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Sicherheitskonferenz geht los: Entscheidend wird’s, wenn die Kameras aus sind | ABC-Z

Sicherheitskonferenz geht losEntscheidend wird’s, wenn die Kameras aus sind

13.02.2026, 08:28 Uhr Von Frauke Niemeyer, München

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Polizei sichert am Abend vor der Eröffnung den Tagungsort der 62. Münchner Sicherheitskonferenz (Foto: picture alliance / Wolfgang Maria Weber)

So dramatisch wie mit JD Vance vor einem Jahr dürfte die Münchener Sicherheitskonferenz MSC diesmal nicht werden. Dafür wird sie wichtig wie selten, ist so gut besucht wie selten und der Bundeskanzler macht diesmal alles anders als sein Vorgänger.

Wie ein Eisberg sei die Münchner Sicherheitskonferenz, so beschreibt es Wolfgang Ischinger gern, der langjährige Chef des politischen Mega-Events. Da ragt natürlicherweise nur die Spitze weithin sichtbar aus dem Wasser – bei der MSC entsprechen dieser Spitze die Podiumsdiskussionen und Reden in der Haupthalle im Bayerischen Hof. Das, was im Livestream und Fernsehen zu sehen ist und kommentiert wird: Welchen Ton schlägt am Samstag US-Außenminister Marco Rubio an? Wie klar positionieren sich die Europäer?

Und: Sucht Bundeskanzler Friedrich Merz – als erster deutscher Bundeskanzler überhaupt Eröffnungsredner der Konferenz am Freitagmittag – die Strahlkraft von Kanadas Premier Mark Carney kürzlich in Davos? Wahrscheinlich eher nicht, und das könnte etwas mit Merz’ Neigung zu tun haben, eine Balance zwischen der Forderung nach europäischer Eigenständigkeit und dem Festhalten an der Partnerschaft mit den USA zu finden. Es könnte aber auch mit Ischingers Eisberg zu tun haben.

Vieles läuft vertraut und informell

Denn unter dem Wasserspiegel, kaum sichtbar also, erstreckt sich der eigentliche Körper des Eisbergs, – um vieles größer als das, was man sieht, und tiefgehend zuweilen bis auf den Grund. So wie die unzähligen bilateralen Gespräche, Treffen zwischen den Delegationen, kleine Runden in Suiten des Bayerischen Hofes, gemeinsame Abendessen, oft vertraut und informell. Vielleicht wird die MSC 2026 die Konferenz, in der all das, was jenseits der Kameras passiert, so entscheidend ist wie nie zuvor in den vergangenen 63 Jahren ihres Bestehens.

Wie wichtig Friedrich Merz der Teil des Eisbergs unter Wasser ist, lässt sich daran ablesen, dass er so ganz anders agiert als sein Vorgänger Olaf Scholz agiert. Der war jeweils erst am Samstag und knapp vor dem veranschlagten Zeitpunkt der eigenen Rede in München eingetroffen und relativ bald danach wieder abgereist. Zweimal hatte er in zeitlicher Nähe zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesprochen. Im direkten Vergleich mit den eindringlichen Worten des Ukrainers hatte Scholz’ Rede stets spröde gewirkt. Merz dagegen will Impulsgeber sein als erster Redner am ersten Tag. Für den restlichen Freitag sowie den gesamten Samstag steht im Kanzlerkalender dann nichts anderes mehr als Teilnahme an der MSC -viel Zeit also, um unter Wasser abzutauchen.

Denn die Gästeliste der Konferenz hält speziell aus den USA spannende Namen vor, mit denen sich inoffizielle Treffen lohnen. Gretchen Whitmer etwa, prominente demokratische Gouverneurin von Michigan, wird ebenso erwartet wie ihr Parteifreund Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien. Die US-Delegation soll etwa 50 Mann-stark sein, mehr als die Hälfte davon republikanische Kongressabgeordnete. Und just unter denen sind vielleicht zwei der begehrtesten Gesprächspartner des Wochenendes.

In der US-Delegation sollen zwei der sechs republikanischen Kongressabgeordneten mitgereist sein, die sich am Mittwoch mutig im US-Repräsentantenhaus gegen Trumps Kanada-Zölle stellten und einem von den Demokraten eingebrachten Vorstoß zustimmten, der Zölle auf kanadische Waren beenden soll. Da der Senat das Gesetz sicher ablehnen wird, bleiben die Stimmen der sechs Republikaner wohl symbolisch. Doch hatte Trump zuvor noch vor Widerstand gegen seine Zölle gewarnt, die Abstimmung schien ihm keineswegs egal.

Zwei der sechs renegaten Republikaner sollen also in München sein. Und auch wenn offiziell keine Namen genannt werden und die beiden sicherlich darauf achten, erstmal nicht mehr öffentlich in Erscheinung zu treten, werden die Europäer sich im Bayerischen Hof hinter geschlossenen Türen ganz besonders um die zwei bemühen.

Republikaner wollen Partner sein

Die rege Teilnahme von Republikanern an der MSC in diesem Jahr zeugt zudem mindestens von geistiger Bereitschaft, den Beziehungen zu Europa noch Relevanz beizumessen. Ebenfalls unter der Wasseroberfläche, wohlgemerkt. Einen Republikaner, der auf offener Bühne auch nur andeutungsweise in Opposition zu den brachialen außenpolitischen Drohgebärden eines Donald Trump geht, wird man in München nicht erleben. In kleineren Runden, hinter sorgfältig verschlossenen Türen hingegen werden sich die angereisten Republikaner wohl mehrheitlich zur Nato und zur Partnerschaft mit den Europäern bekennen.

Und auch unter den US-Militärs werden sich viele finden, die die strategische Partnerschaft mit Europa bekräftigen wollen. Zur vorläufigen Lösung des Grönland-Streits soll neben den alarmierten Börsen, die einen Handelskrieg aufziehen sahen, auch die Haltung des US-Militärs beigetragen haben. In der US-Army fand Trumps Idee, sich Grönland notfalls mit Gewalt anzueignen, nämlich wenig Anklang, heißt es. Diese Ablehnung hatte demnach mehr Einfluss auf Trump als kritische Stimmen aus der eigenen Partei. Sich mit den hochrangigen militärischen Vertretern der USA auszutauschen, wird also lohnenswert sein.

Doch so angenehm und positiv es sich in München auch anfühlen mag, wenn man einander im verschwiegenen Kreis die Treue schwört: Darin lauert auch eine Gefahr. Das Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar sollte allen noch im Gedächtnis sein: In einer beachtlich konfusen Rede mäanderte der US-Präsident in unzähligen Schleifen um seine vermeintlichen Erfolge, während die Welt darauf wartete, ob er irgendwann in einem lapidaren Halbsatz die ersten Luftlandetruppen auf Grönland ankündigt.

Trump tat das nicht. Er spielte mit den Erwartungen des Publikums und suhlte sich in der eigenen Bedeutung. Die Rede war inhaltlich profan, doch gleichsam erschütternd, wie sehr man dem US-Präsidenten einen völlig abwegigen, destruktiven, folgenreichen Schritt wie die Besetzung Grönlands zugetraut hätte.

So hart wie mit Vance wird’s nicht

Am Ende des Tages ist das die Politik der USA. Trump gestaltet sie und nicht zwei Dutzend heimlich europafreundliche republikanische Abgeordnete. Auch wenn Außenminister Marco Rubio am Samstagmorgen diplomatische und deutlich freundlichere Worte finden wird, als Vizepräsident JD Vance im vergangenen Jahr, hat das abseits der Stimmung in München wohl wenig Bewandnis.

Darum wird es an diesem Wochenende umso wichtiger sein, dass die Europäer nach Strategien suchen, um gemeinsame Stärke zu entwickeln und sich schrittweise aus der US-Abhängigkeit zu lösen. Es ist eine vortreffliche Gelegenheit, denn es kommen so viele Staats- und Regierungschefs wie lange nicht, dazu hochrangige Militärs wie auch Vertreter der Rüstungsindustrie. Ein akut gefährdetes, zugleich immens wichtiges Projekt wie der deutsch-französisch-spanische Mega-Kampfjet FCAS etwa soll im Bayerischen Hof neuen Schwung bekommen. Für intensive Gespräche auf unterschiedlichsten Ebenen gibt es kein besseres Forum. Die MSC als riesiger Eisberg – Europa sollte sie über und unter Wasser nutzen.

Quelle: ntv.de

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