Epstein-Affäre in Großbritannien: Starmer ergreift die Flucht nach vorn | ABC-Z

Der Epstein-Skandal erschüttert die britische Politik. Nach zwei Rücktritten in seinem Umfeld steht Premier Starmer massiv unter Druck. Doch in der politischen Krise zeigt er plötzlich eine andere Seite von sich.
Der Wochenanfang war für den britischen Premierminister Keir Starmer eine politische Nahtoderfahrung. Nachdem sowohl sein Stabschef als auch sein Kommunikationschef zurückgetreten waren, schien auch Starmers Amt am seidenen Faden zu hängen. Ob seine Tage gezählt seien, wollten die Journalisten in der Downing Street wissen.
Mehrere seiner eigenen Parteikollegen hatten sich für einen Rücktritt des Premiers ausgesprochen. So auch der Chef von Labour in Schottland, Anas Sarwar. Denn die Schotten wählen im Mai ihr neues Parlament. Und das Chaos in der Downing Street dürfe den Wahlkampf nicht überschatten.
Doch dieser Frontalangriff schien das Labour-Kabinett wachgerüttelt zu haben. Denn das stellte sich plötzlich klar hinter ihren Premier. Ed Miliband, Staatssekretär für Energiesicherheit, sagt: “Ihnen hat das nicht gefallen und sie fanden es wichtig, sich hinter Keir zu vereinen, sich auf das Land zu konzentrieren. Wir wollten keinen chaotischen, ungeordneten Führungsstreit so wie bei den Tories, als die an der Macht waren.”
“Er war wie ein neuer Mann”
Und so mobilisierte Starmer am Montagabend wohl noch einmal alle Kräfte und kämpfte um sein Amt. Hinter verschlossenen Türen trommelte er die Parteimitglieder zusammen. Der Abgeordnete Karl Turner war dabei: “Er war wie ein neuer Mann. Stark, entschlossen, reflektiert. Reumütig. Aber kein Mann, der auf den Knien lag”, so Turner.
Ein Mann also, wie man ihn sonst öffentlich kaum kennt. Starmer ist nicht bekannt für große Gefühle oder leidenschaftliche Reden. Umso größer sei der Applaus gewesen, sagt Lucy Powell, stellvertretende Vorsitzende von Labour: “Es gab mehr Standing Ovations und Unterstützung, als ich in letzter Zeit bei irgendeiner Sitzung gesehen habe.”
Nach Tagen der Unruhe und Kritik habe Starmer die Partei mitgerissen, sagt auch Labour-Abgeordnete Emma Reynolds: “Da war ein echtes Gefühl der Einheit. Und der Premier hat seine Entschlossenheit und Verantwortung gegenüber dem britischen Volk betont.”
Weiter Druck aus der Opposition
Demonstrativ, so scheint es, versucht Labour nun also zu vermitteln: Das hier ist kein Ende, sondern ein Neuanfang. Der Premier ist anscheinend nochmal davongekommen. Trotzdem bleibt er schwer angeschlagen. Und die Opposition lässt nicht von ihm ab.
“Die Labour-Partei wurde gewählt, um Veränderungen zu bringen, das Chaos zu beenden, das wir unter den Konservativen erlebt haben. Keir Starmer hat versagt” sagt etwa Ed Davey, Chef der Liberaldemokraten.” Jeden Tag haben wir Seifenoper. Das schadet dem Land und heißt, dass sich Dinge wie unser Gesundheitswesen nicht so verbessern, wie sie sollten.”
Und der Chef von Reform UK, Nigel Farage, ist sich sicher: Bis zur nächsten Parlamentswahl werde der Premier nicht durchhalten.
Was sind die Epstein-Files?
Die sogenannten Epstein-Files bezeichnen eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der US-Multimillionär soll über Jahre hinweg ein Netzwerk zum sexuellen Missbrauch junger Frauen und Minderjähriger aufgebaut haben. Epstein wurde 2019 erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.
Im Mittelpunkt der Epstein-Files stehen Gerichtsakten aus Zivilprozessen, vor allem aus einem Verfahren der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die 2021 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt wurde. Viele dieser Unterlagen waren lange unter Verschluss. Anfang 2024 ordnete ein US-Gericht an, zahlreiche Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Es folgten weitere Veröffentlichungen.
Die Akten enthalten unter anderem Aussagen von Opfern und Zeugen, E-Mails, Fotos, Videos sowie Namen von Personen, die mit Epstein in Kontakt standen. Darunter finden sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die bloße Nennung eines Namens bedeutet keine Schuld. Zahlreiche Personen werden lediglich erwähnt, ohne dass ihnen strafbares Verhalten vorgeworfen wird.
Die Akten belegen, wie weitreichend Epsteins Kontakte waren und wie er offenbar seinen Reichtum und Einfluss nutzte, um sich und andere Beteiligte zu schützen. Zugleich zeigen sie, dass Justizbehörden schon früh Hinweise auf mögliche Straftaten Epsteins hatten. So meldeten sich bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrere junge Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft, ohne, dass es zu einer umfassenden Strafverfolgung kam. Eine vollständige Aufarbeitung steht bis heute aus.
Generelle Politikverdrossenheit
So oder So. Die britische Bevölkerung habe langsam die Nase voll von denen da oben, sagt Luke Trill vom ThinkTank More in Common: “Es ist wichtig zu sagen, dass das nicht der übliche, gesunde britische Zynismus gegenüber Politik und Politikern ist, sondern ein tieferes Gefühl, dass nicht nur unsere Politik, sondern auch unsere Institutionen nicht mehr das liefern können, was die Menschen wollen.”
Als Nächstes stehen große Herausforderung an für den Premier: Eine wichtige Nachwahl für einen Parlamentssitz Ende Februar, Kommunalwahlen im Mai. Für den Moment aber wird er vielleicht kurz aufatmen können.






















