“Es reicht!”: Praxispersonal wütet gegen Forderungen, mehr zu arbeiten | ABC-Z

“Es reicht!”Praxispersonal wütet gegen Forderungen, mehr zu arbeiten
10.02.2026, 16:37 Uhr
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Medizinische Fachangestellte – überwiegend Frauen – sehen sich in der Diskussion um Mehrarbeit verunglimpft. Schon jetzt arbeiten sie am Limit, wie der Berufsverband betont. Diesen Menschen vorzuhalten, “wie faul sie doch sind”, sei respektlos.
In der Debatte um Mehrarbeit ist in den Augen der Medizinischen Fachangestellten das Fass übergelaufen. “Begriffe wie ‘Lifestyle-Teilzeit’, Forderungen nach längeren Arbeitszeiten, die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung oder Eingriffe in Überstundenregelungen verdeutlichen eine besorgniserregende Entwicklung”, warnt der Verband medizinischer Fachberufe. Sie habe die Diskussion lange aufmerksam verfolgt, schreibt die Gewerkschaft. “Es reicht!”
“Unsere Mitglieder arbeiten in höchst verantwortungsvollen Berufen, die volle Konzentration, Fachwissen und Einfühlungsvermögen verlangen”, heißt es in einem Statement. “Schon heute leisten viele Beschäftigte Überstunden und stoßen regelmäßig an ihre psychischen und physischen Belastungsgrenzen.” Teilzeit sei “auch die Entscheidung für die eigene Überlebensstrategie”. Eine Ausweitung der täglichen Arbeitszeit würde Gesundheit und Erholungsphasen massiv gefährden – “und den bestehenden Fachkräftemangel weiter verschärfen”.
Besonders alarmierend findet der Berufsverband eine Lockerung des Achtstundentags. Die Bundesregierung plant eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes. Der Koalitionsvertrag sieht eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit vor. Bisher ist die Arbeitszeit auf acht Stunden pro Tag begrenzt, in Ausnahmefällen ist eine Verlängerung auf bis zu zehn Stunden möglich.
“Bereits jetzt reduzieren viele Beschäftigte im Gesundheitswesen ihre Arbeitszeiten, um die hohe Belastung langfristig überhaupt bewältigen zu können”, betont der Verband. Auch wenn der Begriff “Lifestyle-Teilzeit” inzwischen zurückgenommen wurde, bleibe die Botschaft respektlos. Denn er unterstelle, Beschäftigte arbeiteten aus Bequemlichkeit weniger. “Wir weisen diese Aussage entschieden zurück.”
“Notwendigkeit statt mangelnde Arbeitsmoral”
Die Gewerkschaft verweist zudem auf ehrenamtliches Engagement, etwa auch in Berufsbildungsausschüssen. “Diesen Menschen jeden Tag zu erzählen, wie ‘faul sie doch sind’ und dass sie viel zu hohe Ansprüche haben, ist nicht nur unsozial, sondern vor allem respektlos.”
Etwa die Hälfte der Medizinischen Fachangestellten, ein Drittel der Tiermedizinischen Fachangestellten, 44 Prozent der Zahnmedizinischen Fachangestellten sowie 30 Prozent der Zahntechnikerinnen und Zahntechniker seien zuletzt in Teilzeit beschäftigt gewesen. “Der Hauptgrund dafür liegt nicht in mangelnder Arbeitsmoral, sondern in der Notwendigkeit, berufliche und familiäre Verantwortung miteinander zu vereinbaren”, betonen die Arbeitnehmervertreter. “Gerade in einem Berufsfeld, das überwiegend von Frauen getragen wird, ist Teilzeit eine Arbeitsrealität – kein Lifestyle.” In manchen Betrieben bestehe zudem gar nicht die Möglichkeit, Vollzeit zu arbeiten.
Als Voraussetzung für einen attraktiven Wirtschaftsstandort fordert das Praxispersonal unter anderem “gute Arbeitsbedingungen und leistungsgerechte Entlohnung für gut ausgebildete Fachkräfte sowie familienfördernde Voraussetzungen wie Kita-Plätze, Ganztagsbetreuung in den Schulen” oder die Entlastung von pflegenden Angehörigen. Und ein funktionierendes Gesundheitswesen.





















