Wie kann Pflege auch mal gelingen? | ABC-Z

Wenn die Generationen voneinander lernen
Oft wird von Mehrgenerationenhäusern geredet; in Schwalbach im Taunus wird die Idee vorbildlich in die Tat umgesetzt, zumindest von morgens bis nachmittags. Seit 2017 ist im Erdgeschoss des dortigen Seniorenzentrums eine Kita mit rund 50 Kindern eingerichtet.
Einmal die Woche, immer mittwochs um 10 Uhr, schauen die Senioren bei den Kindern in der Kita vorbei. Dieses Mal sitzen sie an einer langen Tafel, die Kinder auf kleinen Stühlen, die Seniorinnen auf höheren. Zur Begrüßung singen sie gemeinsam „Hallihallo, wie schön, dass ihr da seid“. Dieses Mal kommen nur drei Heimbewohnerinnen auf zehn Kinder. „Oft sitzen aber auch bis zu zehn Seniorinnen und Senioren hier“, sagt Kita-Leiterin Judith Hilmer. Gerade Familien, bei denen die Großeltern weit weg wohnten, fänden es schön, dass ihre Kinder regelmäßig mit älteren Menschen zu tun hätten.
Jeden Mittwoch geht es um ein anderes Thema, mit dem Senioren wie Kinder etwas anfangen können. Manchmal backen sie zusammen, oft basteln oder singen sie. Vor Kurzem haben sie etwa über Berufe gesprochen, etwa den des Schusters. Die Kinder sollten die Frage beantworten, wie viele Schuhpaare sie haben. Die Jungen und Mädchen zählten auf: Sportschuhe, Hausschuhe, Schuhe für draußen, sie kamen gar nicht mehr aus dem Reden heraus. Dann wurden die Senioren gefragt: Wie viel Paar Schuhe hatten Sie früher? Deren Antwort: eins. „Ein Paar musste reichen, mit dem ging es halt zum Schuster“, erklärten manche. Den Kindern wurde klar: So viele Schuhe zu haben wie sie, ist nicht selbstverständlich. „Uns ist wichtig“, sagt Hilmer, „dass die Kinder etwas von den Senioren lernen können.“
Das Thema am heutigen Mittwoch lautet: Äpfel. Besprochen wird: Welche Unterschiede gibt es bei Äpfeln? Wie schmecken sie? Und was haben die Kita-Kinder aus dem Obst gemacht? Auch dieses Mal erzählen die Kinder und Senioren aus ihrer jeweiligen Perspektive. Die Kinder haben Apfelsaft gepresst, einen Kuchen gebacken, alles mit elektrischen Geräten. Die älteren Frauen erzählen, wie sie früher in der Küche hantierten. Damals machten sie das Apfelkompott noch von Hand, es gab schlicht keine Geräte mit Strom.
Danach werden an diesem Mittwoch noch Äpfel bemalt. Schon nach ein paar Minuten sind nicht nur die Finger der Kinder voller Farbe, sondern auch die der Älteren. Einige von diesen werden von ihren kleinen Sitznachbarn als Pinselhalter gebraucht. Eine 96 Jahre alte Heimbewohnerin erzählt, sie komme jeden Mittwoch: „Wir leben hier mit den Kindern unter einem Dach.“ Das gefalle ihr, vor allem gebe es immer etwas Neues zu sehen. Auch ihre Nachbarin, 91 Jahre alt, ist begeistert, sie komme seit zwei Jahren zu dem Treffen. „Ich habe mich schon immer gerne um Kinder gekümmert“, sagt sie und erzählt, ihr Sohn lebe mit dem Enkel ein Stück weg, die Kinder aus der Kita seien zwischen den Besuchen ein kleiner Ersatz.
„Die Kinder benehmen sich anders, wenn die Senioren da sind“, resümiert Leiterin Hilmer. „Die Kinder bekommen das Gefühl vermittelt, dass sie gemocht werden. Sie merken, dass die alten Leute sehr ruhig sind, und das färbt ab.“ Auch was die Kinder bei den alten Leuten beobachteten, übertrage sich. Kürzlich habe sie ein paar Reifen in die Kita mitgebracht, die sie gefunden hatte, berichtet Hilmer. Sie war erstaunt, was die Kinder daraus machten: Einige bastelten einen Rollator, andere funktionierten den Puppenwagen in einen Rollstuhl um. Aufgezeichnet von Bastian Bieker
Wenn Higtech Erinnerungen weckt
„Pflege kann Spaß machen, und zwar allen Beteiligten.“ Diesen Satz sagt Carlo Rothammel schon früh, und im weiteren Verlauf des Gesprächs wird klar, das ist nicht nur ein PR-Satz. Rothammel führt das AWO-Seniorenzentrum Rödental bei Coburg. Seinen Pflegekräften will er die Arbeit erleichtern, zum Beispiel über den Einsatz von Exoskeletten – einer Hebeassistenz, welche die körperliche Belastung bei Pflegeeinsätzen reduziert. Rothammel ist immer auf der Suche nach Ideen, die den Bewohnern des Zentrums zugutekommen. Sein neuster Clou: VR-Brillen, die über ein Tablet bedient werden. Durch die Virtual-Reality-Geräte werden ihre Träger an Orte versetzt, die sie in aller Regel gut und seit vielen Jahren kennen: beispielsweise in den Rosenaupark in der Nähe des Zentrums. Durch Panoramaaufnahmen in den Brillen ist es möglich, nach rechts und links, nach oben und unten zu schauen und ein räumliches Erlebnis zu haben.
Die Vorteile der Geräte, so Rothammel, sind vielfältig: Für Bewohner, die fit im Kopf sind, bieten sie eine willkommene Abwechslung und die Möglichkeit, eine vertraute Sehenswürdigkeit mal wieder besuchen zu können, ohne dass ein zeitaufwendiger Ausflug in den Park organisiert werden muss. Das nämlich ist ein Luxus, der nicht allzu oft drin ist in den durch die Essenszeiten klar getakteten Tagen im Seniorenzentrum. Ein schöner Nebeneffekt sei zudem, dass sich, wenn die vier vorhandenen Brillen von ihnen gleichzeitig getragen werden, Gespräche zwischen Bewohnern ergäben, die sonst keinen Austausch miteinander hätten. „Da sagt dann einer: ‚Da vorne rechts gab’s früher die beste Bratwurst‘, und ein anderer widerspricht“, berichtet der Heimleiter. Es habe sich gezeigt: Die Leute wollten nicht nach Hawaii oder auf die Zugspitze, sondern an Orte, die sie mit ihrem Leben verbinden. Teilhabe lautet das Zauberwort.

Für Demenzpatienten haben die VR-Bilder eine noch größere Bedeutung, wie Rothammel zu berichten weiß: „Durch den visuellen Reiz werden Erinnerungen im Langzeitgedächtnis geweckt. Wir haben schon öfter gesehen, dass das zur Aktivierung von Demenzpatienten führt.“ Die Konfrontation mit abgespeicherten Bildern aus dem früheren Leben habe immer wieder zur Folge, dass in sich gekehrte Bewohner kommunikativer und aufgeschlossener würden. Nicht bei jeder dementiellen Erkrankung seien die VR-Brillen geeignet, aber selbst Schwerstdemente zeigten positive Reaktionen.
„Biographiearbeit“ nennt sich diese Methode, die in der Pflege von Menschen mit Demenz immer mal wieder eingesetzt wird und die dazu führt, dass Erinnerungen geweckt und Selbsterleben und Wohlbefinden gestärkt werden.
Der umtriebige Rothammel denkt jetzt schon darüber nach, wie das Konzept der VR-Brillen weiter verbessert und erweitert werden kann. Volker Lieber, Geschäftsführer der Firma vrblick, die das Projekt gemeinsam mit Rothammel und Schülerinnen und Schülern eines Gymnasiums am Ort umsetzte, erklärt, für die Zukunft sei es auch eine Option, Veranstaltungen wie beispielsweise Konzerte aufzunehmen und so zu bearbeiten, dass man auch in der nachträglichen Rezeption mit der Brille den Eindruck habe, dabei gewesen zu sein. Durch die fortschreitende Technik sei das Erstellen der Aufnahmen inzwischen auch schon für weniger technikbegeisterte Menschen möglich. So wäre es sogar vorstellbar, eine Familienfeier in der Ferne im Bewegtbild festzuhalten und einem nicht gut mobilen Familienmitglied zukommen zu lassen. Oder per Künstlicher Intelligenz eine Gastwirtschaft aus den Siebzigerjahren wiederaufleben zu lassen, die längst zugemacht hat. „Da generiert sich ein Markt“, sagt Carlo Rothammel – und schaut zufrieden. Aufgezeichnet von Eva Schläfer
Wenn die lästige Fahrerei Freude bringt
„Ich fahre Menschen durch die Gegend, bedürftige und kranke Menschen oder welche, die keinen Führerschein haben“, sagt Ines Engler. Die 60-Jährige ist ehrenamtliche Mobilitätsbegleiterin bei der Stiftung Landleben in Thüringen und erzählt:
„Da hier alle auf dem Dorf wohnen, kommen die ohne mich und die anderen Ehrenamtler vom Mobilitätsservice der Stiftung Landleben nicht von A nach B. Ich bringe sie zum Arzt, zur Physiotherapie, zum Friseur. Auch fürs Einkaufen bieten wir Touren an, da werden gleich mehrere Leute mitgenommen, die dann mit Zeit einkaufen können. Ohne uns wären die aufgeschmissen.

Warum ich das mache? Ich helfe gerne, mir fehlt sonst was. Ich habe mich auch um meine Eltern gekümmert, als sie alt wurden und nicht mehr allein zurechtkamen, für mich ist das ganz selbstverständlich. Und die alten Leute sind sehr dankbar für meine Hilfe, aber auch dafür, dass es die Stiftung überhaupt gibt. Ich war damals auch ganz begeistert, als mir die Stiftung geholfen hat, den Pflegeantrag für meinen Vater zu stellen. Und deshalb habe ich im Sommer vor einem Jahr gefragt, ob ich mithelfen kann. Und dann haben sie gleich Ja gesagt.
Ich fahre einen Wagen der Stiftung, in den man hinten ein paar Rollatoren reinkriegt. Ich mache das zwei bis drei Tage die Woche, mal bin ich nur eine Stunde unterwegs, mal fünf bis sechs. Wir haben auch noch zwei große Autos, wo acht bis zehn Personen reingehen. Aber das sind Automatikfahrzeuge, da möchte ich mich erst noch einweisen lassen. Alle sagen, dass es einfacher ist, Automatik zu fahren als zu schalten, aber bevor ich mir das Auto volllade mit älteren Menschen und dann vielleicht nicht zurechtkomme, will ich erst mal mit einer Begleitung von der Stiftung geübt haben.
Sowas wie öffentlichen Nahverkehr, also einen Bus, gibt es bei uns natürlich schon auf dem Land, aber er fährt nicht oft, und er braucht lang, bis er alle Dörfer abgefahren hat. Dann ist man zwar in der Stadt, in Bad Langensalza oder in Bad Tennstedt, aber der Weg vom Busbahnhof zum Einkaufen ist auch nicht gerade kurz. Das schaffen die Leute gar nicht, und auch die Zeit ist zu kurz, bis der Bus wieder zurückfährt. Die älteren Leute müssen außerdem oft auch nach Erfurt oder nach Jena – etwa zum Arzt. So eine Fahrt trauen sie sich allein gar nicht mehr zu.
Ich bin zwar auch nicht mehr die Jüngste, aber ich komme besser damit zurecht als Leute in ihren Siebzigern oder Achtzigern. Mein bislang ältester Passagier war 90. Ich hole jeden, den ich fahre, zu Hause ab und setze ihn auch wieder dort ab. Die Leute sind froh, dass sie jemanden zum Unterhalten haben. Das muss man schon so sagen. Die sind ja sonst oft den ganzen Tag allein zu Hause. Da ist Einsamkeit schon ein Thema. Ich freue mich auf jeden Fall immer, wenn die Leute mit meinen Fahrten zufrieden waren. Manche sagen mir dann: Sie sind wieder toll gefahren.“ Aufgezeichnet von Eva Schläfer





















