CDU rudert nach Umfrageschock in Teilzeitfrage zurück – Journalist sieht Schuld bei Grünen | ABC-Z

Die Teilzeitdebatte wird zunehmend zum Problem für die Union. Das hat offenbar auch Kanzleramtschef Thorsten Frei begriffen, der sich bei Maybrit Illner am Donnerstagabend bemühte, den Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels kleinzureden. Die Union war kurz zuvor im neuen ARD-Deutschlandtrend um 2 Punkte auf 26 Prozent abgerutscht. Der Vorstoß zur Einschränkung der Teilzeit stieß dort bei zwei Dritteln der Bürger auf strikte Ablehnung. Sogar unter den eigenen Parteianhängern denkt demnach eine Mehrheit, dass der Vorschlag in die falsche Richtung geht.
Und so deutet Freis Auftritt in der Talkshow auch auf einen Strategiewechsel von Kanzler Friedrich Merz hin: „Wir sind ja nicht diejenigen, die anderen Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu leben und wie viel sie zu arbeiten haben“, erklärte Thorsten Frei mit erhobenen Händen, wie um zu sagen: Wir haben es doch nicht so gemeint.
DGB-Chefin nennt CDU-Vorstoß „schäbig“ und „respektlos“
Doch auch der zurückhaltende Auftritt Freis kann die verschiedenen Aussagen des eigenen Kanzlers nicht ungeschehen machen. Von zu vielen Krankheitstagen war die Rede, von Schweizern, die fleißiger seien und zuletzt im Papier des Wirtschaftsflügels eben auch von Lifestyle-Teilzeit, die keinen Rechtsanspruch mehr haben solle.

Die Gäste bei „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend, von links: Yasmin Fahimi, Thorsten Frei, Maybrit Illner, Katharina Dröge, Michael Hüther, Robin Alexander
© Jule Roehr/ZDF
Yasmin Fahimi, Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, erinnert Frei daran: „Da wurde erneut der Eindruck vermittelt, die Beschäftigten in Deutschland sind nicht leistungsbereit genug“, so Fahimi. „Menschen krank zur Arbeit zu schicken oder sie länger arbeiten zu lassen, wird aber nicht einen einzigen zusätzlichen Auftrag in die Bücher der Unternehmen spülen.“
Den Rechtsanspruch auf Teilzeit für manche Gruppen abschaffen zu wollen, findet Fahimi „schäbig“ und „respektlos“ und gehe „gegen das Selbstbestimmungsrecht der Menschen“.
Robin Alexander wirft Grünen Irreführung vor
Frei versuchte daraufhin, die Teilzeit-Debatte eher als Debattenbeitrag einer kleinen Gruppe innerhalb der Union zu verkaufen. Daraus sei in der Öffentlichkeit dann mehr gemacht worden. Unterstützung erhält Frei vom Journalisten Robin Alexander.
Dieser betont, dass auch im Vorschlag des Wirtschaftsflügels der Rechtsanspruch auf Teilzeit nicht für alle abgeschafft werden sollte. Menschen, die Kinder haben oder Angehörige pflegen, sollten ausgenommen bleiben. Den Grünen wirft er vor, das „bewusst missverstanden“ und damit die „Debatte kaputt gemacht“ zu haben: „Sie haben über diesen Antrag auf breiter Front öffentlich falsch Zeugnis abgelegt.“
Auch wenn die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge Alexanders Vorwurf abstreitet, so hat der Journalist doch einen Punkt: Bei den Debattenbeiträgen der Grünen konnte man des Öfteren den Eindruck gewinnen, die Teilzeit solle ganz abgeschafft werden.

Maybrit Illner in Teilzeit-Diskussion um Ordnung bemüht
Dröge gerät in der Folge immer wieder mit Frei und Alexander aneinander. In der teilweise sehr aufgeregten Diskussion ist Moderatorin Maybrit Illner bemüht, die Ordnung zu wahren: „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass das heute so anstrengend wird“, gibt sie zu.
Zwischendrin befragt Illner den Bäckermeister Matthias Grenzer und fragt ihn nach seiner Work-Life-Balance. Die Frage führt aber ins Leere, da Grenzer selbstständiger Unternehmer ist. Für „Life“ bleibe da laut Grenzer nicht so viel: „Ich kümmere mich um alles.“ So kann Grenzer schlecht als Beispiel für den durchschnittlichen Arbeiter herhalten, obwohl es von der Redaktion anscheinend so geplant war.
Interessanter wird es bei den Ausführungen von Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther. Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft weist auf das Problem hin, das der Debatte zugrunde liegt.

Ökonom: Diskussion um Faulheit ist „Quatsch“
Immer wieder kommt er auf den demographischen Wandel zu sprechen und die gigantischen Herausforderungen, die damit einhergehen. Bis 2030 gehen fünf Millionen Babyboomer in Rente, während nur zwei Millionen junge Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen.
Der Union wirft er vor, in der Debatte die falschen Akzente gesetzt zu haben: „Jede Diskussion, die über Faulheit und Lifestyle geht, ist Quatsch. Wir müssen als Gesellschaft darüber reden, wie wir mit der Verknappung von Arbeitskräften umgehen.“
Mehrmals fällt in seinen Ausführungen der Begriff „Jahresarbeitsvolumen“. Diese bezeichnet die Summe aller tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen in Deutschland.
Bei Arbeitszeitgesetz steht harte Debatte ins Haus
Um dieses Volumen zu steigern, gäbe es mehrere Möglichkeiten, so Hüther. So könnten Arbeitnehmer insgesamt später in Rente gehen. Oder die Fachkräftezuwanderung müsse massiv angekurbelt werden.
Auch das geplante Arbeitszeitgesetz der Bundesregierung nennt er als eine Möglichkeit. Das Gesetz will die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden auf zehn Stunden erhöhen. Stattdessen soll eine Wochenhöchstarbeitszeit gelten. Fahimi befürchtet, dass das von Arbeitgebern ausgenutzt werden könnte. „Der Chef kann dann bestimmen, wann die Beschäftigten länger arbeiten müssen.“ An der Vehemenz, mit der Fahimi in der Diskussion dieses Gesetz bekämpft, ist zu erahnen, dass es noch einigen Widerstand bei Arbeitnehmern hervorrufen könnte.
Denn anders als in der Teilzeitfrage handelt es sich hier um ein geplantes Gesetz und nicht nur um den Entwurf eines Wirtschaftsflügels. Vielleicht hätte sich die Sendung länger damit beschäftigen sollen, anstatt so viel Zeit auf das eigentlich schon abgeräumte Aufregerthema „Lifestyle-Teilzeit“ zu verwenden.





















