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Streng gehütete Geheimnisse: Silber und Bronze für Deutschland im Skeleton – Sport | ABC-Z

Skeleton ist eine Geheimwissenschaft. Das liegt zum einen daran, dass nur wenige Menschen jemals bäuchlings, Kopf voran und die Nase über dem Eis, mit Geschwindigkeiten um 125 km/h durch eine Röhre geschossen sind. Erfunden haben diesen Sport übrigens vor hundert Jahren die sich im Engadin langweilenden Engländer. Ein Geheimnis bleibt Skeleton aber auch deshalb, weil alle wissenschaftlichen Erkenntnisse streng gehütet und „intern behandelt werden“, wie der deutsche Cheftrainer Christian Baude sagt. Erst eine Woche vor Olympia wurden, wie er jetzt offenbarte, in Berlin die letzten Verkleidungen an den Rahmen fertiggestellt, in Altenberg in Sachsen getestet und in die Dolomiten transportiert. Das hat den deutschen Athleten in der Bob- und Rodelbahn von Cortina d’Ampezzo binnen zwei Tagen jeweils zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen beschert.

Am Samstagabend fuhr die ehemalige Weltmeisterin Susanne Kreher, 27, aus Annaberg-Buchholz auf Platz zwei. Sie war erstmals in ihrer Karriere und erst nach dem letzten Weltcup für die Winterspiele auserwählt worden. Nach vier souveränen Läufen ließ sie auch die Kollegin Jacqueline Pfeifer, 31, hinter sich, die vor acht Jahren in Pyeongchang – damals unter ihrem Mädchennamen Lölling – Silber gewonnen hatte. Schneller als das deutsche Duo war nur die Österreicherin Janine Flock, 36, bei ihren vierten Spielen, sie holte Gold. Hannah Neise, vor vier Jahren Siegerin in Peking, wurde Vierte.

Einen Tag zuvor waren bereits Axel Jungk und Christopher Grotheer kopfüber zu Silber und Bronze gerast. Bundestrainer Baude lobte die vorzüglichen Fahrkünste seiner Skeletoni; auch Felix Keisinger aus Berchtesgaden hatte sich noch unter den weltweit besten Sechs platziert. Ein besonderer Dank ging an das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin, wo die Ingenieure bis zuletzt an der Aerodynamik der Gerätschaften gefeilt hatten. Fast täglich, sagte Baude, habe er in den vergangenen Monaten mit den Berliner Experten telefoniert, alles unter großer Verschwiegenheit.

Um Spionage im Eiskanal vorzubeugen, wird das Material unter Verschluss gehalten

Wie viel wissenschaftliche Akribie bis zuletzt in die Stahlrahmen, Fiberglaswannen und Kufen geflossen ist, war im Januar, wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier in Cortina, in den Materialwerkstätten des FES am Ufer der Spree zu besichtigen. Aus grünem Kunststoff wurden in hochautomatisierten Prozessen noch Formen für die Wannen gefräst. Längst profitiert auch die Olympiamannschaft im Skeleton wie die Bobfahrer, Bahnradfahrer oder Kanuten vom Berliner Know-how. „Die Skeletons werden zu hundert Prozent vom FES gebaut“, sagte Ronny Hartnick, der stellvertretender Institutsleiter; das einzige Fremdmaterial sei der Kufenstahl, aber auch der wird in Berlin gefräst. Alle deutschen Athletinnen und Athleten erhielten individuell auf ihre Körpermaße abgestimmtes Material, manch einer in dieser Saison sogar mehrere Prototypen. Vierzig Kufen wurden entworfen, zehn nach Cortina mitgenommen.

Unter Verschluss hält Bundestrainer Baude das Material, um einer Spionage im Eiskanal vorzubeugen, wie er erläutert: „Wir wollen das Risiko vermeiden, dass Sachen kopiert werden können.“ Die schnittigen Olympiaschlitten mit sämtlichen optimierten Einzelteilen fuhr das deutsche Team tatsächlich erst, als es ernst wurde bei den Winterspielen – und vorher im Training in Altenberg. „Wenn alles funktioniert, werden wir bei Olympia komplett neu dastehen, von Kopf bis Fuß“, hatte Baude im Januar angekündigt. Die letzten Tüfteleien veränderten allerdings nicht das Fahrverhalten der Schlitten, sondern verbesserten die Windschnittigkeit. Kleinste Veränderungen können laut Baude zwei bis drei Zehntelsekunden ausmachen: „Bei vier Läufen ist das eine Sekunde“, sagt er: „Und eine Sekunde ist im Skeleton sehr viel.“

Durch schnelle Sprints in Schwung und auf Geschwindigkeit bringen müssen dann aber die Pilotinnen und Piloten des deutschen Bob- und Schlittenverbands das Material. Steuern müssen sie ebenfalls allein. Auch andere Länder, allen voran die Briten, bis heute die erfolgreichste olympische Skeletonnation, verfügen über Hightech-Unterlagen, wie Matt Weston in Cortina bewies. Der Weltmeister ist der überragende Skeletoni des Winters, im Weltcup hatte er fünf von sieben Rennen gewonnen, und nach vier souveränen Sausen bäuchlings durch die Dolomiten-Röhre sicherte er Team Britain die erste Goldmedaille dieser Spiele. Er ist nun der erste männliche Winter-Olympiasieger auf der Insel seit dem Eiskunstläufer Robin Cousins vor 46 Jahren in Lake Placid.

Silbermedaillengewinner Axel Jungk, 34, war im Abschlussklassements des Weltcups auf Platz vier gekommen. Grotheer, 33, der Goldmedaillengewinner von Peking, wurde lange durch Verletzungen, unter anderem einem Muskelfaserriss, gebremst und auf Rang neun notiert. Aber in diesem Sport zählt vor allem Olympia. Ein Teamwettbewerb folgt noch. Und was die deutschen Skeletoni in petto haben, wurde erst am Wochenende enthüllt.

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