Echt jetzt? Die Griechen arbeiten mehr als wir? | ABC-Z

Liebe Leserin, lieber Leser,
bislang habe ich es mit Panikmache abgetan, wenn mir Leute ihr Kurbelradio präsentierten, ihre stets aufgeladene Powerbank, den Wasservorrat im Keller, die Dosen mit Ravioli („kannst du zur Not auch kalt essen“). Doch nach dem letzten Stromausfall, der meinen Nachbarbezirk in Berlin lahmgelegt hatte, wurde mir klar, dass wir alle ziemlich verletzlich sind. Da reicht schon ein Anschlag von Linksextremen auf eine Kabelbrücke, und bei 45.000 Menschen bleibt es dunkel, die Heizung fällt aus, dazu das warme Wasser und auch noch das Internet. Und zwar tagelang bei strengem Frost!
Ich habe mir dann schließlich doch so ein Ding bestellt, das alles kann: Es ist Radio, Powerbank und Taschenlampe in einem. Wenn die Batterie leer ist, kann ich es mit einer Kurbel aktivieren. Zwei große Sixpacks Wasser werden wir uns jetzt auch in den Keller stellen. Aber Ravioli? Halte ich für übertrieben. Wir werden schon nicht verhungern.
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Energie-Riese RWE lagert Daten in die Amazon-Cloud aus
Klar ist, wir sind verletzlicher geworden. Offenbar schaffen es Terroristen, mit ein wenig Internet-Recherche herauszufinden, wo so ein Stromnetz im Berliner Südwesten besonders anfällig ist. Jedenfalls sind viele Daten über die kritische Infrastruktur, also Wasser, Strom, Energie, transparent im Netz dargestellt, das haben meine Kollegen Jan Dörner und Christian Unger nach dem Stromausfall hier beschrieben.
Welche Daten, etwa aus Kraftwerken wie dem RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath im rheinischen Revier, lässt der Konzern in der Amazon-Cloud?
© picture alliance / ZB/euroluftbild.de | Hermann Klöpper
Ziemlich mulmig wird mir bei der Recherche meines Essener Kollegen Stefan Schulte. Er fand heraus, dass Deutschlands größter Energiekonzern RWE sensible Daten in einer Amazon-Cloud speichert. Also bei einem der größten US-Tech-Giganten. Und das in Zeiten, in denen die Trump-Administration bei jeder sich bietenden Gelegenheit uns Europäern klarmacht, dass wir uns eben nicht mehr auf sie verlassen können.
Renommierte Sicherheitsexperten erklären, warum es durchaus berechtigt ist, dieses mulmige Gefühl zu haben. Allerdings ist auch klar: Eine Alternative zu den US-Tech-Konzernen haben wir in Europa im Moment kaum. Ich würde auch lieber heute als morgen auf Paypal verzichten, den Bezahldienst, hinter dem der rechtslibertäre Peter Thiel steckt. Und wer kommt schon ohne Apple, Microsoft und Google aus?
Wahrscheinlich ist es doch so: Wir leben alle im Hier und Jetzt, und da nehmen wir eben das zur Hilfe, was funktioniert. Ich nenne es mal Alltagspragmatismus.
Kryoniker wollen nach dem Tod wieder aufgetaut werden
Gedanken, die über unser aktuelles Dasein hinausgehen, stehen im Zentrum der Kryoniker. Noch nie gehört? Das sind Menschen, die sich nach ihrem Tod bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff konservieren lassen – bis die Wissenschaft so weit ist, sie wieder zum Leben zu erwecken. Das Ganze kostet ziemlich viel Geld, inzwischen steckt dahinter schon ein Unternehmen, das für die reibungslose Konservierung sorgt, sobald bei einem registrierten Kryoniker der Sterbeprozess einsetzt.
Meine Kollegin Natalja hat sich von einem Kryoniker erklären lassen, was er sich erhofft, sollte er tatsächlich wieder aufgetaut werden können. Und der Chef des Unternehmens beschreibt, wie der Prozess funktioniert und warum er sich vorstellen kann, dass die Medizin eines Tages weit genug ist für den Wiederbelebungsprozess.

Das Start-up Tomorrow Bio konserviert menschliche Körper für ein mögliches Leben in der Zukunft.
© Tomorrow Bio | Tomorrow Bio
Wenn es so kommt, dann schlägt die Wissenschaft tatsächlich eines Tages der Geburt und auch dem Tod und damit dem Anfang und Ende des Lebens ein Schnippchen. Die Frage ist, ob unsere Nachkommen etwas mit den aufgetauten Toten anfangen können. Ich will es mir auch gar nicht vorstellen.
So geht es mir oft, wenn es um Zukunftsforschung geht. Um Dystopien und Science-Fiction. Als ich vor Jahren das Buch von Margaret Atwood (The Handmaid’s Tale) las und auch die spätere Serie dazu auf Netflix sah, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es tatsächlich mal ein US-Amerika geben könnte, in dem die noch wenigen fruchtbaren Frauen gezwungen werden, einer sektenartigen autokratischen Elite als Gebärmaschinen zu dienen. Mittlerweile ist das gar nicht mehr so abwegig, wenn die Irrsinns-Spirale der Trump-Administration samt aller gesellschaftlichen Verwerfungen mit einer weiteren Umwelt- und Klimazerstörung einhergeht.
ICE-Agenten treten auf wie die Gestapo: Ist dieser Vergleich erlaubt?
Und so ist es auch mit der Geschichte. Wer hätte gedacht, dass Grenzschutzbeamte der USA eine Brutalität an den Tag legen und ein Auftreten haben würden, das an die Gestapo der 1930er-Jahre in Deutschland erinnert – Ledermantel inklusive?

Gregory Bovino war bis vor Kurzem Oberbefehlshaber der Border Patrol in Minneapolis.
© REUTERS | Madison Swart
Die ICE-Agenten mit der Gestapo zu vergleichen, hält der Potsdamer Historiker Dominik Rigoll jedenfalls für legitim. Auch er habe seinen Augen nicht trauen können, als der ehemalige ICE-Oberbefehlshaber in Minneapolis, Gregory Bovino, in den Straßen mit Ledermantel auftrat, sagte Rigoll im Interview, das Günter Marks mit ihm führte.
Liebe Rheinländer, ich gönne euch den Karneval
Die Rheinländer unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, haben es in diesen Tagen gut: Sie dürfen beim Karneval so richtig ausspannen. Ein paar von diesen inoffiziellen Feiertagen, an denen in den Büros doch kaum einer arbeitet, ohne dafür Urlaub zu nehmen, würden auch uns hier in Berlin guttun. Oder ist das nur ein unbewiesenes Klischee? Jedenfalls stecken wir hier ganz schön im Hamsterrad, dazu ist es auch noch viel kälter als im Westen und Feiertage gibt es auch kaum.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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Werbevereinbarung
zu.
Da kann schon mal der Wutpegel nach oben schnellen, wenn dann auch noch ein Bundeskanzler gegen Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche wettert. Und der Wirtschaftsflügel der Union noch einen draufsetzt und von „Lifestyle-Teilzeit“ spricht. Als ob wir nicht alle ohnehin schon ackern wie blöd, als ob wir nicht alle im Hamsterrad rennen und rennen, ohne dass eine Pause in Sicht ist.
Ausgerechnet die Griechen deregulieren ihren Arbeitsalltag – und schuften mehr

„Auf Arbeit“ sind in Griechenland die Beschäftigten auch an sechs Tagen in der Woche.
© picture alliance / photothek | Florian Gaertner
Und nun das: Ausgerechnet die Griechen rennen mehr. Sie haben die Arbeitszeitgesetze gelockert in Richtung Sechs-Tage-Woche, 13-Stunden-Tage und komprimierter Wochenarbeitszeit, die auch an vier statt fünf Tagen geleistet werden darf. Der Effekt mache sich schon im Bruttoinlandsprodukt bemerkbar, schreibt unser Korrespondent Gerd Höhler. Dabei hatten wir doch Griechenland als Pleiteland in Erinnerung?
Ich bin hin- und hergerissen, ob ich es gut finde, dass ich gezwungen werde, nach zehn Stunden in Freizeit zu gehen, oder ob ich lieber auch an vier Tagen meine Wochenarbeitszeit abrocken will – zum Beispiel für einen freien Freitag? Auf jeden Fall ist Vorsicht angesagt. Denn Arbeitszeitgesetze sind schnell gelockert. Sie wieder einzufangen im Sinne der Beschäftigten ist schwer.
Abgesehen davon: Mehr Arbeit heißt ja nicht zwangsläufig mehr Leistung, mehr Kraft. Dafür wiederum ist das karnevalsfreie und feiertagsarme Berlin das beste Beispiel.
Also lautet meine Empfehlung für dieses Wochenende: Mehr Karneval für alle. Genießen Sie die Tage, wenn Sie dabei sind. Wenn nicht, machen Sie das Beste daraus.
Es grüßt Sie herzliche
Ihre Birgitta Stauber





















