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Was wollte Putin mit dem Einsatz der Hyperschallrakete hinhauen? | ABC-Z

Stand: 09.01.2026 18:43 Uhr

Russland bezeichnet sie als “Wunderwaffe” – nun ließ Putin die Hyperschallrakete auf die Ukraine abschießen. Aber warum jetzt? Und kann man die “Oreschnik” wirklich nicht abwehren, wie der Kreml behauptet?

Für Russlands Machthaber Wladimir Putin ist die “Oreschnik” etwas ganz Besonderes. So eine Waffe habe bisher niemand auf der Welt, ließ er sich stolz zitieren, nachdem seine Militärs die Mittelstreckenrakete erstmals im November 2024 eingesetzt hatten, damals gegen die ukrainische Stadt Dnipro.

Jetzt ließ Putin die Rakete gegen “strategische Ziele” im Westen der Ukraine einsetzen. Der Kremlchef sieht sich im Besitz einer Wunderwaffe. Doch Experten sind skeptisch ob des tatsächlichen militärischen Nutzens.

Putins Signal an den Westen

Das Signal an die Ukraine und an die westliche Welt ist klar: Russland verfüge über Waffen, gegen die seine Gegner sich gar nicht oder nur schwer verteidigen können. Und Russland zögere auch nicht, sie einzusetzen. Dabei sei es für das russische Militär kein Problem, Ziele nah an der Grenze zu NATO-Gebiet zu treffen. Eine russische Präzisionswaffe mit enormem Potential, so die Propaganda.

Der gestrige Angriff sei Teil eines massiven nächtlichen Schlages gegen Energieanlagen und Drohnenfabriken gewesen, teilt das russische Verteidigungsministerium mit. Seit Tagen war über einen massiven russischen Luftschlag spekuliert worden.

Ersten Berichten zufolge traf die “Oreschnik” eine Werkstatt in der westukrainischen Stadt Lwiw. Die Rakete sei vermutlich mit Sprengstoffattrappen oder Trainingsmunition bestückt gewesen, sagte ein ranghoher Vertreter der Ukraine. Einschläge in der Betonstruktur der Werkstatt seien von kleiner Submunition verursacht worden. Die Strahlenbelastung sei normal, die Schäden sind offenbar überschaubar.

Ziel: “Verunsicherung streuen” in Europa

Offiziell war das Abfeuern der zweiten “Oreschnik” auf die Ukraine eine Vergeltungsmaßnahme. Laut russischem Verteidigungsministerium sei es eine “Reaktion auf den Terroranschlag des Kiewer Regimes” gewesen. Gemeint ist damit der angebliche Angriff der Ukrainer auf eine Putin-Residenz Ende Dezember. Damals hatte der Kremlchef US-Präsident Donald Trump angerufen und den angeblichen Angriff kritisiert. Ein Vorwurf, der nicht nur von der Ukraine als Lüge zurückgewiesen wurde, sondern auch von der CIA.

Für den Militärexperten Gustav Gressel, der an der Verteidigungsakademie in Wien lehrt und forscht, geht es Putin vor allem um Symbolik: “Man nimmt ein Ziel nahe der EU-Außengrenze, um den Europäern zu zeigen: Seht, wir haben diese Wunderwaffe. Und natürlich wird die dementsprechende Propaganda hochgefahren, dass die Waffe unbesiegbar sei”, sagt der Offizier.

Die Europäer haben ja gerade beschlossen, der Ukraine nach einem Waffenstillstand handfeste Sicherheitsgarantien zu geben. Diese Diskussion will man beeinflussen und Verunsicherung streuen.

Mittelstreckenrakete – keine Wunderwaffe

Die “Oreschnik” ist eine ballistische Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von 5.500 Kilometern. Damit kann sie Städte in ganz Europa erreichen – und in den USA. Es gibt sie in zwei Varianten: mit konventioneller Munition oder mit nuklearen Sprengköpfen – dann wird sie “Rubesh” genannt.

Da sie bislang kaum eingesetzt wurde und es nur wenige Testschüsse gab, gehen Experten davon aus, dass die Rakete weiter erprobt werden muss. Denn der Stand der Einsatzbereitschaft ist nach wie vor unklar. “Wenn man also das System ohnehin testen muss, kann man das auch medienwirksam inszenieren”, sagt Militärexperte Gressel. Das ist nicht billig: Die geschätzten Kosten liegen zwischen 25 und 30 Millionen Dollar pro Schuss.

Unbesiegbar ist die “Oreschnik”, wie die Kreml-Propaganda vorgibt, dagegen nicht: Die NATO verfügt laut Experten mit dem Raketenabwehrsystem “Arrow 3” über geeignete Waffen, um die “Oreschnik” abzuschießen.

Gibt es eine weitere Erklärung?

Es gibt aber noch eine andere Erklärung für den jetzigen Einsatz: Putin steht in Russland unter Druck. Einige russische Hardliner fordern immer wieder mehr militärische Härte der Armee. So wie im Fall des zuletzt unter russischer Flagge fahrenden Öltankers “Marinera”, der von US-amerikanische Soldaten geentert worden war, obwohl ihn Russland mit einer Militäreskorte schützen wollte.

Ein Duma-Abgeordneter meinte, man hätte doch mit Torpedos zurückschießen sollen. Stattdessen griffen die Russen nicht ein und zogen sich zurück. “Fakt ist, dass die russischen Schiffe, es waren ein U-Boot und ein Zerstörer, ziemlich schnell verschwunden sind, als wir aufgetaucht sind”, höhnte Trump in einem TV-Interview.

Für Moskau ist das eine Demütigung auf internationaler Bühne. Da kommt ein Signal vermeintlicher Stärke Russlands vermutlich gelegen.

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