News

Medizin für Frauen ab 40: Krankheiten haben kein Mindestalter | ABC-Z

E ndlich ist sich die Medizin mal einig. Ich habe eine neue Diagnose erhalten. Ich bin jetzt eine Frau über 40. Ob Kreislaufprobleme oder schmerzender Knöchel, egal ob Hausärztin, Hautarzt oder Neurologe, egal mit welchem Leiden ich in welche Arztpraxis komme, früher oder später schaut mich jemand an mit diesem Blick.

Dieser Blick, bei dem der Kopf leicht gesenkt ist, die Mundwinkel zu einem mitleidigen Lächeln hochgezogen und die Augen ein Stückchen weiter geöffnet sind als sonst. Um zu zeigen, dass jetzt ein wichtiges Geheimnis geteilt wird: Es ist das, was Schauspieler mit ihren Augen machen, wenn sie die Einzigen sind, die wissen, dass der Komet gleich einschlägt, der T-Rex frei herumläuft oder sie schlechte Nachrichten aus der Zukunft überbringen.

Nur eben in Kombination mit Kopf in defensiver Senkung und Mitleidsmund. Und dieser ganze Mimikaufwand wird betrieben, um folgenden Satz zu sagen: „Sie sind jetzt eine Frau über 40.“

„Frau über 40“ ist ein sehr vielfältiges Krankheitsbild, und so gut kennt man sich damit auch nicht aus (gibt es noch nicht so lange und kann höchstens die Hälfte der Bevölkerung treffen), aber einmal diagnostiziert, ist es offensichtlich der Grund für fast alle Probleme, die ein Körper haben kann. Damit ist auch gesagt: „Dafür sind wir nicht zuständig. Wenden Sie sich bitte an Ihre Gynäkologin.“

Medical Gaslighting im Alltag

Die Vermutung ist: Der schmerzende Knöchel, die ständigen Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme, das alles könnten Wechseljahrsbeschwerden sein. Schon möglich. Viel wahrscheinlicher jedoch in meinem Alter (die Ü40-Diagnose ist noch frisch) und vor allem bei dem Wissen über meinen eigenen Körper ist jedoch: eher nicht. Um den Symptomen auf den Grund zu gehen, sollten wir etwas tiefer in meine Krankenakte schauen, als nur bis zum Geburtsdatum.

Viele Gruppen erfahren Medical Gaslighting, werden also in der Praxis nicht ernst genommen, wenn sie ihre Beschwerden beschreiben. Laut Studien: Frauen – einfach, weil sie Frauen sind. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen werden körperliche Leiden vorschnell in den seelischen Bereich geschoben und bei dicken Menschen liegt erst mal alles am Gewicht.

Das Besondere an der Form von Medical Gaslighting, die alle Menschen trifft, die die Frau-Ü40-Diagnose bekommen können – ob das ihrer Geschlechtsidentität entspricht oder nicht –, ist, dass hier mal eine positive Entwicklung der Grund ist: Es wird mehr über Menopause und Perimenopause gesprochen, und es gibt ein größeres Bewusstsein dafür, dass Wechseljahrsbeschwerden diverser sind als so manche Flinta*-Party.

Sie zeigen sich nicht nur in Form von Hitzewallungen und Schlafstörungen, sondern tauchen mal als Gelenkschmerzen oder Blasenentzündung auf. Die lange Liste der Symptome macht mir Brainfog. Wobei das auch ein Perimenopausen-Symptom ist. Ich kann in meinem Alter also nicht genau sagen, wo das jetzt herkommt.

Die Sache ist: Krankheiten verschwinden nicht einfach so, wenn frau über 40 ist. Krankheiten sind keine Filmhauptrollen. Deshalb lohnt es sich zu schauen, was sonst noch so los sein könnte im Körper. Leider können Gy­nä­ko­lo­g*in­nen ab einem gewissen Alter der Pa­ti­en­t*in­nen jedes gesundheitliche Problem nicht mit magischen Hormonen lösen.

Back to top button