Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim und die Frage von Schuld und Bühne – Medien | ABC-Z

2009 zog in jenes Camp eine Frau als Kandidatin ein, von der die einen dachten, die kann man doch nicht ernsthaft in eine Fernsehshow einladen. Andere dachten, recht so, soll sie doch Känguru-Anus essend in der Dschungelhölle schmoren. Und wiederum dritte dachten wohl, dass auch eine verurteilte Totschlägerin die Chance verdient hat, sich im Dschungeltümpel reinzuwaschen von ihren Sünden. Immer wieder muss man dieser Tage an Ingrid van Bergen denken, die ganz früher eine große Schauspielerin war und dann lange Zeit vor allem dafür berüchtigt, ihren Liebhaber erschossen zu haben, und die schließlich im Dschungel die späte Absolution suchte.
Damit mitten rein in die Gegenwart, in der ein ganz anderer fleischgewordener Zweifelsfall im australischen RTL-Dschungel campiert. Gil Ofarim, der ganz früher als Sänger und Schauspieler als sogenannter Teenieschwarm firmierte und mittlerweile für ein Instagramvideo berüchtigt ist, in dem er einen Leipziger Hotelmitarbeiter des Antisemitismus bezichtigt hat. Das ist fünf Jahre her und Ofarim inzwischen einen Gerichtsprozess erfahrener.
Falsche Verdächtigung, Verleumdung, Betrug lastete ihm die Staatsanwaltschaft an: Ofarim soll die antisemitische Äußerung, über die er in seinem Video gesprochen und die er hinterher öffentlich beklagt hatte, erfunden haben. Vor Gericht gab der Sänger zu, die Vorwürfe seien zutreffend. Das Verfahren wurde 2023 gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt. Ofarim ist damit nicht vorbestraft.
Juristisch jedenfalls. Moralisch ist der Fall ganz offensichtlich längst nicht erledigt, erst recht nicht, seit Ofarims Engagement bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ bekannt geworden ist, angeblich für eine Rekordgage in sechsstelliger Höhe. Ofarim sagt selbst, dass er nach der Affäre in einer tiefen Krise war und das Geld jetzt bestens gebrauchen kann. Den wirtschaftlich ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogenen Veranstalter RTL dürfte es wiederum freuen, dass die Republik schon vorab so intensiv wie vielleicht noch nie über sein Premiumtrashformat diskutiert hat und es jetzt auch fleißig schaut.
Inzwischen muss es aber auf die Zusehenden vor den Empfangsgeräten und wohl auch auf Ofarim selbst so wirken, als wohne man dem zweiten Prozess bei: die Bundesrepublik gegen Gil Ofarim. Oder etwa für ihn? Die Grenzen verschwimmen. Was ist Recht, was ist Unrecht? Wo hört das Dschungelcamp auf und wo fängt die Schirach-Verfilmung an?
Ofarim deutet mittelsubtil an, dass doch alles vielleicht ganz anders war. Der Rest ist Schweigen.
Es gab Zeiten, da war der Dschungel gemütliches Lagerfeuer für alle, die zusahen, wenn auch mit zugegeben eigentümlicher Definition von Gemütlichkeit. Aber es entspannte sich halt recht zuverlässig, wenn die Kandidaten über herrlich Belangloses an ihrem echten Lagerfeuer zankten und wenn es nur mal hard to watch war, wie irgendwer Urin oder Penis irgendeines exotischen Tieres herunterwürgen musste.
Diesmal aber geht es um ganz große Fragen, um Schuld und Bühne. Aber nicht, weil Gil Ofarim es selbst so gewollt, geschweige denn selbst angesprochen hätte. Im Gegenteil: weil er es ganz offensichtlich nicht zum Thema machen, weil er es nicht diskutieren will. Und weil er, darauf angesprochen, schon zu Beginn der Dschungelzeit eher mittelsubtil angedeutet hat, dass alles vielleicht ganz anders gewesen sei. Er habe vor Gericht „die Schuld auf mich genommen“, sagte er, um seine Kinder im Sorgerechtsstreit nicht zu verlieren. „Es ging nur so.“
Der Rest ist Schweigen. Die Schauspielerin Nicole Belster-Boettcher konnte ihm mit zigarettengegerbter Stimme ihre Verachtung entgegenschleudern, ihm vorwerfen, dass er hier die Bühne bekomme, sich zu rehabilitieren – im Gegensatz zu dem Hotelmitarbeiter, der damals Morddrohungen bekommen hat, der zeitweise die Stadt verlassen musste. Sie konnte ihm zum Abschied den Handschlag verweigern: Ofarim ertrug alles meistens still. Vorsichtigere, aber doch natürlich neugierige Fragen der anderen nach dieser Sache brummte und brummt er starren Blickes weg.
Nur eine gibt nicht auf, Ariel Hediger, Schweizer Influencerin, zu der Ofarim nach ein paar Tagen nicht mehr einfiel, als sie einen „Killer-Chihuahua“ zu nennen. Eine zufällige Auswahl der Dinge, die wiederum sie zu ihm gesagt hat:
„Du bist verlogen von vorne bis hinten.“
„Du bist für mich ein skrupelloser Typ.“
Kurze Frage noch: „Wen willst du eigentlich verarschen?“
Und das sind nur Szenen vom Donnerstagabend. Seit mittlerweile zwei Wochen geht das so. Ariel Hediger hat Ofarim schon mehrfach versprochen, gedroht, sie werde ihn jeden Tag daran erinnern, was er gemacht habe. Denn, wieder ein Satz von Donnerstag: „Du bist hier als Täter drin, das weißt du.“
Entspannend sind all die Fragen nicht, die einem auf dem Sofa so durchs Hirn schwappen: Wie lange ist denn ein Täter denn vorrangig ein Täter und nicht etwa, sagen wir, Mensch, Sänger, Realityshowkandidat? Ofarim lässt ja sogar im Vagen, ob er überhaupt ein Täter ist, oder wenigstens, ob er sich selbst für einen hält. Und wenn doch: Wie soll man mit ihm umgehen? Ihn in seiner Mitte willkommen heißen wie Jesus die Sünder oder nach ihm trachten wie Ariel, der Racheengel? Reicht es als Prügelstrafe nicht, wenn er, wie in einer Dschungelprüfung diese Woche, ausgeknockt wird? Wie hat ein Täter sich zu verhalten? Soll er reden oder schweigen?
Ofarim hat letzteren Weg für sich gewählt, weil er, wie er sagt, eine „Verschwiegenheitserklärung“ unterschrieben habe, von der allerdings der Anwalt des betroffenen Hotelmitarbeiters gar nichts weiß. Richtig ist, dass Ofarim eine Unterlassungserklärung abgegeben hat, in der er sich verpflichtet, die Vorwürfe gegen den Mann nicht zu wiederholen. Diese Erklärung allerdings dürfte ihm durchaus erlauben, Worte des Bedauerns zu finden und auch fernsehöffentlich zu äußern. Dazu aber sieht sich Ofarim ganz offenbar außerstande. Dem Stern hat er mal gesagt, das Video damals sei der größte Fehler seines Lebens gewesen, aber das ist jetzt auch wieder ein Jahr her. Hätte er so einen Satz auch irgendwann in diesem Camp mal gesagt, vielleicht stellten sich all die Fragen gar nicht. Oder wenigstens viel leiser.
Darf ein Täter lachen?, sinniert Mitcamperin Simone Ballack
Einmal ganz kurz in dieser Woche glaubt man, jetzt hat er’s, das ist die Wende. Was ihm wichtig sei bei dem Thema, sagt Ofarim da mit todernstem Blick in die Kamera – dramatische Schnitte, noch dramatischere Musik: der Vorfall habe nie etwas mit Leipzig oder Sachsen zu tun gehabt, er wolle sich deshalb bei den Bürgern Leipzigs und Sachsens entschuldigen. Die habe er da wirklich nicht reinziehen wollen damals. Na dann.
Mitcamperin Simone Ballack wirft unterdessen noch eine weitere Moralfrage auf, die man so gar nicht auf dem Radar hatte: Darf ein Täter lachen? Ballack nämlich diagnostiziert bei Ofarim angesichts seiner sich stetig steigernden Redseligkeit und der Tatsache, dass er sogar Witze macht, eine zunehmende und aus ihrer Sicht unangemessene „Mordsfröhlichkeit“.
Die bohrenden Fragen, die Vorhalte, das ist ja nur die eine Seite dieses Dschungelcamps für den Kandidaten Ofarim. Die andere ist, dass er immer noch dabei ist, ganz knapp vorm Finalwochenende, Tag für Tag weiter gevoted vom sehr verehrten Publikum, bei dem er sich Tag für Tag artig bedankt. Ist es die Absolution für den (Ex-)Sünder Ofarim, im Namen des Volkes? Oder will das Volk die Welt einfach brennen und also weiter das Drama zwischen ihm und Ariel Hediger sehen? Die Telefonabstimmungen fühlen sich mit jedem Tag jedenfalls mehr so an wie bei Schirach, der die Leser respektive Zuschauer über den Ausgang des zutiefst dilemmatischen Dramas „Terror“ entscheiden ließ.
2009 hat die einst große Schauspielerin Ingrid van Bergen das Dschungelcamp tatsächlich gewonnen. Als Sünderin gekommen, als Königin gegangen. Allerdings hatte sie am Lagerfeuer eine andere Entscheidung getroffen als Gil Ofarim: Sie hat über ihre Tat gesprochen. Ganz offen.





















