Das rote Herz – wie ein Symbol die Welt eroberte | ABC-Z

Berlin
Rot und rundum romantisch: Zum Valentinstag hat das Herzsymbol Hochkonjunktur. Doch wie kam es zu dem sympathisch-symmetrischen Icon, das überall auf der Welt verstanden wird und zu den beliebtesten Emojis gehört? Die Kunst- und Kulturgeschichte offenbart so manche Überraschung – und eine Erkenntnis: Mit dem wichtigsten menschlichen Organ hat das formschöne Piktogramm herzlich wenig zu tun. Die gesellschaftliche Bedeutung aber hat sich mit den Jahren so gewandelt, dass es inzwischen sogar Verwirrung stiften kann.
Wie malt man ein menschliches Herz? Eine überraschend anatomisch-korrekte Antwort gibt schon Anfang des 14. Jahrhunderts der Renaissancemaler Giotto di Bondone: Im italienischen Padua zaubert er ein Fresko an die Wand einer Kapelle, das den bayerischen Kardiologen Armin Dietz noch heute auch beruflich beeindruckt. “Ein Herzkranzgefäß ist dargestellt und auch die großen Herzgefäße. Das hat eine sehr deutliche Ähnlichkeit mit dem wirklichen Herzen”, sagt er.
Dietz, 84, ist als Klinik-Chefarzt lange im Ruhestand, doch die Medizingeschichte des Herzens hat ihn als Buchautor nicht losgelassen. “Giotto muss eine Autopsie gesehen haben”, sagt er. Das wäre nicht ungewöhnlich für seine Zeit, als es gerichtlich angeordnete Obduktionen für Todesursachen gab – zum Beispiel im nahen Bologna.
War Giotto in anatomischen Herzensangelegenheiten auf der richtigen Spur, tappten die Illustratoren französischer Minnelieder im hohen Mittelalter eher im Dunkeln. Sie zeichneten das Herz, allegorisch einer Angebeteten überreicht, als eine Art Pinienzapfen. Ihre Vorstellung stand noch ganz in der Tradition des griechischen Arztes und Philosophen Galen aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, der das menschliche Herz so beschrieben hatte. Doch er irrte, weil er in seiner Zeit wohl nur Tier-Sektionen kannte.
In den mittelalterlichen Buchmalereien aus Frankreich taucht dafür ein neues Element auf: die Farbe Rot für Leidenschaft. Emotional aufgeladen entstand so auch mit Rückgriff auf antike Efeu- und Feigenblatt-Dekore das formschöne rote Herzsymbol. “Auch als das korrekte anatomische Wissen weiter verbreitet war, konnte es diese simple Herzform nicht mehr aus der Bildsprache verdrängen”, sagt Dietz. Das Herzsymbol war kein Organ mehr, es war ein Konzept. Überdies fand es – grafisch ansprechend – seit dem 14. Jahrhundert auch als Spielkarten-Herz in vielen Ländern Verbreitung, ergänzt er.
Gradlinig führt der Weg dennoch nicht zum Emoji auf dem Smartphone. “Ich denke, dass die ganze Herzsymbolik im europäischen Mittelalter nur in Korrelation mit dem christlichen Glauben zu verstehen ist”, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg. “Rot steht dabei zentral für die Liebe Gottes zu den Menschen.” Eine Welt ohne Gott hätten sich die Menschen der damaligen Zeit gar nicht vorstellen können.
Erst mit der Aufklärung und vor allem der Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert verschiebe sich die Bedeutung des roten Herzens vorwiegend in den weltlichen Bereich, erläutert der Wissenschaftler: “Es wird zum zentralen Symbol der Liebe der Menschen untereinander.” Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die Bedeutung um Sexualität erweitert. “Und in der Gegenwart steht es nun ganz allgemein für Zuneigung”, sagt Hirschfelder.
Das macht es nicht einfacher. “Wir sind in Herzensangelegenheiten heute ausgesprochen ambivalent”, urteilt der Kulturwissenschaftler. “Liebe bedeutet im romantischen Sinn immer noch, sein Herz auf Dauer zu verschenken. Das will die moderne Welt auch so haben. Nur kann sie es nicht ertragen, und sie glaubt auch nicht mehr daran.” Belege für diese These sieht der Forscher in Eheverträgen, Scheidungsraten und neuen Freundschaft-Plus-Konzepten. “Der Glaube an die ewige Liebe, für die das rote Herzsymbol einmal stand, ist heute im Grunde nur noch in der Soap da”, sagt Hirschfelder.
Selbst als weltweit beliebtes Emoji ist das rote Herz einem permanenten Wandel unterworfen. “Wenn ich heute von einer Studentin ein Herzchen aufs Handy bekomme, weil ich ein Gutachten schneller schreibe, dann weiß ich, dass das “vielen Dank, nett von Ihnen” heißt”, sagt Hirschfelder. “Vor 20 Jahren hätte ich gedacht: Was ist denn jetzt los?”.
Wer heute ein Herzsymbol erhält, muss also erst einmal die Ebene einordnen: Netiquette, Freundschaft oder Liebe? “Vor allem Frauen sind mit Blick auf die Aussage des roten Herzchens gelegentlich verwirrt, weil sie nicht wissen, was genau damit gemeint ist”, sagt Psychologe und Buchautor Wolfgang Krüger. Das betreffe inzwischen auch die Kommunikation mit anderen Kulturkreisen wie zum Beispiel China oder Japan, die einen ganz anderen Umgang mit dem Thema Liebe pflegten. Das heißt dann: Augen auf beim Herzgebrauch – auch am Valentinstag.
Wird das Herz-Icon bei dieser rasanten Entwicklung schließlich entwertet? Kulturwissenschaftler Hirschfelder nennt es lieber “Symbolreduktion”. “Das rote Herz ist eine universelle Allzweckwaffe geworden. Es ist schneller verschickt als zwei erklärende Sätze geschrieben sind”, sagt er. Das sei auch ein Anzeichen dafür, dass Sprache und Sprachkompetenz in einer Gesellschaft nachließen. Neu sei auch das nicht. “Wir haben überall dieses Bedürfnis nach der Reduktion von komplexen Dingen. Das Osterei ist eben leichter zu verstehen als die komplette Auferstehungsgeschichte.”
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