Wirtschaft

Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart: Dürr und der liberale Aufbruch | ABC-Z

Die FDP will anders weitermachen als bisher. „Mehr Risiko wagen“, wie der Parteivorsitzende Christian Dürr am Dienstag in Stuttgart sagte. Dort kam seine Partei zum traditionellen Dreikönigstreffen zusammen. Und schon beim Ablauf des Treffens wagte die FDP mehr als sonst. Bisher war das Programm gewesen: Liberale Politiker halten Reden. Manche kürzer, manche länger. Ein FDP-Mann hatte am Vorabend gescherzt, er habe sich diesmal einen Zug früher für die Heimfahrt gebucht, weil Christian Lindner nicht mehr auf der Bühne stehe. Da sei man mutmaßlich eine Stunde früher fertig. Eine kleine Spitze gegen den früheren Vorsitzenden, vielleicht auch zum eigenen Trost. Denn Lindners charismatische Auftritte vermissen viele hier auch.

Dürr wird das bewusst gewesen sein, als er seine Premiere als Parteichef in Stuttgart plante. Das Programm sollte aufgelockert werden. Das gelang. Neben den üblichen Reden – von den Spitzenkandidaten für die beiden Landtagswahlen im März, von der Generalsekretärin Nicole Büttner und von Dürr selbst – präsentierte die FDP lupenreine Comedy: Die EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann und der Parteivizechef Wolfgang Kubicki traten in einer Loge der Stuttgarter Staatsoper als Statler und Waldorf aus der „Muppet-Show“ auf. Sie stichelten gegeneinander, über ihr Alter, über ihre schlechten Witze, zeigten sich aber auch fähig zur Selbstironie. Man habe überlegt, ob Kubicki sich nicht wie Tarzan aus einer Loge hinüber zu Strack-Zimmermann schwingen solle. Damit wäre man in die „Tagesschau“ gekommen „und zwar radikal“, unkte Strack-Zimmermann in Anspielung auf die neue Positionierung der FDP als „radikale Mitte“ und das seit dem Rausflug aus dem Bundestag abgeebbte Medieninteresse. Stehender Beifall, Erleichterung. Wer über sich selbst lacht, zeigt sich souverän.

Die Plüschkrähe wird gerupft

Die anderen Redner scherzten, wenn überhaupt, über die politische Konkurrenz. Der FDP-Landeschef von Baden-Württemberg, Hans-Ulrich Rülke, verglich den Grünen-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Cem Özdemir, mit einer Krähe, die sich mit fremden Federn schmücke, nämlich Kretsch­manns, und zog eine Plüschkrähe aus einem Beutel, der er erst Federn anklebte und dann wieder abrupfte. Über die SPD-Chefin Bärbel Bas sagte er, wer diese kennenlerne, wisse, was er an Saskia Esken gehabt habe. Rülke warb für einen „bürgerlichen Aufbruch“ in Baden-Württemberg, für eine „bürgerliche Koalition“. Allerdings kann damit nur eine Deutschland-Koalition gemeint sein, also eine von CDU, SPD und FDP. Ob die CDU sie wollen würde, wenn sie andere Möglichkeiten hätte, ist unklar.

Aber die FDP muss sich zuversichtlich geben. „Zuversicht, Mut, Entschlossenheit, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen“, das sei es, was jetzt gebraucht werde, sagte die Wirtschaftsministerin von Rheinland-Pfalz, Daniela Schmitt, die im März, zwei Wochen nach Rülke, den Wiedereinzug in den Landtag schaffen will. Sie ist in der herausfordernden Lage, die Arbeit ihrer Partei in einer Ampelkoalition loben zu müssen, während die Bundes-FDP sich an den Parteien des von Dürr so genannten Status-quo-Lagers abarbeitet, zu dem er neben SPD und Grünen auch die Union zählt. Während Dürr postuliert, er sei froh, da raus zu sein, muss Schmitt betonen, wie gut es mit SPD und Grünen laufe.

Dürr selbst gab sich in seiner Rede optimistisch, dass „genau jetzt“, „in diesem Moment“, „ab heute“ der „Aufbruch der Freien Demokraten“ beginne. Für Ermutigungen dieser Art ist die Traditionsveranstaltung seiner Partei in Stuttgart auch da. Dass trotzdem Zweifel bleiben, liegt auf der Hand. Manche in der FDP finden, es sei unklar, wofür die Partei jetzt stehe. Dürr setzte Schwerpunkte bei den Themen Wirtschaft, Bürokratieabbau und Bildung. Stilistisch bemühte er sich darum, sich von seinem Vorgänger im Amt des Parteichefs abzugrenzen und sich als Primus inter Pares darzustellen – was schon damit begann, dass er nicht in der ersten Reihe saß wie sonst alle Wichtigen, sondern in Reihe acht, von wo er auch seine Rede begann.

Mitten drin: Dürr bei seiner Rede auf dem Dreikönigstreffendpa

Ein Lichtkegel hob ihn aus der Masse der Zuhörer heraus. Aus dieser Menge wurde Dürrs Rede dann noch unfreiwillig gestört: Ein Zuschauer erlitt einen Zusammenbruch, seine Sitznachbarn riefen nach einem Arzt. Fachkundige Liberale eilten herbei, dann auch Sanitäter. Dürr hatte längst abgebrochen. Nach rund zehn Minuten konnte der Mann den Saal auf eigenen Beinen verlassen; er wurde draußen weiter betreut. Es war schwierig für Dürr, das Publikum nach der bangen Pause wieder in die Stimmung der vitalen Zuversicht zu versetzen, die seine Partei wieder zum Erfolg führen soll.

Nach seiner Rede, die in der Tat kürzer ausfiel als die letzten von Lindner an diesem Ort, erhoben sich die Liberalen abermals zum Applaus. Er fiel nicht so donnernd aus wie einst. Erkennbar war jedoch der Wille, sich demonstrativ hinter die neue Parteiführung zu stellen. Es sind nur noch acht Wochen bis zur Wahl in Baden-Württemberg, die manche als Schicksalswahl für die FDP sehen.

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