Vierschanzentournee: Skispringen soll internationaler werden mit China und USA | ABC-Z

Bei den Übertragungen von Skisprungwettbewerben erhält Sandro Pertile bisweilen mehr TV-Präsenz als einzelne Athleten. Er ist immer dann im Bild zu sehen, wenn sich der Wind einmischt und Sprünge vorübergehend unmöglich macht. In solchen Momenten wird der Italiener mit einem Funkgerät in der Hand eingeblendet, Blickrichtung nach oben zu seinem Gesprächspartner Borek Sedlák, der wiederum die Windgeräte in Höhe des Absprungs kontrolliert und die Startampe bedient.
Sedlák funkt den aktuellen Stand der Windentwicklung nach unten, und Pertile legt fest, wie es weitergeht. Die Organisation und Durchführung eines Wettkampfs ist ein Teil von Pertiles Job als Renndirektor für Skispringen im Skiweltverband FIS. Aber er entscheidet darüber hinaus auch über die Entwicklung dieses Sports, in dem sich am Dienstagabend Domen Prevc erstmals zum Sieger der 74. Vierschanzentournee krönte.
Seit 2020 hat Pertile diesen Posten für das Männerskispringen inne, er löste den Österreicher Walter Hofer ab, der 28 Jahre lang der Mann am Funkgerät war. Seit acht Monaten ist Pertile zusätzlich auch für die Planung der Frauenwettkämpfe verantwortlich. Insgesamt ist ihm dabei aufgefallen, wie verwässert das Wort „Weltcup“ in seiner Sportart im Prinzip ist.
Skispringen war bei seiner Amtsübernahme weitestgehend ein europäischer Sport. Noch konkreter einer, der vor allem im Norden (Skandinavien) und in der Mitte (Deutschland, Österreich, Schweiz, Slowenien, Italien) des Kontinents stattfand, mit einem kleinen Schwenk in den Osten (Polen, vor dem Ukrainekrieg auch Russland).
In die Skisprung-Diaspora gelotst
Nur die Skisprungnation Japan war regelmäßiger Gastgeber von außereuropäischen Wettkämpfen. „Deshalb war der Versuch, die Internationalisierung des Skispringens voranzutreiben, mit das Erste, was ich angegangen bin, als ich diesen Job angetreten habe“, sagt Pertile der F.A.Z.
In seiner ersten Saison als Renndirektor lotste Pertile die Athleten bereits in die Skisprung-Diaspora, nach Zhangjiakou in China und nach Rasnov in Rumänien. Im Februar 2023 war Lake Placid in den USA erstmals seit 19 Jahren mit gleich drei Wettkämpfen wieder Teil der Weltcupserie. Das war auch in den beiden Jahren danach der Fall, für Pertile ist das eine „zwingende Notwendigkeit, wenn wir diesen Sport zu einem weltweiten Ereignis machen wollen. Wir müssen dazu in Nordamerika und in Asien präsent sein.“
„Das hat mich fast umgehauen“
Zhangjiakou war noch eine relativ günstige Fügung, es handelte sich auf der Anlage in der Provinz Hebei um die Generalprobe für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Von Lake Placid und dem Aufenthalt in den USA verspricht sich Pertile allerdings sehr viel.
Der Siebenundfünfzigjährige kalkuliert bezüglich der potentiellen Sichtbarkeit des Skispringens so: „Auf dem europäischen Markt erreichen wir 160 Millionen Menschen. In den USA aber leben 330 Millionen Menschen, das ist mehr als das Doppelte. Das hat mich fast umgehauen.“ Tatsächlich sei eine Wirkung des Übersetzens nach Nordamerika festzustellen: „In den USA betreiben nun 700 Kinder die Sportart Skispringen, das ist ein ungewöhnlich hoher Wert.“ Insofern besäßen die USA ein „gewaltiges Potential“, mehr noch: „Das ist ein riesengroßer Markt für die FIS und ihr Produkt Skispringen. Da müssen wir dranbleiben.“
Doch nicht nur die weltweite Verbreitung von Wettkampforten ist wichtig für die FIS. Auch die Internationalisierung des Teilnehmerfeldes ist essenziell. Denn das Internationale Olympische Komitee achtet sehr darauf, ob es globale Sportarten im Programm hat oder solche, die nur in einzelnen Enklaven betrieben werden.
„Teil einer großen Aufbauarbeit in China“
„Dieses Problem haben wir derzeit allerdings nicht“, sagt Pertile. Die USA etwa sind mit Jason Colby aktuell in der erweiterten Weltspitze vertreten, in der Tate Frantz in der vergangenen Saison bereits angekommen war. Zurzeit aber befindet er sich in einer Formkrise. Das junge Team USA profitiert von einem von der FIS geförderten internationalen Zusammenschluss: Es trainiert gemeinsam mit den Norwegern.
Solche Verbindungen gibt es aktuell mehrere: Team Japan nimmt koreanische Skispringer auf, der einzige Bulgare im Weltcup, Vladimir Zografski, ist in das deutsche Team integriert. Andere nationale Gruppen wie etwa die Türkei oder Kasachstan sind allerdings weiterhin auf sich gestellt, sie reisen ohne Physiotherapeuten oder Teamärzte von Ort zu Ort.
Bei den Frauen sorgte zuletzt eine Chinesin für Furore. Ping Zeng wurde Zweite beim Weltcupspringen in Oberstdorf am 1. Januar. „Das ist Teil einer großen Aufbauarbeit in China“, sagt dazu Heinz Kuttin, der Bundestrainer der Frauen. Er hat vor den Spielen in Peking einige Zeit mitgeholfen, die Strukturen für Skispringen aufzubauen.
Das war eine Ad-hoc-Aktion mit wenig Substanz, „aber offenbar hat sich Chinas Sportführung dazu entschieden, diese Disziplin weiter zu fördern. Und wenn das so ist, kommen dort auch Fakten zustande – Peng ist ein Ergebnis davon“, sagt Kuttin. Pertile goutiert diese Entwicklung sehr, zumal die Frauen auch nach den Spielen regelmäßig Weltcupwettbewerbe in Zhangjiakou ausgetragen haben.
Bei der Vierschanzentournee sind 18 Nationen gemeldet, zu Beginn der Saison waren sogar 21 Länder im Weltcup vertreten. Bei den Frauen ist die Anzahl an teilnehmenden Nationen vergleichbar. „Die Folge davon ist, dass wir bei den Olympischen Spielen in Cortina die höchste Nationenzahl für Teamwettbewerbe bei Männern und Frauen von allen vertretenen Sportarten stellen können“, sagt Pertile. Das zeige, dass sein Sport „mehr und mehr global wird“.





















