Macht eine neue Vermögensteuer Deutschland gerechter? | ABC-Z

Die Linke will die Vermögensteuer zurück und hat von einem Wirtschaftsinstitut berechnen lassen, wieviel Geld das bringen würde: Es geht demnach um 147 Milliarden Euro pro Jahr.
Josef Rick ist Multimillionär. Sein Vermögen gibt er mit über 40 Millionen Euro an, sein jährliches Einkommen ist siebenstellig. Damit gehört der Immobilienentwickler aus Düsseldorf zum reichsten 0,1 Prozent der Deutschen. Rick wäre von einer neuen Vermögensteuer nach Entwurf der Linken betroffen. “Ich zahle auch nicht sehr gerne Steuern, also um das klar zu sagen”, sagt er im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Aber dennoch ist er für eine neue Vermögensteuer und begründet das mit “simpler Mathematik”.
Seine Rechnung geht so: Bei der derzeitigen Vermögens- und Steuerlage in Deutschland könne sich innerhalb einer Generation, also in 30 Jahren, ein hohes Vermögen versiebzehnfachen. Nach der Vermögensteuer, wie die Linke sie plant, würde sich das Vermögen alle 30 Jahre verelffachen, für Rick ist das “immer noch gewaltig”. Die Vermögensteuer wieder einzuführen, findet er als “Fan der Leistungsgesellschaft” fair und gerecht.
Die Menschen, die durch Arbeit ihr Geld verdienen, würden durch das derzeitige Steuersystem abgehängt im Vergleich zu denjenigen, die ihr Geld mit ihrem Vermögen verdienen, argumentiert er. “Und wenn sich dieses Phänomen breitmacht, dass man sowieso machen kann, was man will, man steigt nicht mehr auf, dann haben wir ein Problem mit unserer Leistungsgesellschaft.” Deshalb setzt sich der Multimillionär auch öffentlich dafür ein, dass man ihn stärker besteuert.
Vermögensteuer in Deutschland
Die Vermögensteuer wird in Deutschland seit 1997 nicht mehr erhoben. Das Bundesverfassungsgericht hatte 1995 ein damals bestehendes Berechnungsverfahren für verfassungswidrig erklärt. Das Kernproblem war ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz (Artikel 3 GG): Immobilien wurden im Vergleich mit Geldvermögen oder Wertpapieren ungleich berechnet.
Das Bundesverfassungsgericht gab der damaligen Bundesregierung den Auftrag, eine Neuregelung auf den Weg zu bringen. Diese entschied jedoch stattdessen, die Vermögensteuer auszusetzen. Würde man sie wieder einführen, müsste man eine Methode finden, alle Vermögensarten einheitlich zu bewerten. Zwischenzeitlich wurden durch die Grundsteuerreform alle Immobilien in Deutschland neu bewertet, dies könnte ein Teil einer Neuregelung sein.
147,4 Milliarden Euro im Jahr
Die Linke fordert schon lange die Wiedereinführung der 1997 ausgesetzten Vermögensteuer. Nun hat sie vom arbeitnehmernahen Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW berechnen lassen, wie viel Geld nach ihrem Konzept in die Haushalte fließen würde: insgesamt 147,4 Milliarden Euro pro Jahr.
Heruntergerechnet auf die Landeshaushalte, denen die Vermögensteuer zugute käme, hätte Bayern beispielsweise ein Plus von 19 Milliarden Euro, Thüringen von 2,3 Milliarden Euro pro Jahr. Damit könnte Bayern theoretisch den Bau von 470.000 fehlenden Wohnungen finanzieren, Thüringen könnte Kindergarten und Krippe beitragsfrei machen, hat die Linke berechnet.
Linken-Chefin Ines Schwerdtner meint, ihre Partei habe die Studie beim DIW in Auftrag gegeben, um zu beweisen, dass man mit der Vermögensteuer hohe Milliardenbeträge für die Länder und Kommunen generieren könne. Das sei in der politischen Debatte oft angezweifelt worden. Dass man das Thema Umverteilung politisch angeht, findet sie entscheidend und verweist darauf, dass selbst CDU-Fraktionschef Jens Spahn einräumt, dass es in Deutschland ein Verteilungsproblem gibt.
Union warnt vor hoher Steuerlast
Jens Spahn hatte im September 2025 in der ZDF-Sendung “Maybrit Illner” gesagt, dass die Vermögensverteilung “so nicht in Ordnung ist”. Im Gegensatz zur Linken zeigte er sich zu dem Zeitpunkt aber eher offen, bei der Erbschaftssteuer anzusetzen oder einer Reform der Sozialsysteme.
Auch seine Parteikollegin Gitta Connemann, Chefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, lehnt eine Wiedereinführung der Vermögensteuer ab. Im “Handelsblatt” warnte sie, Unternehmen in Deutschland würden bereits jetzt eine hohe Steuerlast tragen. Die AfD will die Vermögensteuer endgültig abschaffen.
Linken-Konzept: Freibeträge und Staffelung
Das Konzept der Linken rechnet mit einem Freibetrag von einer Million Euro auf persönliches Vermögen und von fünf Millionen Euro auf Unternehmensvermögen. Bis dahin bliebe man vermögensteuerfrei. Ab diesem Vermögen würde ein Steuertarif von 1 Prozent greifen, ab 50 Millionen Euro würde er auf 5 Prozent steigen, ab 1 Milliarde Euro auf 12 Prozent.
Laut Rechnung des DIW kommt man zunächst auf die oben genannten Steuereinnahmen. Belastet würde vor allem das obere Prozent der Bevölkerung, also Menschen mit einem Vermögen ab 2,3 Millionen Euro. Das sind laut Studie knapp 700.000 Personen in Deutschland, sie besitzen derzeit gut ein Drittel des privaten Gesamtvermögens. Aber wie würden diese 700.000 bei einer stärkeren Steuerlast reagieren?
DIW: “Mit Augenmaß vorgehen”
Stefan Bach vom DIW hat die Berechnung mit zwei Kollegen durchgeführt und dabei auch diese Frage gestellt. Steuerpflichtige könnten weniger investieren, wenn ihre Ersparnisse durch die Vermögensteuer reduziert werden. Sie könnten ihr Vermögen vordergründig verringern, indem sie es auf Ehepartner oder Kinder übertragen. Sie könnten ins Ausland umziehen oder einen Teil ihres Vermögens verschleiern. Deswegen müsse man laut Bach die Steuergestaltung auch “international stärker zu koordinieren”.
Er sieht aber auch ein erhebliches Besteuerungspotential bei Vermögenden. Mit Blick auf die aktuelle Wirtschaftskrise rät Bach jedoch dazu, “mit Augenmaß vorzugehen”, gerade mittelständische Unternehmen könnten stark belastet werden.
IW warnt vor Folgen für die Wirtschaft
Dem arbeitnehmernahen DIW gegenüber steht das arbeitgebernahe Deutsche Institut für Wirtschaft IW. Auch Tobias Hentze vom IW sieht, dass Vermögen in Deutschland ungleich verteilt sind. Aus Unternehmersicht sei es jedoch besser, systematisch bei den Einkommen und Einkünften anzusetzen, sagt er, also die Einkommensteuer anzuheben, Kapitalerträge zu besteuern und so die Zugewinne zu schmälern.
Auch den bürokratischen Aufwand einer Vermögensteuer hält er für hoch. Man müsse jedes Jahr neu berechnen, was ein Gemälde, die Yacht, die Immobilie, das Unternehmen gerade wert seien, sagt Hentze.
Außerdem seien bei den Top-Vermögen zwei Drittel Betriebsvermögen, erläutert Hentze. Deswegen würde eine Vermögensteuer vor allem Unternehmen belasten und “diese Unternehmen haben dann weniger Geld, um zu investieren, weniger Geld, um Löhne zu erhöhen und von daher gibt es eben ökonomische Risiken, die bei einer Vermögensteuer bestehen”.
Die Linke hat mit dem Auftrag an das DIW eine neue Datenlage geschaffen, die Partei hofft, dass man auf dieser Basis neu diskutieren kann. Auch die SPD steht grundsätzlich dahinter, hohe Vermögen stärker zu besteuern. Ebenso wie die Grünen sieht sie das als Instrument zur sozialen Gerechtigkeit.






















