Unterhaching: Der Briefkasten gehört einer bedrohten Art an – Landkreis München | ABC-Z

An der Unterhachinger Parkstraße, direkt neben Schreibwarenladen und Friseur, steht ein gelber Kasten. Und weil man schon lange das Gefühl hat, dass diese Mailboxen vergangener Tage mittlerweile auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen, wundert man sich zumindest. Und es kommt im Vorbeigehen unweigerlich der Gedanke auf: Wer schreibt denn heutzutage eigentlich noch Briefe?
Zumindest kann man sagen, wie viele verschickt werden. Im vergangenen Jahr sollen es in Deutschland etwa 9,4 Milliarden gewesen sein. Klingt nach viel. Ist es aber nicht. Denn 2014 waren es noch 20 Milliarden. Es sind aber offenbar immer noch genügend, um hier und dort die gelben Dinger stehen- oder hängenzulassen und sich nicht wie in Dänemark ganz von den Briefkästen zu verabschieden.
Bei näherem Hinsehen an der Unterhachinger Parkstraße muss man allerdings feststellen: Das scheint gar kein normaler Briefkasten zu sein. Denn auf dem Deckel, den man hochklappt, um seine Sendung hineinzuwerfen, steht eine Botschaft, in Kleinbuchstaben und wie handgeschrieben: „nur liebesbriefe“. Es sollten sich demnach in diesem Kasten, der immerhin einmal am Tag geleert wird, nur herzliche Zeilen, viele Komplimente, vielleicht Frivoles und wunderbare Zukunftswünsche befinden. Wie schön!
Man weiß natürlich nicht, ob sich die Leute auch daran halten und dort nicht doch ihre Beschwerdeschreiben, Mahnungen oder sonstigen bösen Briefe einwerfen. Die meisten Briefe, die überhaupt noch verschickt werden, sind doch offenbar eh nur Rechnungen, Bußgeldbescheide und Wahlbenachrichtigungen. Es gibt allerdings eine Spezies unter den Sendungen, die sich ungebremst vermehrt. Die vermutlich bereits Postfächer flutete und sich auf Schreibtischen stapelt. Der Brandbrief.
Allein in dieser Woche wurden zahlreiche solcher Schreiben verfasst und verschickt: vom Handelsverband an Bundeskanzler Merz wegen der Online-Konkurrenz chinesischer Anbieter. Die Berliner Zahnärzte haben an die Wirtschafts-, Justiz- und Finanzverwaltung geschrieben, dabei geht es um die Rente. Und weil in vielen Kommunen die Kassen leer sind, landen ohnehin ständig Brandbriefe aus Rathäusern im Bundesfinanzministerium. Nett sind die nie.
Aber selbst bei der Deutschen Bahn scheint niemand mehr nervös zu werden, wenn er einen Brandbrief erhält. Man kennt das schon und schreibt halt was zurück. Etwa an Susanna Tausendfreund, Bürgermeisterin von Pullach im Isartal. Die hatte sich in einem Brandbrief über die Unzuverlässigkeit auf der S-Bahnlinie S7 beschwert. Aber selbst Formulierungen wie „Uns reicht’s jetzt“, brachten offenbar nicht den gewünschten Erfolg. Mit der Antwort war die Bürgermeisterin jedenfalls überhaupt nicht zufrieden.
Vielleicht sollte sie es mal mit einem Liebesbrief versuchen. Der würde zumindest auffallen zwischen all den Brandbriefen. Ein paar Ideen, was man da so schreibt, findet sie sicher in der Literatur. Etwa bei Annette von Droste-Hülshoff: „Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an Dich gedacht; ach, ich denke immer an dich, immer.“ Oder bei Sigmund Freud: „Es hängt ja nur von uns ab, wie schön die Tage werden sollen und nicht vom Wetter.“ Susanna Tausendfreund könnte den Brief dann im nahen Unterhaching einwerfen.





















