Kosten für Lebensmittel: Der Preisschock wirkt immer noch nach | ABC-Z

Die Inflation liegt um die 2 Prozent, wie von der Europäischen Zentralbank gewünscht. Auch die Lebensmittelpreise steigen nur noch moderat. Dennoch machen sich sehr viele Menschen Sorgen wegen der Lebenshaltungskosten.
Bei den Kosten für das tägliche Leben macht der Rentnerin Christiane Gillert aus dem hessischen Echzell niemand etwas vor. Die gelernte Steuerfachangestellte führt nämlich seit mehr als 40 Jahren penibel ihr Haushaltsbuch. Den Preis für jedes einzelne Produkt trägt sie nach jedem Einkauf handschriftlich in ihre Liste auf kariertem Papier ein.
Seit 2020 besonders hohe Preissprünge
Bald wird sie den 100.000. Eintrag in ihrem Leben machen. Der wohl einmalige Datenschatz erlaubt der 68-Jährigen einen präzisen Blick auf die Preisentwicklung. “Im Vergleich zu vor 5 Jahren sind die Preissprünge enorm”, so Gillert. “Aber in den vergangenen beiden Jahren ist das ziemlich stabil.”
Auf den Cent genau zeigt das ihr Mustereinkaufskorb mit zehn Alltagsartikeln wie Brot, Butter und Orangensaft. Heute hat sie dafür 19,25 Euro bezahlt, kaum mehr als 2024 mit 18,57 Euro. Doch was für ein Unterschied zu 2019: Da waren es gerade mal 12,05 Euro. Ein ähnliches Bild liefert das Statistische Bundesamt: Die Preise insgesamt sind 23 Prozent höher als 2020, aber bei Lebensmittel sogar 37 Prozent im Fünf-Jahres-Vergleich.
Sondereffekte durch Kakao und Kaffee
Die sogenannte Supermarkt-Inflation ist also besonders hoch. Der Handelsexperte Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg erklärt den besonders drastischen Anstieg bei Lebensmittel damit, dass die normale Inflation zum einen natürlich auch den Lebensmittelhandel nicht verschont habe. “Wir haben aber einen verstärkenden Sondereffekt, weil die Rohstoffpreise zum Beispiel für Kakao und Kaffee und vieles andere noch deutlicher gestiegen sind.”
Im Vergleich zu 2024 hat sich das Pfund Kaffee von Christiane Gillerts Lieblingssorte seit 2024 von 6,04 Euro auf 7,99 Euro verteuert. Im selben Zeitraum wurde aber beispielsweise die Milch (minus 11 Prozent) und vor allem die Butter (minus 45 Prozent) wiederum günstiger.
Verbraucher nehmen Preissenkungen kaum wahr
Doch solche Preissenkungen bei einzelnen Produkten wie auch stabile Preise für andere Artikel dringen bei vielen Verbrauchern nicht durch, wie eine repräsentative Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen zeigt. Demnach machen steigende Lebenshaltungskosten der Mehrheit der Deutschen (58 Prozent) große Sorgen.
Entspannt oder völlig gelassen sehen das nur 42 Prozent. Zugleich merken alle den Preisanstieg: Für den Bereich Lebensmittel sagen das mehr als zwei Drittel – der höchste Wert (68 Prozent). Die Kostensteigerungen bei Energie (16 Prozent) oder Gesundheit (11 Prozent) liegen weit hinten im Sorgen-Ranking.
Gefühlte Inflation teilweise verzerrt
Diese Wahrnehmung der Verbraucher ist für Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING, plausibel. Die Aufmerksamkeit für Lebensmittelpreise sei wegen der Bedeutung im Alltag viel höher im Vergleich zu anderen Kosten.
“Bei der gefühlten Inflationsrate spielt die Vergangenheit und die Entwicklung der letzten Jahre eine viel größere Rolle als die aktuell gemessene Inflationsrate”, so Finanzexperte Brzeski. Wenn vor allem die Preise für Lebensmittel über Jahre so stark gestiegen seien, dann bemerke der Verbraucher gar nicht, wenn jetzt in den vergangenen Monaten manche Preise sogar gesunken seien. “Die viel größere Rolle spielt der Anstieg in den vergangenen Jahren.”
Lebensmittelketten in der Kritik
Wegen dieser Preiswahrnehmung der Käufer wundert es nicht, dass immer wieder Kritik an der Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel und der Preismacht aufkommt. In den vergangenen zehn Jahren sind viele bekannte Marken aus Deutschland verschwunden – Filialen wurden geschlossen oder an Wettbewerber verkauft: Real im Jahr 2021 mit 200 Filialen, Kaisers/Tengelmann im Jahr 2016 mit 400 Filialen, Coop ebenfalls 2016, und dort ging es um 200 Filialen.
Eine Entwicklung, die es bereits in den 2000er-Jahren bei extra, Plus, Walmart und Spar gegeben hat. Dort wurden zwischen 2005 und 2008 insgesamt knapp 5.000 Filialen geschlossen wurden. So dominieren inzwischen nur noch vier Player den Markt.
Wenige Marken dominieren den Markt
Fast ein Drittel des Umsatzes im Einzelhandel macht die Edeka-Gruppe (32,1 Prozent), gefolgt von der Rewe-Gruppe (21,2 Prozent), der Schwarz-Gruppe (20,9 Prozent) mit Lidl und Kaufland. Aldi Nord und Süd haben zusammen einen Anteil von 13 Prozent. Insgesamt stehen die vier inzwischen für 87,2 Prozent des Umsatzes. Zum Vergleich: 1995, also vor rund 30 Jahren, war es nur gut die Hälfte (55 Prozent).
Ein echtes Problem sieht Handelsexperte Rüschen darin aber noch nicht. “Ich halte die Diskussion über die Marktmacht für verkürzt und eigentlich schon populistisch.” Der Preiskampf der vergangenen Monate zeige wieder einmal, dass es einen funktionierenden Wettbewerb gebe.
Kleinere Handelsunternehmen essentiell
Seiner Meinung nach sollten aber die noch existierenden kleineren Handelsunternehmen wie Bünting in Ostfriesland, Tegut mit Schwerpunkt Hessen und Globus (deutschlandweit) erhalten bleiben für den Wettbewerb in den verschiedenen Regionen. “Das kann und soll man in Zukunft mit Regulierung schützen”, so Rüschen.
Wie es in diesem Jahr mit den Preisen weiter geht, sieht der Handelsexperte ganz ähnlich wie Finanzexperte Carsten Brzeski. Der Preisschock der Vergangenheit werde sich nicht wiederholen. Wie bei den Lebensmitteln gebe es generell wieder stabile Preise.
Inflation unter Kontrolle
Die Inflationsrate werde rund um den EZB-Wunschwert von 2 Prozent pendeln. “Da müssen wir uns inzwischen keine Sorgen mehr machen”, sagt Brzeski zu den Aussichten für dieses Jahr und darüber hinaus.
Wenn es so kommt, wird es Christiane Gillert wieder centgenau in ihrem Haushaltsbuch eintragen. Und sich wie alle anderen über stabile Preise nach all den aufregenden Jahren freuen.






















