Die Überraschungs-Olympiasiegerin, die sich nicht über Gold freuen konnte | ABC-Z

Hannah Neise gewann 2022 in Peking Olympia-Gold im Skeleton. Was für eine Sportlerin eigentlich das Größte ist, wurde für sie zur mentalen Belastung. Sie rutschte in eine Krise. Vier Jahre später ist sie gestärkt zurück.
Hannah Neise gewann bei den vergangenen Olympischen Spielen wohl die überraschendste Goldmedaille für Deutschland. Die damals 21-Jährige hatte zuvor noch kein Weltcup-Rennen gewonnen, legte auf ihrem Skeleton aber vier perfekte Läufe hin und triumphierte im Eiskanal von Peking. Was eigentlich das Größte für einen Athleten ist, wurde für Neise zur Belastung. Der Erfolg, das Rampenlicht, die mediale Aufmerksamkeit – alles wurde zu viel. Sie versteckte sogar ihre Goldmedaille, die um ihren Hals hing, verschämt unter ihrer Winterjacke.
Vier Jahre später ist Neise wieder bei den Winterspielen. Im Eiskanal von Cortina d’Ampezzo kann sie sich zur Doppel-Olympiasiegerin krönen. Die ersten beiden Läufe finden am Freitag statt, die Medaillenentscheidungen fallen einen Tag später.
„Das war schwierig damals. Ich kannte das einfach nicht. Ich stand vorher nie irgendwo auf dem Podium. Und dann den Wettkampf, den jeder in seiner Karriere gewinnen will, aus dem Nichts zu gewinnen – das war eine Erfahrung, mit der ich gar nicht gerechnet habe“, erinnert sich Neise. Natürlich wünsche sich jeder Athlet eine Medaille: „Aber das war einfach so überwältigend, und ich wurde einfach so ins kalte Wasser geschmissen, da gab es so viel zu verarbeiten.“
Neise rutschte nach Gold in eine mentale Krise
Und zum Verarbeiten gab es kaum Zeit. Die Goldmedaille brachte Verpflichtungen wie Sponsoren- und Pressetermine mit sich, Neise wurde herumgereicht. Die Menschen in ihrem Umfeld freuten sich mehr über die sensationelle Goldmedaille als sie selbst. Neise rutschte in eine mentale Krise, die sich auch auf ihre sportlichen Leistungen auswirkte. Der Sport, den sie so liebt, bereitete ihr auf einmal keine Freude mehr.
Es dauerte, bis sie sich professionelle Hilfe holte. „Ich habe erst anderthalb Jahre später angefangen, mit einer Psychologin zu arbeiten. Bis dahin waren es eher meine Familie und meine Freunde, die mir geholfen haben“, sagte Neise. Auch für ihre Familie sei die Zeit nach Peking nicht einfach gewesen: „Die wussten natürlich auch nicht, was jetzt da auf sie zukommt, was auf mich zukommt, was dann noch alles kommen kann. Es war schon eine krasse Zeit.“
Mit Hilfe der Psychologin, der Familie und Freunden arbeitete sich Neise aus dem Tal und kam gestärkt aus der Krise. Auch, weil die 25-Jährige mentale Gesundheit nicht zum Tabuthema machte. „Auch hier ist man sehr darauf bedacht, darüber offen zu sprechen. Ich finde es sehr gut, dass in den letzten Jahren viele Athleten wie etwa Simone Biles darauf aufmerksam gemacht haben und es eben kein Tabuthema mehr ist“, sagt Neise.
Neise fand den Spaß am Sport zurück
Die Olympiasiegerin von Peking fand den Spaß am Skeleton wieder. Beim Weltcup-Rennen im vergangenen November im neu gebauten Olympia-Eiskanal in Cortina fuhr sie auf den zweiten Platz. Für den Olympia-Trubel fühlt sie sich dieses Mal gewappnet: „Ich kann jetzt mit gewissen Dingen anders umgehen, weil ich die Erfahrung aus Peking habe.“
Nach den Spielen, unabhängig vom Ausgang des Rennens, plant sie einen „harten Cut“ und beginnt ein Praktikum bei der Bundespolizei. „Ich will dieses Jahr meinen Aufstieg machen und deswegen muss ich da noch ein Praktikum für machen. Das will ich dann direkt vor dem Beginn der Ausbildung machen. Vielleicht hilft mir das ja dann so, in der Realität wieder anzukommen.“





















