Warum SAP ein Defense Innovation Lab gründet – Wirtschaft | ABC-Z

„Der eine oder andere fragt sich vielleicht, warum Fitness?“, sagt Rouven Müller. Er steht in einem kleinen Raum im SAP-Gebäude in Garching bei München. Neben ihm steht ein Schlagmesser mit blauen Boxhandschuhen, das ist eine Art Hau-den-Lukas in professionell. Wer dagegen drischt, kann sofort sehen, wie viel Kraft er oder sie ausgeübt hat. Nun ja, so weit hergeholt sei das ja gar nicht, SAP und Fitness, führt Müller aus. Vor mehr als zehn Jahren schon entwickelte sein Arbeitgeber SAP Software für den FC Bayern und andere Vereine, die etwa Leistungsdaten erfasst. Und nun tut sich hinter ihm die Kartei eines Soldaten mit Details zu dessen Fähigkeiten im Bereich Pull-Ups, Planks und Combat Rope, auf. Bundeswehr eben.
„Die persönliche Fitness ist ja auch für die Truppe entscheidend“, sagt Müller. Er klickt auf den Soldaten Jonas P-17732BY050, Drohnenerfahrung hat Jonas, unter „Skills“ steht Aggressivität (kontrolliert), teamfähig ist er auch noch. So könnten sich Truppen dann Teams zusammenstellen, wenn eine Mission ansteht.
Das Projekt ist eines von vielen, mit denen Nato-Soldaten besser auf ihre Aufgaben vorbereitet werden sollen, auch mithilfe von künstlicher Intelligenz. Aber nicht nur die Soldaten sollen fit sein, das Militär insgesamt muss sich dem anpassen, was unter dem Begriff Zeitenwende zum geflügelten Wort geworden ist. Deutschland und Europa hängen jedoch gerade bei der Innovation im Vergleich zu den USA hinterher. Eine Studie von Roland Berger ist kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, dass die EU weitaus weniger in Forschung und Entwicklung für Rüstung steckt als die USA.
Schon lange im Rüstungsgeschäft dabei
Der deutsche Softwarekonzern SAP verstärkt nun seine langjährigen Beziehungen mit dem Militär und hat in seinem Forschungszentrum in Garching den Defense Innovation Hub gegründet. Start-ups, etablierte Unternehmen und junge Forscherinnen und Forscher der TU München, die im selben Gebäude untergebracht sind, sollen dabei zusammen dafür arbeiten, die Antworten auf jene Zeitenwende deutlich zu beschleunigen und neue Ideen einzubringen.
SAP, eigentlich bekannt für Software, die alle wichtigen Prozesse von Unternehmen steuert, bringt dabei nicht nur seine Erfahrung aus diesem Bereich ein. Das Walldorfer Softwarehaus ist auch im Verteidigungssektor seit mehr als einem Vierteljahrhundert etabliert. 23 Nato-Staaten nutzen SAP-Software bereits für ihr Militär. „Das ist für uns ein wichtiger Geschäftszweig“, sagt SAP-Vorstandsmitglied Thomas Saueressig. Mit dem Hub, so hofft man in Walldorf, soll sich diese Beziehung noch vertiefen. Und das Interesse ist da. Hochrangige Militärs, darunter der oberste IT-Verantwortliche der Bundeswehr, Generalleutnant Michael Vetter, dazu Minister sowie Unternehmen aus dem Verteidigungssektor – sie alle sind gekommen und begrüßen die Initiative.
Aber wo kann SAP eigentlich helfen? Zum Beispiel bei der Logistik. Wo ist kritische Infrastruktur, wie sieht es mit Brücken und anderen wichtigen Verkehrswegen aus? All das und mehr soll mithilfe sogenannter KI-Agenten – weitgehend eigenständig arbeitende Software – aus verschiedenen Quellen zusammengetragen und visualisiert werden für ein Lagebild. Es soll die Geschwindigkeit, mit der militärische Stäbe sonst arbeiten, um ein Vielfaches erhöhen, so die Hoffnung.
Eisenhower habe einmal gesagt, Schlachten, Feldzüge und sogar ganze Kriege würden in erster Linie wegen der Logistik gewonnen oder verloren. Martin Merz, verantwortlich für Verteidigung bei SAP, und selbst 13 Jahre bei deutschen Spezialkräften im Einsatz, ist es, der den ehemaligen Präsidenten der USA zitiert. „Wenn es um Einsatzbereitschaft geht, gibt es kein Vielleicht“, sagt Merz weiter. Dafür müssten belastbare Logistiksysteme her, mit deren Hilfe die Truppen organisiert und Waffen nachbestellt werden können.
In einer simulierten Kommandozentrale des SAP-Gebäudes im Forschungszentrum Garching sieht man, wie solch ein Logistiksystem aussehen kann. Mit seiner dunklen Einrichtung, den blauen LED-Leuchtstreifen, dem langen Konferenztisch könnte der Raum aus einem Agentenfilm stammen. Ein Mitarbeiter zeigt ein mögliches Bestellsystem für die Bundeswehr. Im Suchfeld wählt er aus: Abfangdrohne. 1000 Stück hätte er gerne. Das macht dann 1 250 000 Euro, alles wie im Online-Shop. Wenn Rahmenverträge bereits bestehen, dann könne man so einfach nachbestellen. „Reduziert Papier“, sagt ein Mitarbeiter.
Generalleutnant Vetter unterstützt nachdrücklich, was hier passiert, betont er. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die gute Idee dann auch im industriellen Bereich skaliert werden muss.“ Also: Innovation bringe der Truppe nur dann etwas, wenn Firmen sie auch in hoher Stückzahl produzieren können. Dafür müsse man sich Partner aus der Industrie suchen.
Wie souverän muss die Militär-Cloud sein?
Über der ganzen Veranstaltung schwebt allerdings auch ein Thema, das viele bewegt in Zeiten, da sich Europa der uneingeschränkten Unterstützung der USA nicht mehr sicher sein kann. Hochtechnologie kommt im Rüstungsbereich noch oft aus den USA. Das schürt Angst vor sogenannten „Kill Switches“, also dass etwa Kampfflugzeuge ohne Softwareupdates aus den USA nicht mehr abheben können. Souveränität ist deshalb das Stichwort, und sofort stellt sich die Frage: Wie souverän kann eigentlich Software sein, die in Rechenzentren läuft, in denen etwa Serverrechner amerikanischer Provenienz surren? Und auf denen womöglich auch noch Software von Microsoft läuft?
SAP-Vorständler Saueressig gibt sich da recht entspannt: „Man kann Spitzentechnologie auch souverän einführen“, sagt er. Was man allein schon daran sehen könne, dass etwa beim wichtigen US-Rüstungskonzern Lockheed Martin auch SAP-Software im Einsatz sei. Software aus Deutschland, nicht etwa die des in den USA beheimateten Konkurrenten Oracle. Entscheiden würden das die Kunden und die Aufsichtsbehörden wie etwa in Deutschland das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). In Europa völlige Autarkie zu erreichen, so Saueressig, würde Jahrzehnte dauern und sei daher nicht praktikabel.
SAP habe in den USA auch noch nicht gespürt, dass man als deutsche Firma hier nicht willkommen sei. „Was gesagt wird und was getan wird, sind oft zwei verschiedene Dinge“, spielt Saueressig auf die Äußerungen aus der US-Regierung in Richtung Europa an. Wichtig sei doch, dass man in Europa vorankomme, nicht nur was die Fähigkeit zur Verteidigung angehe, sondern auch bei künstlicher Intelligenz. „Wir sitzen auf einem runden Globus und die anderen geben alle gerade mächtig Gas.“ An der Erkenntnis fehle es dabei nicht, aber an der Umsetzung. „Ich wünsche mir mehr Spitzentechnologie aus Europa und mehr Weltmarktführer.“
Als solcher sieht sich auch SAP. Allerdings hat die Firma gerade zu kämpfen. Seit KI-Anbieter wie Open AI oder Anthropic immer neue und verbesserte Modelle auf den Markt werfen, die versprechen, etwa bei Finanzanalyse manche etablierte Softwarelösung überflüssig zu machen, geben die Aktienkurse möglicher Leidtragender nach – darunter auch die von SAP. Da liegt es nahe, andere Bereiche ins Visier zu nehmen, so wie eben den Verteidigungssektor. Da SAP auf diesem Gebiet kein Neuling ist, zudem ein Anbieter aus Europa, dürften die Chancen für gute Geschäfte nicht schlecht stehen.





















