Berlinale Wettbewerbsfilm: Das Autoritäre und sein sicherer Applaus | ABC-Z

Als Derya (Özgü Namal) unter anhaltendem Applaus die Bühne des türkischen Staatstheaters verlässt, ahnt sie noch nicht, dass dieser Abend den vorläufigen Höhepunkt ihrer Schauspielkarriere markieren wird. Vielleicht hätte sie ihn bewusster ausgekostet, hätte sie um die Zäsur gewusst – doch stattdessen hastet sie mit sichtbarer Gereiztheit durch die Gänge, vorbei an Mitarbeitern, die ihr zur gelungenen Premiere gratulieren wollen.
Sogar Aziz (Tansu Biçer), ihren Ehemann und Autor des Stücks, würdigt sie kaum eines Blickes. Der Anlass ihrer Verstimmung wirkt auf den ersten Blick gering, trifft ihre Eitelkeit allerdings ins Mark: Ausgerechnet der Gouverneur, eigens erschienen, um ihre Darbietung zu erleben, hielt es augenscheinlich nicht für nötig, sein Smartphone während der Aufführung auszuschalten. Gleich mehrmals klingelte es auf, die anerkennende Geste damit dahin.
Der Auftakt lässt erahnen, wie mühelos İlker Çatak aus dem Porträt dieses Ehepaars ein dichtes Charakterdrama entwickeln könnte. „Gelbe Briefe“ aber ist ein anderer Film geworden. Derya und Aziz bleiben zwar das Epizentrum, allerdings einer exemplarisch angelegten Erzählung über die Zermürbungstaktiken autoritärer Systeme.
Der Wettbewerbsfilm läuft zu folgenden Zeiten
14.02., 14.45 Uhr, Uber Eats Music Hall 15.02., 12.45 Uhr, Urania20.02., 12.30 Uhr, Zoo Palast 122.02.,19 Uhr, Uber Eats Music Hall
In das Mahlwerk staatlicher Repression gerät das Ehepaar und seine 13-jährigen Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) nur wenige Tage später: Derya erfährt, dass das Stück bis auf Weiteres abgesetzt wird, während Aziz, der neben seiner Arbeit als Dramaturg auch als Universitätsprofessor tätig ist, unter fadenscheinigen Begründungen suspendiert wird.
In der Folge verwendet „Gelbe Briefe“ erstaunlich viel Zeit darauf, penibel das Repertoire staatlicher Einschüchterung durchzuspielen. Die Behörden erhöhen den Druck, in dem man sich beim Vermieter über die Familie „erkundigt“, Büroräume demonstrativ durchsucht, sie vielleicht sogar beobachten lässt. So ernst diese Vorgänge auch sind, bleiben sie doch zu schematisch erzählt, um die ihnen angemessene Wucht zu entwickeln.
Wie weit geht man?
Dass hier weniger das Individuelle als das Übertragbare im Mittelpunkt steht, spiegelt sich auch im Setting des Dramas. Konkrete Jahreszahlen fehlen, auch wenn die Monate nach dem Putschversuch im Sommer 2016 als Zeitpunkt der Ereignisse naheliegen. Handlungsort ist zunächst Ankara und später Istanbul, tatsächlich zu sehen sind aber Berlin und Hamburg.
İlker Çatak wollte bewusst nicht in der Türkei drehen, nicht dort von einem Unrecht erzählen, das er persönlich nicht erfahren hat. Deutlich mehr Dringlichkeit entwickelt „Gelbe Briefe“ allerdings gerade da, wo er sich weniger für das große politische Panorama interessiert und stattdessen das Persönliche, den unterschiedlichen Umgang der Eheleute mit der Repression in den Vordergrund treten lässt.
Als Derya, Ezgi und Aziz aus finanzieller Not schließlich bei dessen Mutter (İpek Bilgin) unterkommen, zerfasert der Film aber zunächst weiter: Zusätzliche Figuren werden eingeführt, neue Nebenschauplätzen etwa um die Tochter eröffnet. Erst danach wendet er sich dem zu, wo die tatsächlich interessanten Fragen aufscheinen.
Denn gewiss, die ausführliche moralische Anklage autoritärer Systeme sichert – zumal bei einem Publikum, wie es „Gelbe Briefe“ zu erwarten hat – verlässlichen Applaus. Unbequemer und erkenntnisreicher aber wird es dort, wo die Selbstvergewisserung der Zuschauenden endet und die Befragung beginnt: Wie weit wäre man selbst bereit zu gehen, um der Zermürbung zu trotzen?
Dem eigentlichen Drama, dem Ringen von Idealismus und Pragmatismus zwischen Derya und Aziz, widmet sich der Film zu spät und zu zaghaft. Es scheint, als steckte in „Gelbe Briefe“ ein zweiter, ein dringlicherer Film, der sich mehr noch für den Preis dieses Ringens und die Integrität als fragiles Gegengewicht zum Autoritären interessiert. Und damit einer, wie ihn İlker Çatak mit „Das Lehrerzimmer“ eigentlich schon einmal vorgelegt hat.




















