München. Entdeckung einer neuen Tierart: Wasserzwerg Plea cryptica – Gesellschaft | ABC-Z

Wie ein Bravo-Starschnitt hängt Plea cryptica an der Tür von Michael Raupach und erinnert ihn jedes Mal, wenn er den Raum verlässt, an seinen Fund. Das Poster macht sich nicht nur gut im Büro des Forschers, praktisch ist es schon auch. Denn nur so kann er überhaupt sehen, wie die neue Art, die er da entdeckt hat, eigentlich aussieht. Schließlich ist der Wasserzwerg im richtigen Leben gerade mal zwei Millimeter groß.
Raupach, 54, ist Entomologe, also Insektenforscher. „Mein Traumjob, ich komme immer mit einem Lächeln ins Büro.“ Seit 2019 arbeitet er bei der Zoologischen Staatssammlung in München, dort ist der freundliche Mann mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt Herr über die Hemiptera. Dazu zählen etwa Zikaden, Pflanzenläuse, Heuschrecken, Gottesanbeterinnen, Wanzen. Er ist tagtäglich umgeben von Kleinstgetier, in seinem Beruf nicht weiter ungewöhnlich. Der Wasserzwerg ist es allerdings schon.
In Deutschland gibt es rund 33 000 Insektenarten, weltweit kommt man auf über eine Million. Sie machen damit rund 80 Prozent aller bekannten Tierarten aus. Mit dem Wasserzwerg ist diese Vielfalt um plus eins angewachsen. Bis 2024 war das bernsteinfarben leuchtende Tierchen mit der gewölbten Rückenplatte, einer Maserung, die an Honigwaben erinnert und den großen Facettenaugen stets übersehen worden. Raupach sagt: „Ihn zu finden, war reiner Zufall.“ In der gut untersuchten Gruppe der europäischen Wanzen, zu der Plea cryptica zählt, sei der Fund gar eine kleine Sensation.
„Gehen wir ihn uns anschauen!“
Raupach läuft aus dem Zimmer und öffnet gegenüber die Tür zum Magazin, das mit einem Code gesichert ist. Den großen Raum unterteilen unzählige Metallregale, darin Holzschubladen: die Insektenkästen. In der Sektion Hemiptera allein lagern mehr als 800 000 präparierte Tiere. Hier gibt es Zikaden, die zwischen 1817 und 1820 in Brasilien gesammelt wurden, Stabheuschrecken, die aussehen wie dürre Stöckchen – und allein mehr als 8000 Arten von Wanzen. Darunter der Lethocerus maximus, größte Wanze der Welt, die zwölf Zentimeter lang werden kann und aus gutem Grund auch „Zehenbeißer“ genannt wird.
In diesem Raum den Überblick zu behalten, scheint erst mal unmöglich. Deshalb hat Raupach ein paar Kästen mit pinkfarbenen Stickern und Ausrufezeichen beklebt, damit er schnell sieht: Achtung, hier lagern besondere Schmankerl. Wo der Wasserzwerg steckt, weiß er natürlich auch ohne Aufkleber.
Zielgenau zieht Raupach den mit Stoff ausgekleideten Kasten aus dem Regal. Darin, befestigt mit einer Stecknadel, sitzt er dann: der Wasserzwerg, ein winzig dunkler Fleck.

Ganz oben steckt der Holotyp, so etwas wie das Original, also die offiziell gültige Referenz für alle weiteren Tiere dieser Art. Darunter in Zehnerreihen weitere Plea cryptica, die wiederum Paratypen sind. Das Back-up für alle Fälle. Ein paar davon hat Raupach an Museen verteilt – „falls hier mal eine Katastrophe passieren sollte“.

Das weltweit verfügbare Back-up wiederum, auf das Forscher bei der Identifizierung von Arten zugreifen können, sind die zahlreichen Nachschlagewerke, die stetig aktualisiert werden. Im Aufbau ist aber auch der „International Barcode of Life“, eine riesige digitale Bibliothek, in der alle Arten mittels ihrer DNA charakterisiert werden sollen. Das hilft vor allem dann, wenn man sie nicht an ihren äußeren Merkmalen erkennt. Raupach und seine Kollegen arbeiten seit vielen Jahren daran, die deutsche Fauna für die DNA-Barcode-Bibliothek zu erfassen.
Bei der Untersuchung mehrerer Wasserproben aus ganz Deutschland fiel Raupach anhand der DNA-Reste, die die Tiere im Wasser hinterlassen, eine Unregelmäßigkeit bei den Untersuchungen auf. Ein Tierchen unterschied sich von der bereits 1817 in England beschriebenen Plea minutissima aus der gleichen Familie. Wie war das möglich? „Uns wurde relativ schnell klar, dass es sich um zwei verschiedene Wasserwanzen-Arten handeln muss.“
Unter dem Mikroskop konnte Raupach dann erkennen, dass die Genitalstrukturen des Männchens anders aussahen als bei Plea minutissima. Bei den Weibchen konnte er den Unterschied nur molekular-genetisch feststellen, also anhand der arttypischen DNA-Barcodes. Unterm Strich blieb die Erkenntnis, dass es sich um eine bisher unbekannte Art handelte.

Ein solcher Fund ist mit Ruhm in einer extrem kleinen Nische und sehr viel Arbeit verbunden. Durchschnittlich dauert der Prozess bis zur Veröffentlichung 21 Jahre, bei Raupach waren es lediglich fünf. Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er mehr als 300 Wasserwanzen aus Deutschland und 15 weiteren Ländern Europas auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin, um absolut sicherzugehen. Als auch der Abgleich mit europäischen Kollegen seine These bestätigte, sei er schon „ziemlich aufgeregt“ gewesen. Zuletzt müssen die Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht werden; weitere internationale Experten prüfen schließlich noch, ob alles stichfest ist.
Und das war es.
Für die Taufe einer neuen Art haben Wissenschaftler dann freie Wahl, zumindest fast. Sie müssen sich an die „Internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur“ halten, damit es weltweit einheitlich bleibt. „Plea stand also schon fest, das ist die Gattung.“ Doch um die Art zu beschreiben, wollte Raupach etwas Besonderes. „Weil es sich ja um einen ziemlich kryptischen Vertreter seiner Art handelt, dachte ich: Cryptica passt doch gut.“
Einem Laien erscheint es angesichts des lückenlos kartografierten und zigfach ausgewerteten Ökosystems unseres Planeten heute nahezu undenkbar: dass es irgendwo noch Neues zu entdecken gibt. Und doch passiert es – unbeachtet von der Öffentlichkeit – fast rund um die Uhr. In jedem Jahr wird die Enzyklopädie der Arten wahrhaftig um rund 17 000 neue Spezies reicher. Sie werden vor allem in den Tropen gefunden, in Korallenriffen, in der Tiefsee. Der Kollege im Zimmer neben Michael Raupach, der zu Schmetterlingen forscht, hat bereits mehrere Hundert Arten erstmals beschrieben.
Raupach selbst hat immerhin zwölf Neufunde im Kasten, darunter einige Tiefseeasseln und ein Flohkrebs aus der Nordsee. Aktuell erforscht er eine längst ausgestorbene Art, einen fossilen Teichläufer. Viel mehr darf er dazu jetzt nicht verraten, erst muss der komplette Findungsprozess ja abgeschlossen sein.

Aber zurück zum Wasserzwerg. Was ist das denn für einer? Niedlich sieht er schon mal aus, Vergrößerung sei Dank. „Ich finde, der könnte locker der Prototyp für eine Disney-Figur sein“, sagt Raupach und klingt an dieser Stelle regelrecht euphorisch. Die Tierchen verbringen den Großteil ihres etwa zwei Jahre langen Lebens im Wasser, können aber auch fliegen. Wohl fühlen sie sich vor allem in stehenden Gewässern, dort hängen sie in kleineren Gruppen ab und können sich mit ihren Artgenossen mit einem Zirpen unter Wasser sogar verständigen. Während die anderen Wasserwanzen Brustschwimmer sind, bewegt sich der Wasserzwerg, ganz Genießer, mit dem Bauch nach oben. Klar, er gehört schließlich zur Familie der Zwergrückenschwimmer.
Plea cryptica, genannt Wasserzwerg, ist in ganz Europa, bis Aserbaidschan und im Norden Afrikas verbreitet. Dort lebt er in stehenden oder langsam fließenden Gewässern zwischen dichten Wasserpflanzen. Zu gemütlich sollte er es sich dort aber nicht machen: Zu seinen natürlichen Feinden gehören andere Wanzenarten, Libellen, Wasserläufer und im Grunde alles, was größer ist als er – bei seiner Standardgröße von zwei Millimetern kommt da einiges zusammen. Mit bloßem Auge lassen sich Männchen und Weibchen nicht unterscheiden. In Deutschland gibt es den Wasserzwerg relativ häufig, gefährdet ist diese Art also nicht. Die Plea cryptica gehört zur Familie der Wanzen; etwa 40 000 von ihnen sind aktuell wissenschaftlich beschrieben.
Wassertiere aller Art haben es Raupach seit jeher angetan, „das Aquatische war schon immer mein Ding“. Was auch bedeutet: Im Sommer an den See zu fahren, ist eine schlechte Idee, zumindest für seine Familie. Denn dann hat er viel zu tun. „Ich habe immer Sieb, Fangnetz und ein paar Gefäße im Auto. Man weiß ja nie, was man so findet.“ Vor einigen Jahren hat er sich noch ausgiebig mit antarktischen Tiefseeasseln beschäftigt, doch das Sammeln direkt vor der Haustür ist einfach praktischer.
Auch in seiner Heimat Oldenburg, wohin er regelmäßig von München aus pendelt, wird gesammelt, was geht. Im vergangenen Jahr hat er in seinem Garten 372 verschiedene Arten mithilfe einer App identifiziert: Schmetterlinge, Fliegen, Wespen, Pflanzen und Pilze. Allein ist er auf seiner Entdeckungstour nicht. Seine Tochter hält seit Jahren gemeinsam mit ihm Ausschau nach Käfern, auch seine Frau hat Michael Raupach mit seiner Sammellust inzwischen angesteckt. Wie das? Man weiß halt nie, was als Nächstes unter dem Mikroskop liegt.





















