsthandwerker in Deutschland, der sich der Federkunst verschrieben hat.
Dafür wurde Hirmer mit dem Förderpreis ausgezeichnet, der erst seit 2017 jedes Jahr an Nachwuchskünstler vergeben wird. Als Einziger der Geehrten konnte Hirmer den Preis leider nicht selbst in Frankfurt entgegennehmen: Er ist derzeit in Neuseeland.





















