Marinerüstung: Bei den nächsten deutschen Fregatten könnte die Werft Blohm+Voss leer ausgehen | ABC-Z

Hamburgs letzte große Werft wurde in den vergangenen Jahren wieder zu einem Zentrum der Marinerüstung ausgebaut. Doch wegen der Verzögerung beim Bau der neuen Fregatten des Typs F126 könnte Blohm+Voss den Auftrag zur Endmontage der Kampfschiffe verlieren.
Deutschland und Europa müssen aufrüsten, um ihre Fähigkeiten zur Verteidigung gegen Russlands Imperialismus zu erhöhen. Ausgerechnet vor diesem Hintergrund geriet das bislang größte Beschaffungsprojekt der Deutschen Marine auf Schlingerkurs: Dem niederländischen Werftunternehmen Damen Naval ist es in den vergangenen Jahren als Generalunternehmer nicht gelungen, die Produktion der nächsten deutschen Fregattengeneration F126 zeitgerecht umzusetzen. Der ursprünglich vorgesehene Termin für die Ablieferung der ersten von insgesamt sechs F126 im Jahr 2028 ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu halten, frühestens 2032 erscheint dafür nach aktuellem Stand realistisch.
Das Bundesverteidigungsministerium hat deshalb die beiden wichtigsten Unternehmen der deutschen Marinerüstungs-Industrie parallel ersucht, eine Lösung für das Problem zu finden – das Bremer Unternehmen Naval Vessels Lürssen (NVL) mit mehreren Werften an Nord- und Ostsee und das mehrheitlich zu ThyssenKrupp gehörende Unternehmen TKMS mit seiner Großwerft in Kiel und einer Werft in Wismar. Entscheiden wird das Ministerium über die Alternativen – oder über eine Kombination von beiden – wohl bis zum Sommer.
NVL war mit seinen Werften Blohm+Voss in Hamburg und Peene Werft in Wolgast von Beginn an in die Produktion der F126 eingebunden, als Subunternehmer von Damen Naval. NVL ist es kürzlich – anders als zuvor Damen Naval – gelungen, die Konstruktionsdaten für die neue Fregatte in sein Produktionssystem zu überführen. „Auf Basis des bisherigen Prüfverfahrens und der konstruktiven Zusammenarbeit mit unseren Partnern und dem öffentlichen Auftraggeber gehen wir davon aus, die Projektübernahme in wenigen Wochen erfolgreich abzuschließen und das Projekt als Generalunternehmer fortzuführen“, schreibt NVL auf Anfrage von WELT AM SONNTAG.
Die eigenen Werften und auch die des Projektpartners German Naval Yards in Kiel werden, wenn NVL das Projekt übernimmt, noch intensiver in die Fertigung der F126 einbezogen. Blohm+Voss ist dabei für die Endausrüstung, Werfterprobung und Ablieferung der Schiffe vorgesehen: „Wir prüfen derzeit alle Möglichkeiten und Hebel zur Beschleunigung – mit dem klaren Ziel, eine schnellstmögliche Lieferung der sechs Fregatten der Klasse 126 zu realisieren. Dazu gehört eine effiziente Einbindung und Synchronisierung der Fertigungsstandorte.“ Die geplanten sechs F126 werden voraussichtlich bis zu zehn Milliarden Euro kosten. Die F126 ist für die U‑Boot‑Jagd und die dreidimensionale Seekriegsführung – unter Wasser, auf See, in der Luft – ausgelegt. Sie soll die Fregatten F123 der „Brandenburg-Klasse“ bei der Deutschen Marine ablösen.
Ein ganz anderes Bild wird sich allerdings ergeben, wenn TKMS den Zuschlag erhält. Deutschlands größtes Werftunternehmen ist spezialisiert auf den Bau von U-Booten, TKMS fertigt aber auch Überwasser-Kampfschiffe, darunter die Fregattenreihe Meko A-200, die vor allem exportiert wird, zuletzt etwa an die Marine von Ägypten. Anfang Februar schloss TKMS einen Vorvertrag mit dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) ab. TKMS will eine modifizierte Version mit dem Namen Meko A-200 DEU (siehe Visualisierung l.) für die Deutsche Marine bauen und könnte das erste Schiff dieser Reihe bereits 2029 abliefern. Der Bundestag hat für diese Alternative einen finanziellen Rahmen von 7,8 Milliarden Euro geschaffen, der den Bau von bis zu acht Meko A-200 DEU ermöglichen würde.
In Fachkreisen wird bezweifelt, dass die etwa 121 Meter lange Meko A-200 mit einer Verdrängung von 4000 bis 5000 Tonnen auch nur annähernd an die Kampfkraft der mehr als doppelt so schweren, rund 166 Meter lange F126 heranreicht. TKMS geht dennoch davon aus, mit dem schnell zu bauenden Schiff eine Alternative für die Deutsche Marine bereitstellen zu können: „Die Meko A-200 verfügt über ein vergleichbares Fähigkeitsprofil zur F126, mit einem klaren Schwerpunkt auf der U-Boot-Jagd“, teilte TKMS WELT AM SONNTAG mit.
Blohm+Voss wäre am Bau dieser Schiffe nicht beteiligt. „Der Bau der deutschen Meko A-200 würde bei der Heinrich Rönner-Gruppe in Bremerhaven erfolgen. Zugleich bauen wir unsere Kapazitäten im Überwasserschiffbau weiter aus, etwa am Standort Wismar“, schreibt TKMS. Bei Rönner wurden in den vergangenen Jahren drei der vier Meko A-200 für Ägypten gebaut. Die Werft in Wismar übernahm TKMS nach der Insolvenz von MV Werften und rüstet die Anlagen für Marineschiffe um.
Für Blohm+Voss mit seiner mehr als 400 Menschen zählenden Stammbelegschaft wäre ein Totalverlust des Projektes F126 ein schwerer Schlag. Hamburgs letzte große Werft hat sich in den vergangenen Jahren nach vielen Krisen auf die Endfertigung von Großkampfschiffen spezialisiert, zuletzt mit dem Bau von fünf Korvetten des Typs K130. Darauf folgend, sollte das Projekt F126 eigentlich auch in Hamburg jetzt bereits für die weitere Grundauslastung der Anlagen sorgen. „Wir prüfen alle Optionen, die eine Projektbeschleunigung im Interesse des öffentlichen Auftraggebers und der Deutschen Marine ermöglichen“, schreibt NVL. Blohm+Voss käme eine Schlüsselrolle zu, wenn es NVL gelänge, das Projekt F126 zu übernehmen.
NVL selbst wiederum soll wohl noch im laufenden ersten Quartal von der Familie Lürssen an Deutschlands größten Rüstungskonzern Rheinmetall verkauft werden. Die nötigen Kartellprüfungen dafür laufen derzeit. Beides, ein Verkauf an Rheinmetall und eine gute Grundauslastung mit der F126 in den kommenden Jahren, würde Blohm+Voss zum – neben der TKMS-Werft in Kiel – wichtigsten deutschen Zentrum für die Marinerüstung machen. Denn auch den Bau von unbemannten Systemen, „Drohnen“ für den Einsatz etwa bei der Deutschen Marine, will NVL in den kommenden Jahren auf seiner Hamburger Werft deutlich ausbauen.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Werften und Häfen, und auch über die Marinerüstung.




















