Gesundheit

Weniger Geld für Psychotherapie? So ein Unsinn! – Gesundheit |ABC-Z

Die Deutschen brauchen mehr Psychotherapie. Das wird jedem sofort klar, der sich die Entwicklung psychischer Erkrankungen ansieht: Seit Jahren lassen sich immer mehr Menschen krankschreiben, weil ihre Seele leidet.

Da müsste es doch den Entscheidern im Gesundheitswesen ein Herzensanliegen sein, die Menschen im Land besser mit Fachleuten zu versorgen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Neuerdings gibt es wegen einer völlig verhudelten Reform kaum noch Weiterbildungsplätze, die fertig studierte Psychologen und Psychotherapeutinnen dazu befähigen, sich mit einem Kassensitz niederzulassen.

Und nun will der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts zufolge auch noch die Honorare für Psychotherapien pauschal um zehn Prozent kürzen. Wenn das durchgeht, dürfte sich die Versorgung für Menschen mit psychischem Leid nur weiter verschlechtern.

Die Idee hinter der Weiterbildungsreform mag honorig gewesen sein: Nach Bachelor, Master und abgelegter Approbationsprüfung sollte der Therapeutennachwuchs nicht auch noch seine jahrelange Weiterbildung selbst finanzieren müssen. Doch das hat dazu geführt, dass Ausbildungsinstitute, Praxen und Kliniken ihre Weiterbildungsplätze zusammengestrichen haben.

Es ist zweifelsohne sinnvoll, den Zugang zu einem Psychotherapieplatz besser zu steuern

Uni-Absolventen, die eigentlich gerne Therapeuten geworden wären, gehen jetzt in die Wirtschaft oder kümmern sich um Privatpatienten. Um die zu behandeln, braucht man nämlich keine weitere Qualifizierung. Wenn jetzt noch Honorarkürzungen hinzukommen, finden gesetzlich Versicherte nur noch schwerer einen Therapeuten.

Nun mag es Menschen geben, die infrage stellen, ob denn gleich jeder eine Psychotherapie bekommen muss, der über den Tod seines Hundes oder sein Hadern mit der Welt nicht hinwegkommt. Doch statt abschätzig auf die Nöte anderer zu blicken, sollte man sich klarmachen: Wenn Menschen denken, dass sie Hilfe brauchen, kann das per se nicht falsch sein. Und für eine von der GKV bezahlte Therapie braucht es ohnehin eine ordentliche Diagnose.

Man mag auch einräumen, dass die psychotherapeutische Versorgung zuletzt stark ausgebaut wurde: Die Zahl der Kassensitze ist in den vergangenen zehn Jahren von rund 27 000 auf 40 800 erheblich gewachsen. Auch wurden die Honorare deutlich erhöht – und die sprechende Medizin damit durchaus aufgewertet.

Trotzdem ist die psychische Verfassung der Menschen im Land nicht besser geworden. Seit 2021 ist der Anteil der Deutschen mit unbehandelten psychischen Problemen laut OECD von vier auf zehn Prozent gestiegen. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind oftmals lang. Und leichter Erkrankte erhalten absurderweise eher einen Platz als die schweren Fälle.

Somit ist es zweifelsohne nötig, den Zugang zu einem Psychotherapieplatz besser zu steuern. Zu Recht fordert der GKV-Spitzenverband, dass mehr Sprechstunden über Terminservicestellen vermittelt werden müssen, damit schwere Fälle ebenfalls Psychotherapie erhalten. Sinnvoll ist es gewiss auch, mehr Gruppentherapien anzubieten, deren Wirksamkeit vielfach belegt ist; damit lassen sich mehr Patienten in derselben Zeit behandeln. Auch müssen dringend Behandlungsplätze für Jugendliche ausgebaut werden. Denn je früher junge Menschen Hilfe erhalten, desto besser sind ihre Chancen.

Es braucht also eine Psychotherapie-Reform, keine Frage. Aber wer Geld sparen will, muss an die strukturellen Probleme ran und nicht plump Honorare kürzen, was nur neue Probleme heraufbeschwört. Eine Reform muss eine bessere Versorgung der Schwerkranken in den Mittelpunkt stellen, ohne leichter Erkrankten den Zugang zu verwehren. Das wäre im Sinne der Menschen und der Kassen. Denn ausgerechnet die Schwerkranken alleinzulassen, verbietet sich nicht nur aus ethischen Gründen: Chronifiziertes psychisches Leid und die damit verbundenen Arbeitsausfälle kosten schließlich auch viel Geld.

Back to top button