Keine Lust auf 40 Stunden? „Nur der Bequemlichkeit halber“ | ABC-Z

Die Deutschen gehen zu früh in Rente, sind zu oft krank und arbeiten zu wenig Stunden: Es sind markige Sätze, die in diesen Monaten aus der Union kommen, wenn es um die Arbeitsmoral geht: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance können wir den Wohlstand nicht erhalten“, damit schreckte etwa Bundeskanzler Friedrich Merz im vergangenen Sommer die Arbeitnehmer auf. Anfang des Jahres kritisierte er die vielen Krankentage und die telefonische Krankschreibung. Nun stellte der Wirtschaftsflügel der Union das Recht auf Teilzeit infrage, sprach gar von „Lifestyle-Teilzeit“. Die Forderung dahinter: Diejenigen, die keine Kinder betreuen oder Verwandte pflegen, sollen möglichst in Vollzeit arbeiten.
Tatsächlich arbeiten so viele Menschen in Teilzeit wie nie zuvor. 2025 waren es laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über 40 Prozent. In absoluten Zahlen: 16,7 Millionen Menschen. Doch wer arbeitet denn überhaupt „einfach so“ in Teilzeit? Und was sind die Gründe? Wir haben mit Arbeitnehmern gesprochen, die ganz bewusst auf eine 40-Stunden-Woche verzichten.
„Bin deutlich seltener krank“ – Gesundheit geht für Lisa vor
Von dem Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union hält Lisa Gerhard (30) nicht viel, jeder solle selbst entscheiden, wie viel er oder sie arbeitet: „Es ist mir wichtig, einen weiteren Tag Regeneration zu haben. In manchen Berufen sind 40 Stunden mit mentaler Belastung einfach zu viel.“ Lisa Gerhard ist medizinische Fachangestellte in einer Kinderarztpraxis. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie sieben Jahre in Vollzeit. Dann kam Corona. „Mit der Pandemie wurde alles schwieriger“, sagt sie. Vor allem die zusätzlichen Impfungen und Tests sorgten für Stress und volle Praxen. „Dazu kam die Angst, sich selbst anzustecken.“ Das habe sie sehr belastet.

Lisa Gerhard (30) hat sich während der Pandemie dazu entschieden, in Teilzeit zu wechseln.
© privat | Privat
Deswegen entschied sie sich, auf Teilzeit umzusteigen. „Ich wollte gerne länger arbeitsfähig sein.“ Nach der Pandemie wollte sie aber auf ihren Vollzeitjob nicht zurück, sie blieb bei der Vier-Tage-Woche. „So kann ich selbst mal Arzttermine oder andere private Termine wahrnehmen, die normalerweise in die Arbeitszeit fallen.“ Durch die Teilzeit sei sie auch deutlich seltener krank: „Ich habe in den letzten Jahren vielleicht achtmal gefehlt.“
Bücher lesen, Freunde treffen: „Leben in Vollzeit unvorstellbar“
Finanziell lohne es sich nicht, mehr zu arbeiten. Sie und ihr Partner seien nicht darauf angewiesen. Denn dadurch, dass ihr Partner deutlich mehr verdiene, hätten sie sich darauf geeinigt, dass er den höheren Anteil der Fixkosten trägt. So könne sie sich trotz Teilzeit monatlich 400 Euro zur Seite legen. Ein eigenes Auto habe sie nicht, das teilen sich die beiden. Sie denken daran, eine Familie zu gründen. Aber auch dafür verdienten sie und ihr Partner zusammen gut genug.
Auch Luise Scholz nimmt ihr Recht auf Teilzeit in Anspruch. Die Pläne des CDU-Wirtschaftsflügels empfindet sie als „sehr eingreifend in ihre persönliche Lebensgestaltung“. Sie arbeitet 25 Stunden in der Woche für den Bund für Umwelt und Naturschutz. „Mein Leben besteht nicht darin, 40 Stunden zu ackern. Ich habe genug andere Sachen zu tun. Sport treiben, Bücher lesen oder Freundinnen treffen.“ Sie sehe bei Bekannten, die in Vollzeit arbeiten, wie sehr das bei ihnen aufs Gemüt schlage – das möchte sie nicht.
Kinder? Möchte Luise Scholz nicht. Reisen braucht sie nicht.
Die 35-Jährige verdient 2000 bis 2500 Euro brutto und lebt recht minimalistisch auf 35 Quadratmetern in Leipzig, sagt sie. Scholz verzichtet auf Reisen, kauft nur Second-Hand und hat kein Auto. „Aus ökologischen Gründen würde ich ohnehin nicht viel reisen.“ Am meisten Geld gehe für Essen drauf. „Mehr zu arbeiten, würde sich finanziell natürlich lohnen. Aber ein niedriges Stresslevel ist mir wichtiger als ein finanzieller Ausgleich.“ Und in Zukunft? Kinder möchte sie nicht und an Altersvorsorge denkt sie auch nicht: „Vielleicht bin ich naiv, aber ich lebe meistens nur im Moment.“
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Warum Uschi Busch Teilzeit arbeitet? Ihr geht es tatsächlich um Lifestyle
Uschi Busch (55) aus Kamen gehört zur Generation X, also denjenigen, die zwischen 1965 und 1980 geboren sind. „Eigentlich arbeite ich nur der Bequemlichkeit halber in Teilzeit. Ich bin das, was die CDU mit Lifestyle-Teilzeit meint“, gibt sie offen zu. Die Friseurin hat mit der Geburt des ersten Kindes vor rund 25 Jahren zunächst ganz aufgehört zu arbeiten. Als ihr zweites Kind in die Schule kam, zehn Jahre später, fing sie erst auf Minijobbasis an und stockte später wieder auf 32 Stunden auf.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Ich wollte meine Kinder gerade in den ersten Jahren selbst begleiten und nicht zu viel in die Betreuung geben.“ Mittlerweile sind die Kinder ausgezogen, trotzdem möchte sie nicht wieder 40 Stunden in der Woche ackern. Auch, weil ihr Mann, der bei der Stadt arbeitet, genug für beide zusammen verdient. Sie leben in einer Mietwohnung, beide Kinder können sich mittlerweile größtenteils selbst versorgen. Ein großer Kostenpunkt, der wegfällt. Ganz ausschließen, wieder in Vollzeit zu arbeiten, will sie aber nicht: „Wenn meine Chefin mich darum bittet, würde ich es machen.“

Uschi Busch (55) sagt: „Ich bin das, was die CDU mit Lifestyle-Teilzeit meint.“
© Vitus Maximilian Weber | Vitus Maximilian Weber
Ehepartnerin verdient genug: Bernd arbeitet gar nicht mehr
Bernd Becker aus Bensheim arbeitet seit der Geburt seines Sohnes vor über zehn Jahren gar nicht. Das ist möglich, weil seine Frau als Wissenschaftlerin für eine europäische Agentur arbeitet und dort „sehr gut verdient, zu den obersten Prozent gehört“, wie der 59-Jährige erklärt. „Anfangs ging es darum, das Kind zu betreuen. Nach der Elternzeit wäre ich bereit gewesen, in Teilzeit wieder anzufangen, wir haben aber keine passenden Betreuungsangebote gefunden.“ Sie entschieden, dass einer von beiden zu Hause bleibt. Und da seine Frau keinesfalls aufhören wollte zu arbeiten, war er das. „Das war für mich kein Problem.“ Mittlerweile ist sein Sohn im Teenageralter, trotzdem bleibt er daheim und kümmert sich um den Haushalt und die Familie.
Dass er sich dadurch – vor allem im Hinblick auf die Rente – in eine finanzielle Abhängigkeit begibt, weiß er. „Aber die fühle ich nicht. Und ich glaube daran, dass die Beziehung nicht scheitert.“ Darüber hinaus haben beide gemeinsam eine Immobilie gekauft. Um die Finanzen kümmert sich übrigens Bernd selbst, da seien die Rollen klar verteilt: „Meine Frau verdient das Geld und ich habe den Überblick darüber.“





















