Die Kirche in der Bundeswehr: Zeit, Schluss zu machen | ABC-Z

D ie Bundeswehr soll wachsen: personell, technisch, strategisch. Doch während über Panzer, Munition und Infrastruktur diskutiert wird, meldet eine Institution ganz andere Ansprüche an: Die evangelische Militärseelsorge forderte bei der Präsentation der Studie „Was kann und was leistet Militärseelsorge?“ Ende Januar ein „proportionales Mitwachsen der Militärgeistlichen“. Mehr Soldaten, mehr Pfarrer. Eine moderne Parlamentsarmee braucht vieles, aber keine staatlich organisierte Missionsarbeit. Wer ernsthaft über eine moderne Bundeswehr spricht, muss auch den Mut haben, die Abschaffung der Militärseelsorge in den Blick zu nehmen.
Historisches Erbe statt moderner Truppenbetreuung
Die Militärseelsorge ist kein zeitgemäßes Instrument psychosozialer Betreuung, sondern ein historisches Relikt. Schon in der preußischen Armee gehörten Feldprediger zur militärischen Ordnung, Kriege wurden religiös legitimiert und moralisch flankiert. Während des Nationalsozialismus garantierte das Reichskonkordat von 1933 ausdrücklich die katholische Militärseelsorge. Geistliche begleiteten die Wehrmacht bei ihren Eroberungs- und Vernichtungskriegen – mit Kenntnis von Kriegsverbrechen und Massenmord.
Nach 1945 wurde dieses Modell nahezu bruchlos übernommen. Militärseelsorge gilt bis heute als „res mixta“, als gemeinsame Angelegenheit von Staat und Kirchen. Ernsthaft politisch überprüft wurde diese Sonderrolle nie.
Heute existieren rund 180 Militärpfarrämter für etwa 183.000 aktive Soldaten. Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) kam 2020 rechnerisch ein Geistlicher auf 500 katholische oder evangelische Soldaten. Bei der Gründung der Bundeswehr war ein Geistlicher noch für 1.500 Soldaten zuständig, ein stillschweigend erhöhter Betreuungsschlüssel. Die Forderung nach weiterem „Mitwachsen“ ist ein Versuch, kirchliche Präsenz in der Bundeswehr dauerhaft abzusichern.
Besonders deutlich wird die Schieflage bei der religiösen Gleichbehandlung. Für mehrere tausend muslimische Soldaten gibt es bis heute keine Militärimame – angeblich wegen ihrer „Heterogenität“. Seit 2021 baut die Bundeswehr auch eine jüdische Militärseelsorge auf, mit mehreren Rabbinern für vermutlich nur dreihundert Soldaten. Laut fowid liegen die Kosten bei rund 14.000 Euro pro jüdischem Soldaten.
Missionsarbeit und Pflichtethik aus kirchlicher Hand
Dass es sich bei der Militärseelsorge explizit um Missionierung handelt, wird offen eingeräumt. Der frühere evangelische Militärbischof Sigurd Rink sprach 2018 von einer „Chance“, um kirchenferne Menschen zu erreichen. Besonders problematisch ist der sogenannte Lebenskundliche Unterricht (LKU). Er ist für alle Soldaten verpflichtend und soll ethische Orientierung und Lebenshilfe bieten. In der Praxis wird er ausschließlich von Militärgeistlichen erteilt.
Die hohen Kosten sind weitgehend intransparent. Das Verteidigungsministerium räumt ein, dass sich die Ausgaben für die Militärseelsorge nicht genau beziffern lassen. Konservative Schätzungen gehen von jährlich über 40 Millionen Euro aus und das ohne Pensionen, Immobilien und Leitungsstrukturen einzurechnen.
Dieses Geld wäre anderswo dringend nötig: für marode Kasernen, funktionierende IT und moderne Ausrüstung. Was Soldaten wirklich brauchen, sind professionelle Krisenintervention und psychologische Betreuung – keine Militärbischöfe und keine Missionsarbeit in Uniform.
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee in einem säkularen Staat. Ihre Aufgabe ist die Landes- und Bündnisverteidigung, nicht die religiöse Betreuung oder Missionierung ihrer Angehörigen. Die Militärseelsorge ist ein historisch gewachsenes Sonderrecht der Kirchen. In der Nationalen Volksarmee der DDR gab es übrigens keine Militärseelsorge.
Dass sich bis heute keine Partei an die Abschaffung der Militärseelsorge heranwagt, zeigt vor allem eines: wie groß die politische Scheu ist, kirchliche Privilegien selbst dort zu beenden, wo sie teuer und unzeitgemäß sind.





















