Wie in der Schweiz: Wenn man den Zahnarzt selbst bezahlen muss | ABC-Z

Wer von Zürich aus in Richtung Norden fährt, landet nach einer guten halben Stunde im baden-württembergischen Jestetten, einer Gemeinde mit gut 5000 Einwohnern. Das Erste, was einem dort auffällt, ist die große Ansammlung von Supermärkten. Bei Edeka, Aldi, Penny, Lidl & Co. laden Schweizer Einkaufstouristen ihre Wägen voll. Nicht wenige der Schnäppchenjäger verbinden ihre Tour zuweilen mit einem Stopp in einer Zahnarztpraxis. Derer gibt es sechs in Jestetten – und viele weitere in der Grenzregion zur Schweiz. Und das hat einen einfachen Grund: In der Eidgenossenschaft sind Zahnarztbehandlungen nicht Teil des Leistungskatalogs der obligatorischen Krankenversicherung (Grundversicherung). Man muss also in der Regel selbst für Kronen, Brücken, Füllungen, Wurzelbehandlungen oder Dentalhygiene aufkommen. Und derlei ist in Deutschland deutlich günstiger als in der teuren Schweiz.
Dem CDU-Wirtschaftsrat dürften Länder wie die Schweiz und Spanien, wo Zahnarztbesuche ebenfalls größtenteils selbst bezahlt werden müssen, als Vorbilder dienen. In seiner „Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland“ hatte der Wirtschaftsrat jüngst festgehalten, dass sich Zahnarztbehandlungen generell gut privat absichern ließen. Sie sollten nicht länger im Umlageverfahren den Beitragszahlern zur Last fallen. Darauf entbrannte ein Sturm der Entrüstung. Auch die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) wies den Vorschlag klar zurück, weil er „eine Abkehr des Kerngedankens unseres Solidarsystems“ bedeute und dem Ziel widerspreche, „Prävention zu stärken“.
Gutschein für den Kinderbesuch beim Zahnarzt
In der Schweiz kann von mangelnder Vorsorge indessen keine Rede sein, wie Simon Wieser, Professor für Gesundheitsökonomie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), erläutert: „Wenn die Leute ihre Arztrechnungen selbst zahlen müssen, pflegen sie ihre Zähne besser und unterziehen sich regelmäßiger einer professionellen Zahnreinigung.“ Zudem werde in der Schweiz viel getan, um die Prävention von Kindesbeinen an zu stärken, sagt Wieser im Gespräch mit der F.A.Z.
Tatsächlich wird die Zahnpflege öffentlich stark gefördert. In Zürich zum Beispiel kommen sogenannte Schulzahnpflege-Instruktoren fünfmal im Jahr in Kindergärten und Grundschulen (bis zur sechsten Klasse), um den Kindern zu zeigen, auf welche Weise sie ihre Beißerchen putzen sollten. Zudem ist es gesetzlich vorgeschrieben, die Kinder einmal im Jahr zahnärztlich untersuchen zu lassen, um Erkrankungen sowie Zahn- und Kieferfehlstellungen frühzeitig zu erkennen. Dafür erhalten die Eltern einen Gutschein, den sie dem Arzt vorlegen.
Um später die Kosten für die (teuren) Zahnspangen nicht tragen zu müssen, schließen viele Eltern eine Zusatzversicherung für ihre Kinder ab. Erwachsene sind indessen nur selten privat zusatzversichert. Die erklärt Wieser mit den hohen Prämien und den gedeckelten Versicherungsleistungen. Trotzdem sei die Zahngesundheit in der Schweiz sehr gut, „wahrscheinlich sogar besser als in Deutschland“.
Je geringer die Bildung, umso schlecher die Zähne
Gemäß der im vergangenen Jahr publizierten „Schweizerischen Gesundheitsbefragung“ hat sich die Mund- und Zahngesundheit der Schweizer Bevölkerung in den 20 Jahren zwischen 2002 und 2022 deutlich verbessert. Demnach bezeichneten im Jahr 2022 mehr als sieben von zehn Personen den Zustand ihrer Zähne und ihres Zahnfleisches als gut bis sehr gut. Rund 44 Prozent hatten ein vollständiges natürliches Gebiss gegenüber 33 Prozent im Jahr 2002. Die Umfrage förderte jedoch auch ausgeprägte soziale Ungleichheiten zutage: je niedriger das Bildungsniveau, umso schlechter die Zahngesundheit. Den Gesundheitsökonomen Wieser überrascht das nicht: „Geringverdiener gehen wegen der hohen Behandlungskosten lieber nicht zum Zahnarzt. Dabei könnten sie die Kosten über die Sozialhilfe und andere Maßnahmen abwälzen. Aber manche Leute schämen sich, derlei Unterstützung anzunehmen.“
In den vergangenen Jahren gab es in der Schweiz einige kantonale Volksinitiativen, um die Zahnpflegekosten unter das Dach der allgemeinen obligatorischen Krankenversicherung zu hieven. Doch die Bürger stimmten stets mehrheitlich dagegen. Dies dürfte mit der Selbstverantwortung zu tun haben, die in der Schweiz traditionell großgeschrieben wird, sowie mit der Furcht vor steigenden Krankenkassenbeiträgen. Schon heute klagen viele Schweizer über die hohen und stetig wachsenden Beiträge, die sie – anders als in Deutschland – vollständig selbst tragen müssen. Für eine vierköpfige Familie kommen da trotz Selbstbehalt leicht 1200 Franken im Monat oder mehr zusammen. Die Gesundheitskosten machten zuletzt fast zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Schweiz aus.
Immer mehr Spanier versichern sich privat
Auch die Spanier zahlen weitgehend selbst für die Behandlung ihrer Zähne. Die gesetzliche Krankenversicherung (Seguridad Social) kommt nur für Notfallbehandlungen und einfache Zahnextraktionen auf. Die Versorgung von Patienten, die jünger als 18 Jahre sind, schließt regelmäßige Kontrollen, Prävention und grundlegende Behandlungen ein. Für deutlich mehr als 90 Prozent der Kosten kommen die Spanier selbst auf. Dafür schließen immer mehr von ihnen private Versicherungen ab. Sie decken aber oft nur Kontrolluntersuchungen, Zahnreinigung und einfache Füllungen ab. Die monatlichen Kosten belaufen sich durchschnittlich auf fünf bis 25 Euro.
Für einen seriösen und aktuellen Vergleich mit Deutschland und anderen Staaten fehlt eine verlässliche Datenbasis – die Gesundheitssysteme sind dafür zu unterschiedlich. Darauf verweist eine Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte („Best Oral Health Practice in Europe?“) aus dem Jahr 2021. Sie vergleicht die Mundgesundheit in Belgien, Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Spanien. Das Fazit lautet: Jedes System habe seine eigenen Schwächen und Stärken, sodass sich kein eindeutiger „Sieger“ küren lasse.
Gesundheitssystem ist unterfinanziert
Spanien schneidet zwar bei der Mundgesundheit in einigen Altersgruppen besser ab als Deutschland. Aber laut der Studie zeigt das südeuropäische Land auch, „wie eine Unterfinanzierung des Gesundheitssystems gesundheitspolitisch kontraproduktiv wirken und innerhalb weniger Jahre zu einer nachweislichen Verschlechterung der Mundgesundheit weiter Bevölkerungsschichten führen kann“. So sei im Unterschied zu den meisten westlichen Industriestaaten die Kariesprävalenz der Erwachsenen zwischen 2010 und 2015 um 24 Prozent gestiegen. 2015 habe nur jeder sechste Erwachsene in Spanien einen festsitzenden Zahnersatz getragen.
Unter den fünf Ländern sei Spanien das EU-Land mit dem höchsten Anteil von Patienten, die aus finanziellen Gründen auf eine nötige Behandlung verzichteten – mit steigender Tendenz. Diesen Eindruck legt auch das „Barometer zur Mundgesundheit in Spanien“ aus dem Jahr 2025 nahe: 47 Prozent verschieben demnach aus wirtschaftlichen Gründen ausstehende Behandlungen. 80 Prozent der unter Achtzehnjährigen war nur einmal in ihrem Leben oder noch nie beim Zahnarzt. Die private Versorgung übernehmen große Franchise-Ketten, an die Patienten durch ihre Zusatzversicherung gebunden sind. Ihr Marktanteil liegt bei rund 20 Prozent. 2018 schlossen die Behörden alle 24 Praxen des selbst erklärten „Low cost“-Anbieters iDental: Dessen mehr als 350.000 Patienten waren durch nicht qualifiziertes Personal mit Material minderer Qualität behandelt worden.
Der deutsche Zahnarzt Alexander Knobel, der seit 16 Jahren in Spanien praktiziert, kennt Kollegen, die nach kurzer Zeit aus den Praxen der privaten Franchise-Ketten geflohen seien. „Nur was Geld bringt, findet auch statt. Die Behandlung der Art ‚Zahn raus, Implantat rein‘ wirkt erst einmal günstiger, kostet im Ergebnis aber einen Zahn“, sagt Knobel. Auf die Frage, ob Zahnmedizin in Spanien besser als in Deutschland sei, antwortet Knobel: „Auf gar keinen Fall.“ Das liege aber weniger an den Zahnärzten als am System. Es gebe Zahnärzte auf „Champions-League-Niveau“, aber die könnten sich nur wenige leisten. „Nur wer Schmerzen hat, geht zum Arzt, da dies immer mit erheblichen Kosten verbunden ist.“ Prophylaxe setze sich im Vergleich zu Deutschland erst langsam durch. Oft würden problematische Zähne vorzeitig gezogen.
In Portugal, wo die allermeisten Patienten ebenfalls privat zahlen müssen, sieht es nicht viel besser aus. Nach Angaben des nationalen Statistikamtes konnten sich 2025 mehr als sieben Prozent der Bevölkerung eine nötige Zahnbehandlung nicht leisten. 2023 gehörte Portugal zu den EU-Staaten mit dem höchsten ungedeckten Bedarf an Zahnbehandlungen aufgrund finanzieller Schwierigkeiten. Laut der Zahnärztekammer gehen rund zehn Prozent der Portugiesen nie oder seltener als einmal im Jahr zum Zahnarzt. Von ihnen geben 30 Prozent Geldmangel als Begründung an. In Portugal kommt der nationale Gesundheitsdienst SNS nur für die zahnärztliche Versorgung von Patienten unter 18 Jahren und anderer Gruppen auf.





















