Finanzskandal unter Zeitungsverlegern | Dein Lese-Letter zur Wochenmitte von Medieninsider | ABC-Z

Schön, dass du dabei bist! Was dich in dieser Woche unter anderem im Lese-Letter erwartet:
► Finanzskandal: Ermittlungen auch beim Verband der hessischen Zeitungsverleger (VHZV) – im Raum steht Veruntreuung von 1,2 Millionen Euro (Editorial)
► Radioreform: ARD verpasst selbst gesetzte Sparziele, berichtet Volker Nünning (direkt zum Artikel)
► Kolumne: Was wir vom Fall Washington Post lernen können, beschreibt Alexandra Borchardt (direkt zum Artikel)
► Dunkle Wolken statt weißer Rauch: Der Streit beim Weser-Kurier geht in die nächste Runde (am Ende des Newsletters)
Finanzskandal unter Zeitungsverlegern
Auch in den Verbänden der Zeitungsverleger wird gerne gejammert, wie schlecht es der Branche geht und dass das Geld immer knapper wird. Umso erstaunlicher, wenn niemandem auffällt, wenn etwas in der Kasse fehlt.
In hessischen Branchenverbänden sollen über Jahre Gelder in Millionenhöhe veruntreut worden sein. Insgesamt geht es um rund 14 Millionen Euro. Betroffen ist auch der Verband der hessischen Zeitungsverleger (VHZV), bei dem ein Schaden von etwa 1,2 Millionen Euro im Raum steht.
Verdächtigt wird der mittlerweile ehemalige Geschäftsführer mehrerer Verbände, der allein für den VHZV 21 Jahre tätig war. Zuerst berichteten die Medien der VRM-Gruppe – bemerkenswerterweise selbst Mitglied im betroffenen Landesverband. Gegenüber den Journalisten hat sich der Beschuldigte zu den Vorwürfen geäußert – obwohl die juristische Aufarbeitung noch läuft. Wie das Landgericht Hanau gegenüber Medieninsider bestätigt, hat die zuständige Staatsanwaltschaft in einem von zwei Ermittlungsverfahren Anklage erhoben. Gegenstand sind 28 mutmaßliche Fälle der Veruntreuung im Zusammenhang mit Treuhandtätigkeiten. Die Ermittlungen zu den Geschäftsführertätigkeiten laufen offenbar noch.
Auch wenn im Zentrum des Falls das mutmaßliche Fehlverhalten eines Einzelnen steht: Er wirft ein Schlaglicht auf Strukturen, in denen es offenkundig keine wirksame Kontrolle gegeben hat. Denn aufgedeckt wurde der Vorgang nicht durch interne Prüfmechanismen der Verbände, sondern durch einen externen Insolvenzverwalter.
Dass ein mutmaßlicher Millionenschaden erst auf diesem Weg ans Licht kam, wirft grundlegende Fragen zur Kontrolle von Geschäftsführern in den Landesverbänden auf. Beim VHZV unterliegt der Geschäftsführer formal der Aufsicht durch Vorstand und Mitgliederversammlung. Faktisch scheint diese Kontrolle nicht gegriffen zu haben.
Der Verband selbst äußert sich dazu nicht. Die neue Geschäftsführerin Sonja Boss, gleichzeitig Geschäftsführerin der Landesverbände Norddeutschland und Hamburg sowie Leiterin Recht beim Bundesverband, erklärte gegenüber Medieninsider, man könne sich aufgrund der laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen nicht äußern. Auch der Bundesverband der Zeitungsverleger (BDZV) verweist auf Nachfrage auf die rechtliche Eigenständigkeit seiner Landesverbände – formal korrekt, in der Konsequenz jedoch folgenreich.
Denn der Fall trifft einen Verband, der ohnehin unter erheblichem Druck steht. Seit Jahren verlieren die Zeitungsverleger an Rückhalt bei ihren Mitgliedern. Der finanzielle Spielraum schrumpft, die Erwartungen an politische Durchsetzungskraft bleiben hoch, die Erfolge sind umstritten. Zu teuer, zu wenig schlagkräftig, zu kleinteilig organisiert – so lauten die Vorwürfe, die in der Branche seit Längerem kursieren.
An dieser Stelle wird der Fall aus Hessen politisch relevant. Nicht weil er die Reformdebatte ausgelöst hätte, sondern weil er sie verschärft. Die föderale Struktur des BDZV mit weitgehend autonomen Landesverbänden, eigener Geschäftsführung und eigener Finanzhoheit gilt vielen ohnehin als reformbedürftig. Der mutmaßliche Finanzskandal verstärkt nun den Eindruck, dass Verantwortung verteilt und Kontrolle verdünnt ist.
Andere Verbände haben ihre Strukturen in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichen Gründen neu geordnet – nicht als Reaktion auf Skandale, sondern aus strategischen Erwägungen. Der frühere Zeitschriftenverband VDZ etwa hat sich im Medienverband der Freien Presse (MVFP) neu organisiert und dabei zentrale Zuständigkeiten gebündelt. Der BDZV hingegen ringt seit Jahren um Reformen, ohne die Grundarchitektur wirklich anzutasten.
Der Fall aus Hessen fällt in eine Phase, in der sich der Verband grundlegenden Fragen kaum noch entziehen kann: nach Kontrolle, nach Verantwortung – und nach der Zukunftsfähigkeit seiner Struktur.

► Elisa Braun und Magnus Lund Nielsen berichten bei Euractive, wie sich Euronews unter dem neuen Eigentümer Alpac Capital zunehmend über Kooperationen mit autoritären Regimen wie Aserbaidschan, Kasachstan und Usbekistan finanziert – durch gesponserte Magazine und unkritische Inhalte. Mitarbeiter monieren wachsende Einflussnahme, Selbstzensur und Verzögerung kritischer Berichterstattung (mehr erfahren)
► Die Redaktion der italienischen La Repubblica streikt, um gegen die Verkaufspläne des Eigentümers Gedi an den griechischen Medienkonzern Antenna zu protestieren. Gedi sucht auch für die Turiner Tageszeitung La Stampa einen Käufer (mehr erfahren)
► ChatGPT testet derzeit Anzeigen für einige US-Nutzer sowohl im kostenlosen als auch im günstigen Go-Abonnement, berichtet Axios (mehr erfahren)
► Der Spiegel berichtet, dass sich in den Epstein-Akten auch ein Presseausweis seiner Komplizin Ghislane Maxwell findet – offenbar ausgestellt in Deutschland von der dju. Die Gewerkschaft Ver.di spricht von einer Fälschung (mehr erfahren).
► Der „Klimabericht“ hatte dem NDR 2023 deutliche Mängel in der Führungs- und Kommunikationskultur attestiert – als Konsequenz soll bei der Auswahl von Führungskräften nun stärker auf Kommunikationsverhalten und wertschätzende Zusammenarbeit geachtet werden (mehr erfahren)
► Daniela Gschweng lobt das eingestellte Nachhaltigkeitsmagazin Flip für seine journalistische und konzeptionelle Arbeit, hinterfragt jedoch, ob es noch als Journalismus gilt oder eher Produktmarketing ähnelt. Gleichzeitig sieht sie in Flip ein Modell für die langfristige Finanzierung von gemeinwohlorientiertem Journalismus (mehr erfahren). Medieninsider berichtete 2020 über den Start des Projektes (mehr erfahren)
► Die Washington-Baltimore Newspaper Guild geht davon aus, dass der Stellenabbau bei der Washington Post weit mehr als ein Drittel der Redaktion betrifft (mehr erfahren)
► Moderatorin Katja Burkard beschreibt den Tag der Kündigungswelle in einem Podcast als einen der „schwärzesten Tage in der Geschichte von RTL“. Leute seien „zusammengeklappt“, zitiert sie Der Spiegel. Es soll zu medizinischen Notfällen mit Rettungswagen-Einsätzen vor Ort gekommen sein. Der Sender müsse nun umdenken, um zu überleben (mehr erfahren)
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Dunkle Wolken statt weißer Rauch an der Weser
Am vergangenen Mittwoch kam wieder einmal der Aufsichtsrat der Bremer Tageszeitungen AG zusammen, ohne sich am Ende über die Vorstandsfrage verständigt zu haben. Zur Erinnerung: Anfang des Jahres hat das Amtsgericht Bremen einen „Notvorstand“ bestimmt, weil der Aufsichtsrat nicht in der Lage war, selbst einen Manager zu berufen. Der Vertrag von Vorstand David Koopmann war zum Jahreswechsel ausgelaufen – und die Vertreter von Co-Gesellschafter Christian Güssow wollen ihn nicht mehr. Umso weniger begeistert ist das Lager, dass ausgerechnet Koopmann zum Interimschef berufen worden ist, weil sich das Gericht nicht zum Personaldienstleister für zerstrittene Eigentümer machen wollte. Das hält die Gegner offenbar nicht davon ab, den Konflikt weiter zu verschärfen.
Anstatt der Forderung des Richters nachzukommen und wie in einem „Konklave“ so lange zu tagen, wie es eben nötig ist, wurden wieder Anwälte bemüht – dieses Mal für eine Beschwerde gegen den Richterbeschluss. Wie das Amtsgericht Bremen gegenüber Medieninsider bestätigt, wurde diese auch eingelegt – was das Verfahren nun vor die nächste Instanz bringt.
Über die Hintergründe des Streits hatten wir in den vergangenen Wochen mehrmals berichtet. Unsere Artikel dazu findest du hier und hier.
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