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Fernwärme in Freising: 310 Euro mehr – doch die Formel bleibt ein Rätsel – Freising | ABC-Z

Die Fernwärmepreise in Freising und Zolling steigen erneut. Je nach Lesart müssen die Verbraucher im neuen Jahr zwischen sieben und zehn Prozent mehr für ihre Energieversorgung aufwenden. Das könne für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mehr als 300 Euro im Jahr ausmachen, beklagen Kunden. Zweifel weckt die neue Berechnungsformel, die den Abnehmern zum Jahresbeginn übermittelt wurde. Genaue Informationen zur Zusammensetzung des Energiemixes: Fehlanzeige; von der gesetzlich geforderten Transparenz keine Spur.

Die Freisinger Fernwärme Gesellschaft (FFG) war zuletzt 2023 bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil das Unternehmen damals bereits 43 Prozent der Wärme mit günstigem Altholz erzeugte, die FFG aber nahezu ausschließlich mit teuren Brennstoffen wie Steinkohle und Erdgas abrechnete. In die damalige Formel flossen  50 Prozent Steinkohlepreis,  40 Prozent Erdgaspreis plus der Wärmepreisindex des Statistischen Bundesamts mit der schwächsten Gewichtung ein. Mit 245 Euro pro Megawattstunde war Freisinger Fernwärme damals mehr als doppelt so teuer wie in Vergleichsgemeinden in Bayern – während die FFG ihre Gewinne in der Energiekrise auf 1,5 Millionen Euro verdreifachte.

Inzwischen sind die Preise gesunken, die Unterschiede nicht mehr so eklatant, trotzdem herrscht weiter Unzufriedenheit mit der Freisinger Fernwärme GmbH, die je zur Hälfte den Freisinger Stadtwerken und der Bayernwerk Natur GmbH gehört. Schon seit Jahren steht der Freisinger Stadtrat Nicolas-Pano Graßy (Freising für alle) den Verantwortlichen deswegen auf den Zehen – und er kritisiert auch die neue Berechnungsformel als extrem kompliziert und fragwürdig.

Denn wie sich der Energiemix zusammensetzt, der den Kunden in Rechnung gestellt wird, lasse sich einmal mehr nicht ohne Weiteres feststellen, bemängelt Graßy. Dabei hätten die Verbraucher auf diese Information sogar gesetzlich Anspruch: Die Berechnungsfaktoren müssten „vollständig und in allgemein verständlicher Form“ ausgewiesen werden, heißt es in der Fernwärme-Verordnung.

Stadtrat Nicolas-Pano Graßy (Freising für alle) kritisiert das Gebaren der Freisinger Fernwärme GmbH seit Jahren. (Foto: Marco Einfeldt)

Graßy hält das mit der neuen Formel nicht für gegeben – und auch Willi Schulz, Fernwärme-Kunde aus Zolling, tut sich schwer:  „Da muss man schon Mathematiker sein, um das zu verstehen“, kritisiert er. Was beiden aufgefallen ist: Obwohl die alte und die neue Formel komplett unterschiedlich sind, kommt für den 1. Januar 2026 exakt derselbe Arbeitspreis von netto 123,18 Euro pro Megawattstunde raus, wie der nach der alten Formel berechnete zum 1. Januar 2025. „Die Wahrscheinlichkeit dafür ist ungefähr so hoch wie ein Sechser im Lotto“, sagt Graßy.

Stadtrat Nicolas-Pano Graßy und auch Kunden fordern Transparenz

Die Stadtwerke räumen ein, dass das kein Zufall war. Man habe bewusst  „zum Ausgangszeitpunkt eine kostenneutrale Umstellung des Arbeitspreises“ angestrebt, erklärt Geschäftsführer Andreas Voigt. Der bisherige Preis sei „als Ausgangswert für die neue Preisregelung herangezogen“ worden. In der Kundeninformation an die Verbraucher zum Jahresbeginn wurde das allerdings nicht erwähnt.

In die neue Formel fließen laut Kundeninformation  „neben den bisherigen Faktoren Gaspreis-Index und Wärmepreis-Index auch der EEX Gaspreis (Börsenpreis für Erdgas an der Leipziger Energiebörse, d.Red.) und der CO2-Zertifikat-Preis“ ein. Nach dem Anteil der kostengünstigen Biomasse in Form von verfeuertem Altholz sucht man weiterhin vergeblich. Lediglich ein Posten „Pellets“ ist mit vier Prozent enthalten – die Preise von Altholz und Pellets aber unterscheiden sich laut Graßy erheblich.

„Da muss man schon Mathematiker sein“: Die neue Fernwärme-Berechnungsformel fällt vor allem durch ihre Komplexität auf.
„Da muss man schon Mathematiker sein“: Die neue Fernwärme-Berechnungsformel fällt vor allem durch ihre Komplexität auf. (Foto: Screenshot/oh)

Dabei sei der Biomasse-Anteil in Anglberg offenbar beträchtlich, wie die Stadtwerke einräumen. 2024 und 2025 lag er demnach bei 50 Prozent, im Mittel soll er bei 59,5 Prozent liegen. Rund 150 000 Tonnen Altholz wurden 2025 im Kraftwerk Zolling verfeuert. Dazu kommen kleinere Anteile Klärschlamm (3,1 Prozent), dessen Annahme sich das Kraftwerk von den Kommunen sogar bezahlen lässt, wie ein ehemaliger Mitarbeiter bestätigt.

Warum dieser hohe Anteil günstiger Biomasse nicht direkt in der Preisformel auftaucht, begründet Voigt mit der Marktstruktur: Für Altholz existierten – anders als für Gas oder Öl – keine transparenten Börsenpreise. Deshalb orientiere man sich an Preisindizes der liquiden Energiemärkte, die die Preisentwicklung etwa an Handelsbörsen abbilden. Auf die tatsächlichen Einkaufskosten für Biomasse lasse sich aus der Formel „nicht immer unmittelbar schließen“, räumt Voigt ein.

Auch die Homepage der Stadtwerke bietet aktuell keinen Aufschluss. Da heißt es immer noch, dass mehr als 40 Prozent der Wärme mit Biomasse erzeugt würden – Zahlen aus dem Jahr 2023. Die Stadtwerke kündigten nun an, die Homepage „in den kommenden Tagen“ zu aktualisieren. Der Biomasse-Anteil für 2025 werde „im Laufe des Jahres 2026“ veröffentlicht, für das laufende Jahr 2026 sogar erst „Mitte 2027“ – aus „methodischen Gründen“.

Die in der Kundeninformation beispielhaft für ein Einfamilienhaus berechnete siebenprozentige Preiserhöhung für 2026 kommt der vorgelegten Formel zufolge ausschließlich durch einen höheren Bereitstellungspreis zustande. Dieser jährlich zu zahlende Grundpreis stieg von 32,36 auf 44,80 Euro/kW – begründet wird das von Voigt mit dem „Wegfall des Steinkohleblocks und den dadurch erforderlichen Neuinvestitionen in zusätzliche Wärmeerzeugungsanlagen sowie der notwendigen Anpassung bei den Instandhaltungskosten“.

Der Arbeitspreis war 2025 sogar gesunken, trotzdem steigen die Kosten

Stadtrat Graßy und Kunde Schulz stören sich jedoch noch an etwas anderem. Denn der Arbeitspreis für Fernwärme war 2025 gesunken und lag im Oktober bei nur noch 113,96 Euro/MWh, zehn Euro weniger als im Januar. Bezogen auf diesen zuletzt bezahlten Preis beliefe sich die Steigerung durch die neue Formel eher auf zehn Prozent, so ihre Kritik. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus seien das dann 310 Euro im Jahr mehr, schätzt Schulz. Die Stadtwerke begründen die Bezugnahme auf Januar damit, dass dies der „zu Jahresbeginn 2025 auch mit den Vorlieferanten festgelegte Ausgangszeitpunkt für sämtliche Wärmegestehungsparameter“ sei.

Generell verteidigen die Stadtwerke ihr Vorgehen als gesetzeskonform. Die Komplexität der Formel sei auf „die veränderte Erzeugungsstruktur sowie gesetzliche Anforderungen“ zurückzuführen. Die Verwendung von Indexwerten, die die durchschnittliche Preisentwicklung etwa von Gas oder Wärme abbilden, habe „den Vorteil, dass die Berechnung transparent ist und die Indexwerte von einem unabhängigen Dritten ermittelt werden“.

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