Comic-Kolumne: Nele Heaslips “Faust”-Adaption | FAZ | ABC-Z

In Weimar ist mit 2025 auch das dortige „Faust“-Jahr zu Ende gegangen, das die dortige Klassik-Stiftung ausgerufen hatte. Warum das so hieß? Weil 1775, also vor 250 Jahren, Goethe nach Weimar kam – und dabei die Idee zum Theaterstück „Faust“, das ihn sein ganzes restliches Leben beschäftigen sollte, schon im Gepäck hatte. Ein direkt mit dem zweiteiligen Drama verbundenes Jubiläumsdatum gab es 2025 aber nicht: Der erste Teil erschien 1808, der zweite kurz nach Goethes Tod 1832, der sogenannte „Urfaust“ (die vom Autor verworfene Frühfassung) nach einem Manuskriptfund 1887. Aber da der „Faust“ Inbegriff eines Meisterwerks der deutschen Literatur ist, das hiesige Gegenstück zur „Göttlichen Komödie“, zu „Don Quixote“ oder „Hamlet“, braucht das Werk kein Datum – es ist immer aktuell.
So begrüßen wir das neue Jahr denn auch schon wieder mit „Faust“. Mit einem Comic des Stoffs. Weiß Gott nicht dem ersten: Erinnert sei etwa nur daran, dass schon die Diplomarbeit (und dann auch die erste Buchpublikation) des Comic-Alleskönners Flix in den Neunzigern eine Adaption des „Faust“ war, ehe dann 2010 seine Aktualisierung von Goethes Drama herauskam; „Faust I“ und „Faust II“ von Flix sozusagen. Der jetzige Versuch begibt sich also in prominente Comic-Konkurrenz.
Gezeichnet hat ihn eine Unbekannte (aber das war Flix bei seinem Debüt ja auch). Sie heißt Nele Heaslip. Wenn Sie also noch nie etwas von der 1997 geborenen Rostockerin gehört haben, ist das verständlich, und es geht Ihnen wie mir bis zur letztjährigen Frankfurter Buchmesse. Da drückte mir die Jaja-Verlegerin Annette Köhn das druckfrische Exemplar des in ihrem ambitionierten Berliner Kleinverlag erschienenen Werks in die Hand. Solche gewichtigen Gaben – Albumformat, Hardcover, 280 Seiten – sind im Trubel der Buchmesse nicht gerade mein Traum, aber ein rascher Blick zeigte, dass sich die Lektüre lohnen könnte. Seitdem habe ich einiges an Zeit mit Heaslips „Faust“ verbracht.

Erstmals alles weg, was nicht zur eigentlichen Handlung gehört
Die braucht es schon deshalb, weil darin der Großteil des Textes zu finden und also einiges zu lesen (und zu überprüfen) ist. Nicht der Text des ganzen Goethe-„Faust“, denn sonst wären 280 Comicseiten unmöglich – mit der Zahl käme man ja nicht einmal in normalen Druckfassungen der Klassikerausgaben hin. Was wir hier als „Faust – Der Tragödie erster Teil, Band 1“ bekommen, ist nur die erste Hälfte von „Faust I“, und zwar bis zum Beginn der Szene „Hexenküche“, also just bevor die ersten Frauen im Stück auftauchen. Zuvor agieren eigentlich nur der Titelheld und Mephistopheles, wenn man die Nebenrolle von Wagner oder die chargenhaften Auftritte der Studenten in „Auerbachs Keller“ vernachlässigt (alles Männer). Ach ja, und Gott selbstverständlich (bei Goethe nur „Der Herr“, also auch ein Mann) im „Prolog im Himmel“.

Mit dem setzt Nele Heaslip ein, bei ihr somit keine „Zueignung“ und auch kein „Vorspiel auf dem Theater“. Damit beseitigt sie kurzerhand, was nicht zur eigentlichen Handlungsebene gehört. Ansonsten jedoch wird der Großteil des Textes geboten, wobei es auch dabei durchaus Auslassungen gibt. Nehmen wir nur die lebhaften Gespräche auf der Straße beim Osterspaziergang, die hier stark verkürzt werden, oder auch zuvor schon die Chöre der Weiber und der Jünger in der Suizidversuchsszene. Damit sind wir übrigens an einem Scharnier der Handlung: Erstmals geht es hinaus mit Faust, und bei Nele Heaslip ist das ein doppelt interessanter Moment, denn die Szenerie wandelt sich da auf ihren Schwarz-Weiß-Seiten vom Mittelalter zur Neuzeit. Nicht zu einer beliebigen Neu-, sondern zur Nazizeit.
Faust trägt den Davidstern
Da wird zum letzten Chor der Engel aus dem Marktplatz einer kleinen Stadt mit pittoreskem Fachwerk eine gleichgeschaltete Gemeinde mit glatt geputzter Fassadenlandschaft, vor der Hakenkreuzfahnen hängen. Getrennt sind diese beiden auf derselben Seite aus dem gleichen Blickwinkel dargebotenen Ansichten durch ein stilisiertes Stacheldrahtsegment – ein grafisches Symbol, das Nele Heaslip schon auf dem Titelbild ihres Comics untergebracht hat, wo rund um die einander wie Spielkartenhälften entgegengesetzten Hauptfiguren Faust und Mephistopheles (Ersterer farbig, Letzterer schwarz-weiß) vier Embleme angebracht sind: Kreuz und Pentagramm bei Faust (die auch bei Goethe wichtige Funktionen haben) sowie bei Mephistopheles eben der Stacheldrahtknoten und ein Davidstern (die bei Heaslip wichtige Funktionen haben).

Den Davidstern trägt Faust plötzlich, als er zum Osterspaziergang auf die Straße geht, am Mantel. Damit zieht das Regietheater in Nele Heaslips Comic ein: Vergegenwärtigung als Prinzip. Sie selbst schreibt in ihrem knappen Vorwort zum Band: „Die Idee für die Darstellung der Handlung ergab sich nach und nach – und sobald ich anfing zu zeichnen, bemerkte ich mit Erstaunen, dass der Rest wie von selbst geschah. ‚Faust‘ machte sich selbständig und passte sich den neuen Zeitebenen an, als wäre er eigens für sie geschrieben worden.“ Als eine dritte Zeitebene figuriert unsere Gegenwart, die schon zu Beginn mächtig in die Handlung eindringt: in Form von Industrieanlagen oder eines Universitätshörsaals, in dem Heinrich Faust am Katheder steht, dozierend, aber wortlos – das ist eine ziemlich gute Idee, denn die dann in Sprechblasen einsetzenden Selbstzweifel seines ersten Auftritts werden so zum inneren Monolog.
Vor Goethe war erst einmal Shakespeare dran
Solche Verschiebungen der Theatralität in literarische Form sind das, was eine Adaption zu leisten hat: Es muss ja gegenüber der Bühne auf dem Papier einen Mehrwert geben, wenn man die Unmittelbarkeit des Schauspiels opfert. Da hat Nele Heaslip einiges zu bieten. Man mag ihre Verlagerung von Handlungsteilen ins Dritte Reich gesucht nennen, aber die entsprechende Umsetzung etwa der Szene in „Auerbachs Keller“ ist tatsächlich triftig: Keine Studenten, sondern Wehrmachtssoldaten zechen da, und deren Spott über den eintretenden Faust ist der über einen Juden. Es ist aber noch zu früh in diesem Projekt, um ein Urteil abzugeben, denn mit Gretchen steht die dritte Hauptfigur ja noch aus, und wie die dann in die NS-Szenerie passt – charakterlich wie lebensweltlich –, das wird mehr als der plakativ jüdische Doktor Faust eine Nagelprobe auf die Tragfähigkeit der Umdeutung sein.

Dass wir diesen zweiten Teil von „Faust I“ sehen werden – und das in wohl nicht allzu langer Zeit –, daran habe ich keinen Zweifel. Denn Nele Heaslip hat schon einmal ein großes Comic-Adaptionsprojekt erstellt, allerdings damals noch unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit: Vor fünf Jahren kam im Rahmen eines Projekts der Universitätsbibliothek Regensburg ein Comic heraus, in dem Heaslip Shakespeares Stück „The Tempest“ in Bilder setzte. Das waren auch mehr als zweihundert Seiten, und nach eigenen Angaben brauchte die Zeichnerin dafür damals nur sechs Monate. Da kann die „Faust“-Fortsetzung doch wohl nicht lange auf sich warten lassen (falls sie nicht eh schon fertig ist; nach einer so langen Pause seit „The Tempest“ wäre Zeit genug gewesen).
Was aber hat Nele Heaslip so am Goethe-Stoff fasziniert, der doch sonst im Theater eher als Männerdomäne gilt – und das nicht nur, weil es mit den Frauen darin so spät anfängt? Die Tochter eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter (deren Vater wiederum ein bedeutender Museumsmann aus Rostock ist, der dann als DDR-Spion in Dänemark agierte) sagt selbst: „Ich zeichne, schreibe und komponiere bereits mein ganzes Leben und spiele auch leidenschaftlich gern Theater.“ Und den spezifischen Bühnenblick hat sie ebenso wie einen beherzten Zugriff auf ihre Seitenarchitekturen, die bisweilen ebenso schwanken wie die Gestalten in Goethes Text: Hier ist alles im Fluss, auch wenn Heaslip feststellt, dass sich in mehr als zweihundert Jahren „Faust“ weder wir noch die Gesellschaft verändert haben – gerade weil wir so ehrgeizig und dabei wankelmütig sind wie der Titelheld. Sie selbst ist zweifellos Ersteres. Letzteres kann man jemandem, die an ein solches Vorhaben geht, gewiss nicht nachsagen.





















