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Ebersberg: Konzert im Hallenbad – Ebersberg | ABC-Z

Eigentlich ist das Konzept eines Konzerts ziemlich klar: Musiker spielen, das Publikum lauscht. Eigentlich. Doch an diesem Abend in Ebersberg, einer Kleinstadt östlich von München, ist alles ganz anders: Der Konzertsaal ist das örtliche Hallenbad, und das Publikum trägt Bikini und Badehose statt Frack und Abendkleid.

Abendgarderobe wäre in dem Fall auch eher unpraktisch, denn die Besucher sollen die etwa einstündige Darbietung mit dem Titel „Baden in Klängen“ ausdrücklich aus dem Schwimmbecken heraus mitverfolgen.  Und wie sich im Verlauf des Abends herausstellt, kommt nicht nur das Publikum dieser Aufforderung nach; die Sängerin selbst steigt ins Wasser.

Baden in Klängen – Hallenbad EBE (Video: Copyright / All Rights Reserved)

So etwas ist eine echte Premiere, nicht nur im beschaulichen Oberbayern. Wie Projektleiterin Sonja Stibi schon im Vorfeld erklärt hat, handelt es sich um ein deutschlandweit einzigartiges Vorhaben. Sie muss es wissen: Die Professorin für Musikvermittlung an der Hochschule für Musik und Theater München ist Betreuerin der Studierenden im künstlerischen Master of Music, von denen Idee, Konzept und Umsetzung stammen: Christiane Schulze (Zither), Leoš Frahnke (Akkordeon) und Carolin Jurkat (Sprechstimme und Gesang).

Die Ankündigung der ungewöhnlichen Performance hat im und um den Landkreis Ebersberg großes Interesse geweckt: Die Schlange am Eingang spricht für sich. „Ich war seit dem Umbau nicht mehr da“, bekennt eine Frau, während sie sich Kassenautomaten abmüht.

Am Ende drängen sich viele Badegäste auf den Sitzplätzen am Beckenrand, und im Wasser tummeln sich ebenfalls zahlreiche Besucher. Mit und ohne Schwimmnudel, gemächlich Bahnen ziehend oder wie gewohnt ihr Training absolvierend. Alle schwärmen von der Atmosphäre in der Halle, die in schummriges Licht getaucht ist. „Eine wunderschöne Idee“, sagt Badegast Christine aus Ebersberg, die wie alle Befragten nur mit dem Vornamen zitiert werden möchte.

Erwartungsvoll lauschen die Gäste der Begrüßung von Sonja Stibi. Auch die Professorin für Musikvermittlung ist gespannt auf den Abend, denn das deutschlandweit einzigartige Konzert ist für die Hochschule für Musik und Theater München eine absolute Neuheit. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dann geht es auch schon los:  Mystische Klänge sind zu hören, während am anderen Ende des Beckens eine Gestalt im grünen Bademantel vor einem Standmikrofon mit dramatischer Stimme deklamiert. „Ein Tropfen ist eine in sich geschlossene Phasengrenzfläche…“ Als kurz darauf der Begriff „Oberflächenspannung“ fällt, ist den Menschen in der Halle anzusehen: Das kommt jetzt unerwartet.

Viele hatten klassische Musik oder typische „Wasser“-Hits erwartet, aber auf Wortbeiträge waren die wenigsten gefasst. Erst recht nicht mit so einem technischen Begriff wie Oberflächenspannung. Aber das ist ja nur der Auftakt. Denn kurz darauf wird es bei „Alles ist aus dem Wasser entsprungen“ (Goethes „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“, zweiter Akt) lyrisch, bei „Gewitter in Dreierreihen“ (Hans-Peter Kraus) richtig dramatisch.

Ein kurzer Aussetzer der Soundanlage wird souverän überspielt. Allerdings sei generell bei der Technik „noch Luft nach oben“, bemängelt ein Besucher. Am hinteren Ende der Halle sei die Musik nur leise zu hören gewesen. Verzeihlich bei einer Premiere, daran lässt sich arbeiten.

Das Glucksen des Wassers erzeugt eine neue Klangwelt

Viel wichtiger sind Aufführung, Gesang und Musik. Und das ist alles perfekt gelungen. Die zwölfjährige Hannah ist begeistert von der „coolen Schauspielerin und Sängerin“. Trotz ihrer altmodischen Badekappe auf dem Kopf und Badeschlappen an den Füßen. Später aber tauscht diese ihren Bademantel gegen einen himmelblauen Umhang über einem Rock in changierendem Blau und geht barfuß um das Becken herum. Dazu ihr bezaubernder Gesang: glasklar, volltönend, mal lockend, mal heiter, bei Liedern von Franz Schubert ebenso wie bei „Singing in the Rain“, was sich geradezu beflügelnd auf manche Schwimmerinnen auswirkt.

Das Glucksen des Wassers stört den Musikgenuss überhaupt nicht. Vielmehr ergänzt es die virtuos dargebotenen Werke von Bach, Rachmaninow oder Khachaturian um eine zusätzliche Klangebene. Auch sein Rauschen passt perfekt zu den perlenden Melodien der Zither, die hier an eine spanische Gitarre, dort an ein höfisches Instrument erinnert. Das gilt auch für das kraftvoll gespielte Akkordeon. Als beim Choral „Ich rufe zu dir, Herr Jesu Christ“ ein ehrfürchtiges Gefühl entsteht, fast wie in einer Kirche, wirkt der meditative Wellenschlag im Hintergrund wie eine passende Ergänzung zur Musik. Das bestätigen viele unter den 65 Besucherinnen und Besuchern.

Über den großen Andrang freuen sich nicht nur die Akteure, sondern auch Sandra Friesinger, die Leiterin des Hallenbad-Teams. Durch sie – oder besser ihren „Lieblingsschwager“ – kam der Kontakt überhaupt erst zustande; er besucht den Zither-Kurs von Christiane Schulze. Bürgermeister Uli Proske, an diesem Abend der Einzige in schwarzem Hemd und Hose, sagte sofort zu, als die Anfrage zu dem ungewöhnlichen Konzert kam. „Ich habe mich nur gefragt: Und die Instrumente?“, sagt er.

Die Raumfeuchtigkeit war auch einer der ersten Aspekte, mit denen sich die Studierenden beschäftigt hatten. Doch zu aller Überraschung stellte sich im Hallenbad heraus, dass die Feuchtigkeit fast zu gering war. „Mein Messgerät zeigte 38 Prozent“, erzählt Christiane Schulze. Nur die Temperatur von etwa 30 Grad im Hallenbad habe ihr zu schaffen gemacht: „Wenn man nicht im Bikini dasteht, fängt man an zu schwitzen.“ Und was das Spielen auf einem Saiteninstrument erschwert: Die Finger rutschen schnell ab. Doch mithilfe eines Handtuchs habe alles funktioniert, sagt sie.

Baden in Klängen – Hallenbad EBE (Video: Copyright / All Rights Reserved)

Auch der Akkordeonspieler steht vor einer ungewohnten Herausforderung: dem im Gegensatz zu einem Konzertsaal deutlich größeren Halleffekt. Um die tiefen Töne durchkommen zu lassen, müsse man die Spieltechnik anpassen, erklärt Leoš Frahnke.

Hochkonzentriert begleiten Leoš Frahnke (Akkordeon) und Christiane Schulze (Zither) den Textvortrag von Carolin Jurkat (Sprechstimme und Gesang) – im Hintergrund im grünen Bademantel.
Hochkonzentriert begleiten Leoš Frahnke (Akkordeon) und Christiane Schulze (Zither) den Textvortrag von Carolin Jurkat (Sprechstimme und Gesang) – im Hintergrund im grünen Bademantel. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Sorge, dass anspruchsvolle Musik und Texte der Badefreude im Weg stehen könnten, bestätigt sich nicht im Geringsten. Das zeigen der frenetische Applaus und die begeisterten persönlichen Dankesworte. Viele Besucherinnen und Besucher betonen sogar, sie hätten für ein solches Event gern mehr bezahlt als nur den regulären Schwimmbadtarif.

An das Honorar denken die drei Studierenden offensichtlich nicht, ihre strahlenden Gesichter zeigen, dass sie sich einfach nur freuen. Carolin Jurkat, selbst leidenschaftliche Schwimmerin, ist besonders glücklich darüber, auf dem Wasser gesungen zu haben. Christiane Schulze über die enge Zusammenarbeit im Team „und die große Unterstützung von den Leuten im Bad“. Für Leoš Frahnke war das Schönste, „dass wir bei diesem Experiment gemeinsam mit dem Publikum etwas Neues entdecken und ein gemeinsames Erlebnis schaffen konnten.“ Denn, so ergänzt er: „Im normalen Konzert ist das Publikum da, um etwas zu erleben – hier wussten wir alle nicht, was passiert!“

Das Motto „Baden in Klängen“ nimmt Carolin Jurkat (Sprechstimme und Gesang) wörtlich - selbst beim Deklamieren der Texte – von „Daphne's Diary“ bis „Faust, zweiter Teil“.
Das Motto „Baden in Klängen“ nimmt Carolin Jurkat (Sprechstimme und Gesang) wörtlich – selbst beim Deklamieren der Texte – von „Daphne’s Diary“ bis „Faust, zweiter Teil“. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Und was meint die Professorin? Bekommt das Trio eine gute Zensur für die Aufführung? „Was für mich sehr angenehm ist: auf das Projekt gibt es keine Note, nur eine Bestätigung über die Teilnahme“, entgegnet sie lachend.  Der Stolz über den gelungenen Abend ist ihr aber deutlich anzusehen. Sie sei hochzufrieden mit der gezeigten Leistung, sagt sie. „Das geht ja weit über das reine Spielen hinaus.“ Einen Ort zu finden, eigenständig Kontakte und Absprachen zu regeln, Stücke und Text auszuwählen, die Dramaturgie zu entwickeln, das umfasse die komplette Bandbreite der „Cultural Entrepreneurship“, erklärt Sonja Stibi. „Und am Ende hat Goethe aus Carolin gesprochen!“

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