Olympische Winterspiele: Kasachen gibt’s | DIE ZEIT | ABC-Z

Über wen reden heute alle?
Michail Schaidorow, seinen Nachnamen merken wir uns, ist nun Olympiasieger im Eiskunstlauf. Der 21-jährige Kasache mit der Zahnspange nutzte die Gunst eines historischen Wettkampfs, der die Fans aufgrund seiner Dramatik, aber auch seiner Qualität schocken sollte. Schaidorow, Fünfter nach der Kurzkür, lief zu einer Zeit, als man die Sache noch gar nicht für spannend hielt. Das Sprungtalent zeigte dann einen fehlerfreien und sehr athletischen Lauf. Man sah aber auch, dass er an seinen Pirouetten noch arbeiten könnte. Und dachte: Ganz vielleicht, mit viel Glück und nur unter besonderen Umständen könnte das für die Bronzemedaille reichen. An Gold kein Gedanke.
Der Rest wurde zum Sturz- und Stolperfestival. Die drei Favoriten bewegten sich übers Eis, als liefen sie im Max-Morlock-Stadion Schlittschuh. Adam Siao Him Fa lag mehrfach, Yūma Kagiyama hatte selbst beim Vorwärtslaufen Probleme, am tiefsten fiel Ilia Malinin. Dem US-Star spielten die Nerven einen Streich, vielleicht gingen ihm auch die Kräfte aus. Ein Beispiel: Er setzte zum vierfachen Axel an, schaffte aber nur einen einfachen.
Während die anderen purzelten, saß Schaidorow auf dem Stuhl des Führenden und konnte nicht glauben, dass er Kür um Kür da sitzen blieb – bis zum Ende. Es wurde das erste Wintergold für die Kasachen seit 1994, als Wladimir Smirnow in Lillehammer die 50 Kilometer Langlauf gewann.
Was wird heute wichtig?
Curling war einst, so wollte es das Klischee, ein Spiel für die gesellige Rentnergruppe. Längst weiß jeder Sportsfreund, dass dieser Sport strategisches Geschick und auch Beweglichkeit verlangt. In Mailand liefert das deutsche Team um Skip Marc Muskatewitz. Gegen Italien lag es gestern 2:4 zurück und gewann 6:5 nach einem Take-out der Marke Weltklasse. Für den Gastgeber war es die erste Niederlage, für Deutschland der zweite Sieg nach der Auftaktniederlage gegen Kanada.
Im Curling spielt man Round Robin, ein Turniersystem, bei dem jede Mannschaft einmal gegen jede andere Mannschaft antritt. Dies ist das Standardformat bei großen Wettbewerben. Wäre es Fußball, würden alle schreien: Das Turnier ist aufgebläht. Dennoch, es wird Zeit, einzusteigen. Heute trifft Deutschland um 14.05 Uhr auf die USA. Die Stimmung ist gut im Curling Olympic Stadium in Cortina d’Ampezzo. Die begeisterten Heimfans singen ständig den alten Hit Sarà perché ti amo. Und glänzen die Steine nicht wunderschön?
Im Eishockey legen die Frauen mit der K.o.-Runde los. Um 16.40 Uhr ist Bully für Deutschland im Viertelfinale. Gegner ist Team Kanada, das zwölf von zweiundzwanzig WM-Titeln gewann, fünf von sieben Olympiasiegen, und Weltranglistenerster ist. Das Team des Bundestrainers Jeff MacLeod kann also Ihre Unterstützung gebrauchen. Immerhin: Der Mann ist Kanadier, das könnte helfen.
Was machen die Deutschen?
Philipp Raimund will sein zweites Gold. “Ich bin hungrig auf mehr”, sagt der Olympiasieger im Skispringen von der Normalschanze. An diesem Samstag geht es auf den großen Bakken (altnordisch bakki, der Hügel). Im Training zeigte er gute Form. Der Slowene Domen Prevc sprang mit 138,5 Metern deutlich am weitesten. “Er macht es schon sehr, sehr, sehr, sehr, sehr gut”, sagte Raimund über den Führenden im Weltcup (wenn wir richtig mitgezählt haben), der auf der Normalschanze ohne Medaille blieb und etwas gutmachen will.
Der Oberstdorfer Alexander Schmid will im Riesenslalom, trotz kürzlich erlittenen Haarrisses am rechten Sprunggelenk, aufs Podium. Weltmeister wurde er vor zwei Jahren im Parallelrennen, das war der erste WM-Titel der deutschen Männer, seit der Oberstdorfer Hansjörg Tauscher 1989 in Vail die Abfahrt gewann, weil er als einziger die Ideallinie in der rattle snake alley (Klapperschlangengasse) erwischte. Eine der größten Sensationen in der Geschichte des Alpinsports.
In Antholz versucht Franziska Preuß, 31, im Biathlon-Sprint (7,5 Kilometer) ihre erste olympische Einzelmedaille zu gewinnen. Dazu muss sie ordentlich Zielwasser trinken. Über 15 Kilometer lag sie auf Gold-Kurs, schoss sich dann aber zu zwei Strafminuten.
Neues aus Norditalien
Mein Kollege Fabian Scheler geriet in ein Volkssport-Event, er schreibt uns aus Bormio:
“Weil die Winter in den Bergen nicht enden wollen, kommt man auf Ideen. Zum Beispiel: Die Innenstadt mit Schnee vollkippen und darauf einen Langlauf in historischen Kostümen austragen. Il Palio delle Contrade di Bormio heißt dieser Wettbewerb, der eine Ode an die alpine Kultur von Bormio ist. Er bringt das gesamte Bergdorf auf die Beine und jeder, der will, tritt in den Farben seines Stadtviertels an. Langlaufeinzel, Langlaufstaffel und eigentlich auch Abfahrt, doch die Piste brauchen an diesem Tag dummerweise die olympischen Riesenslalomfahrer. Deswegen war die 60. Ausgabe des Palio abgespeckt, aber egal, wann wird wohl das eritreische Skiteam noch mal Zeuge dieser herrlichen Bergtradition? Teilgenommen wird vom Kind bis ins hohe Alter, manche der Einwohner standen auf Ski sicherer als in Schuhen. Und der verkleidete Pater wirkte, als wäre er vor allem an der Schnapspause am Streckenrand interessiert.”





















