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Erlebt die Versicherungsbranche ihren Kodak-Moment? “Spielen eigentlich keine Rolle mehr” – Wirtschaft | ABC-Z

Sie hätten es eigentlich selbst in der Hand gehabt: Kodak-Ingenieure hatten bereits 1975 eine erste Digitalkamera entwickelt, aber der Vorstand ließ die Erfindung in der Schublade verschwinden, weil er sein erfolgreiches Geschäft mit den analogen Filmen nicht gefährden wollte. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir nicht gerade unseren Kodak-Moment erleben“, sagt Stefanie Schlick, Chefin der Sparkassenversicherung Sachsen. Kodak ging 2012 in die Insolvenz.

Schlick sieht die Versicherer keineswegs auf der Erfolgsspur. Die Wachstumszahlen verbergen Probleme: In der Lebensversicherung legt die Branche beim Umsatz vor allem dank der Einmalbeiträge zu. Dabei zahlen Kunden statt monatlicher Beiträge auf einen Schlag eine hohe Summe. Meistens geht es dabei um eine kurzfristige Kapitalanlage und nicht um Altersvorsorge. Das Geschäft ist schwankend und nicht nachhaltig.

In den Sachsparten gleichen die Beitragssteigerungen nur das aus, was durch Inflation und mehr Schäden auf die Versicherer zukommt. Ähnlich sei die Lage in der privaten Krankenversicherung, sagte Schlick auf dem Versicherungstag der SZ.

Irgendwann ist der Frosch tot

Sie erinnerte die Zuhörerinnen und Zuhörer an die Geschichte vom Frosch, der in einem Topf mit Wasser sitzt, das erhitzt wird: „Das Wasser wird langsam wärmer, und wir denken: Es ist so schön kuschelig warm, alles ist toll“, sagte Schlick. „Und Sie wissen, was mit dem Frosch passiert? Irgendwann ist er einfach tot.“

Sie wies auf die staatlich geförderte private Altersvorsorge hin: Hier seien die Versicherer noch in jüngster Vergangenheit überzeugt gewesen, dass ihnen niemand das Wasser abgraben könne. Es kam anders: „Wir spielen eigentlich keine Rolle mehr“, sagte Schlick. Neue Wettbewerber, etwa Neobroker wie Trade Republic, „nehmen uns die Frühstart-Rente weg.“ Bei dieser neuen Form der Altersvorsorge will der Staat von 2027 an das Sparen für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren mit einem Zuschuss von zehn Euro pro Monat fördern.

Neue Konkurrenten, die künstliche Intelligenz vor der Tür und das bei sehr traditionellen Strukturen – mit dieser Gemengelage muss die Branche fertigwerden. Schlicks Forderung: Versicherer müssten die Daten ihrer Kunden besser nutzen und die Datenhoheit nicht Tech-Konzernen wie Apple, Google oder Tesla überlassen. Damit sie den Zugang zu den Privatkunden nicht verlieren, insbesondere zu den jungen Zielgruppen, sollten sie auf den Online-Plattformen präsent sein.

„Inflationsbereinigt haben wir verloren.“

„Irgendwie tun wir uns schwer, mit den Veränderungen Schritt zu halten“, sagte auch Thilo Schumacher, Vorstandschef der Axa Deutschland, mit Blick auf die Lebensversicherung. Die Zuwächse seien nur nominal, „inflationsbereinigt haben wir verloren“. Das sollte den Versicherern Sorgen bereiten und gleichzeitig Ansporn sein, es besser zu machen, sagte Schumacher. „Denn eigentlich müssten wir vor einer Blütezeit stehen.“ Die gesetzliche Rentenversicherung stoße an ihre Grenzen, private Vorsorge werde immer wichtiger.

Dass die Lebensversicherer dennoch gegenüber Fondsanbietern und Neobrokern an Boden verlieren, hat laut Schumacher hausgemachte Gründe. So hätten die Gesellschaften Schwierigkeiten zu erklären, was ihr Produkt leistet und wie es sich beispielsweise von ETF-Sparplänen unterscheidet. Dabei komme der persönlichen Beratung eine wichtige Rolle zu. Zudem sollten die Produkte weniger komplex sein, und die Menschen müssten sie sich leisten können, mahnte Schumacher.

Carsten Schildknecht leitet das deutsche Geschäft des Versicherers Zurich. Er glaubt, dass die künstliche Intelligenz der Schlüssel zu den nötigen Veränderungen ist. Seine Gesellschaft komme dabei gerade einen entscheidenden Schritt voran. Bislang wird die Technik in isolierten Bereichen wie der Betrugserkennung eingesetzt. Künftig sollen diese einzelnen Einsatzfelder durch weitere KI-Systeme vernetzt werden.

Die KI könne in den kommenden drei bis fünf Jahren einen Prämienzuwachs von zehn bis 15 Prozent ermöglichen – bei 20 Prozent bis 30 Prozent geringeren Kosten. Dazu kommen eine Reduzierung von Betrug und Fehlern in der Schadensbearbeitung um 30 Prozent bis 40 Prozent sowie eine um 10 bis 15 Prozent höhere Kundenzufriedenheit. „KI ist das neue Betriebssystem der Branche“, glaubt Schildknecht.

Giulio Terzariol, stellvertretender Chef der italienischen Generali-Gruppe, sieht die Branche nicht nur beim Einsatz neuer Technologie vor großen Herausforderungen. Er wies auf die Schäden durch den Klimawandel hin. „Die Realität übertrumpft die Klimamodelle“, sagte er. Das habe in Deutschland nicht zuletzt die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 gezeigt.

Plädoyer für einen Sicherungsfonds

Er mahnte die Versicherer: „Wir dürfen nicht mit Rückzug reagieren, sondern müssen als Gestalter agieren.“ Das erfordere ein Geschäftsmodell, das beim Thema Klimawandel Prävention, Anpassung und Schutz kombiniere. „Es geht nicht nur um den Einsatz präziser Risikomodelle, es sind auch öffentlich-private Partnerschaften nötig, die sich mit systemischen Risiken befassen.“

Die Finanzaufsicht Bafin macht sich derweil Sorgen um die Stabilität einzelner Versicherer. 2025 ist mit Element aus Berlin zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Versicherer in die Insolvenz gegangen. Julia Wiens, bei der Bafin Chefin, plädierte für einen Sicherungsfonds in der Schaden- und Unfallversicherung, um Kunden zu schützen.

Solche Sicherungsfonds gibt es bereits für die Lebens- und die private Krankenversicherung. In der Branche stößt der Vorschlag eines weiteren Sicherungsfonds, in den die Versicherer einzahlen müssten, auf Kritik. Viele halten Element für einen Einzelfall. Doch Wiens bleibt bei ihrem Plan. Sie weiß dabei die EU auf ihrer Seite.

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