Statine schützen das Herz – doch Beipackzettel „können irreführen“ | ABC-Z

Statine spielen in der Vorbeugung und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine zentrale Rolle. Doch viele Menschen stehen der Einnahme aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen kritisch gegenüber. Eine neue Meta-Analyse, die im Fachblatt „The Lancet“ erschienen ist, zeigt nun: Diese Sorgen sind meist unbegründet.
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Statine können das Cholesterin im Blut senken und so verhindern, dass es sich an den Gefäßwänden ablagert – ein Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. „Statine haben für die medizinische Praxis eine sehr große Bedeutung, da hierzulande Millionen Menschen damit behandelt werden“, sagt der Kardiologe Oliver Weingärtner vom Universitätsklinikum Jena in einem Statement zur Studie gegenüber dem Science Media Center. In der kardiovaskulären Prävention zählten sie zu den potentesten Medikamenten. Er betont: „In Deutschland gibt es eine extrem kritische Haltung zur medikamentösen Cholesterinsenkung.“ Daher seien „die vorliegenden Daten sehr wichtig.“
Forscher zeigen: Statine verursachen nur wenige belegte Nebenwirkungen
Die Forscher des Forschungskollektivs namens Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaboration nahmen 19 placebokontrollierte Studien mit fünf Statin-Präparaten unter die Lupe. Das Ziel war herauszufinden, inwieweit die auf den oft extrem umfangreichen Beipackzetteln angegebenen Nebenwirkungen tatsächlich auf die Statin-Medikamente zurückzuführen waren. Die Ergebnisse überraschen, denn das Forscherteam konnte nur bei wenigen Nebenwirkungen einen klaren Zusammenhang zu den Statinen beobachten, und zwar bei lediglich vier von 66.
Unter anderem ließen sich veränderte Urinwerte, Schwellungen, Abweichungen bei Leberwerten und in der Leberfunktion belegen. Auch Muskelbeschwerden und ein leicht erhöhtes Diabetesrisiko gelten als bekannte mögliche Nebenwirkungen. Für viele andere Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Depression fanden die Wissenschaftler keine Belege. Fachleute bestätigen die Beobachtung: „Die Darstellung von unerwünschten Wirkungen in den Fachinformationen ist für die allermeisten Risiken übertrieben und kann medizinisches Fachpersonal sowie Patienten irreführen“, warnt Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Nebenwirkungen auf Beipackzetteln oft aus Vorsicht aufgeführt
Doch warum listen Beipackzettel überhaupt so viele mögliche Nebenwirkungen auf? Die Antwort ist einfacher, als viele denken: „Behörden agieren nach dem Vorsichtsprinzip“, erklärt Laufs. Oft reiche ein begründeter Verdacht, damit eine Nebenwirkung auf die Liste gesetzt wird. Um sie wieder zu streichen, seien hingegen eindeutige wissenschaftliche Belege notwendig – und das sei viel komplizierter.

Viele vermeintliche Statin-Nebenwirkungen sind nicht belegt, zeigt eine neue Analyse. Laut Experten kann das Patienten verunsichern und sogar gefährden.
© IMAGO/HalfPoint Images | IMAGO
Auch Stefan Blankenberg, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e. V., stellt das schlechte Image der Statine infrage. Er erklärt dem Science Media Center gegenüber, dass außer Muskelschmerzen und erhöhten Leberwerten, die sich auch wieder senken lassen, keine wesentlichen Nebenwirkungen zu erwarten seien. Zudem beruhe unter anderem die Angst vor Leberversagen auf dem vor vielen Jahren vom Markt genommenen Präparat Cerivastatin, das zu einigen Fällen geführt habe.
Bei Muskelschmerzen, die vielen Patienten Sorgen bereiten, könne bereits eine Anpassung der Dosis helfen. Nach dem Absetzen der Statine würden die Beschwerden ohnehin verschwinden, betont Blankenberg. Der Kardiologe unterstreicht zugleich die großen Vorteile dieser Medikamente: „Statine sind in der medizinischen Praxis essenziell. Insbesondere zum Erreichen der LDL-Zielwerte nach einem Herzinfarkt oder bei dokumentierter koronarer Herzerkrankung (KHK)“. Viele Ängste bei der Einnahme seien durch „überwiegend juristisch motivierte“ Beipackzettel bedingt. Diese sollten angepasst werden, so Blankenberg.
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Statine schützen vor Herzinfarkt – Risiken meist überschätzt
Die Fachleute begrüßen die neue Meta-Analyse des Forschungskollektivs. Gerade weil individuelle Patientendaten analysiert wurden, gelten die Ergebnisse laut Ulrich Laufs als internationaler Goldstandard. Die Studie räumt mit vielen Vorurteilen auf: Die meisten Beschwerden, die oft mit Statinen in Verbindung gebracht werden, konnten wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Wirkliche Nebenwirkungen, wie Muskelschmerzen oder leichte Leberwerterhöhungen, seien in der Regel harmlos.
Laut Stefan Blankenberg sind Statine nicht nur hochwirksam und gut untersucht, sondern retten durch ihre Schutzwirkung vor Herzinfarkt und Schlaganfall nachweislich viele Leben. Wichtig sei es, auftretende Beschwerden mit dem Arzt oder der Ärztin zu besprechen. Entscheidend bleibt: Die Vorteile der Statintherapie überwiegen bei allen, die ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, ganz klar die möglichen Risiken.





















