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Chemiepark Leuna rutscht tiefer in die Krise | ABC-Z

Die Krise der deutschen Chemieindustrie hat spätestens über die Weihnachtsfeiertage auch den größten Chemiestandort in Ostdeutschland erreicht: Dem Chemiepark Leuna droht nach Insolvenzanträgen von drei deutschen Tochtergesellschaften der belgischen Domo Chemicals der Verlust eines der größten Unternehmen und die Schließung wichtiger Anlagen auf dem 13 Quadratkilometer großen Industriegelände.

Insgesamt stehen fast 600 Arbeitsplätze in Ostdeutschland auf dem Spiel. Knapp 500 davon allein bei Domo Caproleuna, die in Leuna seit 1994 Polymere unter anderem für Kunden in der Auto­mobil- und Elektroindustrie herstellt. Damals übernahm die von der belgischen Unternehmerfamilie De Clerck kontrollierte Domo die Anlagen für die seit 1942 bestehende Caprolactam-Produktion in Leuna.

Sollte die Produktion der deutschen Tochtergesellschaften von Domo demnächst ganz herunterfahren, wären in Leuna auch Lieferanten wie der Industriegasespezialist Linde oder die Raffinerie von Total Energies sowie der Chemieparkbetreiber Infraleuna betroffen.

Größter Industriestandort in Sachsen-Anhalt

Insgesamt arbeiten am größten Industriestandort in Sachsen-Anhalt rund 15.000 Beschäftigte in mehr als hundert Unternehmen der Chemieindustrie, bei Zulieferern und Servicegesellschaften. Bis 1989 gab es in Leuna noch fast 30.000 Arbeitsplätze in der Chemie. Mit der Wende brachen mehr als zwei Drittel weg. Seit 2012 hat sich dann die Beschäftigung nahezu verdoppelt.

„Eine mögliche Einstellung des Domo-Betriebs hätte spürbare Auswirkungen auf den Chemie- und Energieverbund“, teilte Infraleuna mit. Der Geschäftsführer des Chemieparkbetreibers, Christoph Günther, hatte erst Mitte Dezember im Rahmen eines Krisengipfels der ostdeutschen Chemiestandorte von der Politik in Berlin und Brüssel ein Umdenken in der Energiepolitik und ein Moratorium für zusätzliche Bürokratie gefordert, um die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieindustrie nicht weiter zu schwächen.

Mit dabei an dem vom Landesverband Nordost des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) gemeinsam mit der Indus­triegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IGBCE) Nordost veranstalteten „Chemiegipfel Ostdeutschland“  war auch Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze (CDU). Für ihn droht die Entwicklung in Leuna bei der Landtagswahl im Herbst zur Hypothek im Rennen um die Nachfolge von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zu werden. Nach den Insolvenzanträgen der deutschen Tochtergesellschaften von Domo Chemicals kündigte Schulze Unterstützung der Landesregierung in Magdeburg an.

Belgische Unternehmensgruppe in Schieflage

„Aus Sicht der Infraleuna sind die aktuellen Entwicklungen Ergebnis einer seit Jahren falsch ausgerichteten Energie- und Industriepolitik“, heißt es von Infraleuna. Die Lage bei Domo hängt allerdings nicht nur mit den Rahmenbedingungen für die Chemieindustrie, sondern auch mit den Finanzierungsbedingungen für die Unternehmensgruppe zusammen. Das legt der jüngste Konzernabschluss der Domo Gruppe mit insgesamt 5200 Beschäftigten und rund 1,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2024 nahe.

Demnach schloss das belgische Unternehmen, dessen Wurzeln auf den 1959 vom belgischen Unternehmer Roger De Clerck gegrün­deten Textilkonzern Beaulieu zurückgehen, im Sommer 2024 eine Refinanzierung ab. Die Stundung von Rückzahlungen und die Bereitstellung von zusätzlichem Kapital wurde an Bedingungen für die Liquidität und das Betriebsergebnis geknüpft wurden. Die Geschäftsentwicklung in der zweiten Jahreshälfte 2024 machte innerhalb weniger Monate Nachverhandlungen nötig.

Domo, die heute über die Investmentgesellschaft Dovesco von der Familie De Clerck kontrolliert wird und 2024 einen Verlust von knapp 220 Millionen Euro verbuchte, vereinbarte mit Anteilseignern und Kreditgebern eine Kapitalspritze in Höhe von 100 Millionen Euro und leitete Restrukturierungsmaßnahmen ein, zu de­nen die Schließung von Anlagen in Frankreich und Polen zählten.

Refinanzierung platzt kurz vor Weihnachten

Einen Teil dieser Anlagen hatte Domo erst 2020 für 300 Millionen Euro, exklusive Schulden vom belgischen Chemieunternehmen Solvay erworben. Der Deal war Teil des insgesamt 1,6 Milliarden Euro schweren Verkaufs der Polyamid-Aktivitäten von Solvay an BASF. Die europäischen Kartellwächter hatten die 2017 vereinbarte Transaktion mit der Auflage durchgewinkt, dass ein Teil des Geschäfts an ein drittes Unternehmen abgegeben wird. Domo kam zum Zug und machte mit der Akquisition einen Umsatzsprung von rund 900 Millionen Euro auf etwa 1,6 Milliarden Euro.

Die Refinanzierung der Unternehmensgruppe trieb zuletzt auch die deutschen Tochtergesellschaften um: Sie sei ein „wesentliches Element“ der eigenen Finanzierung, heißt es im Geschäftsbericht 2023 der größten deutschen Tochtergesellschaft, Domo Caproleuna. Die Gesellschaft mit Sitz in Leuna und knapp 500 Beschäftigten erzielte zuletzt knapp 550 Millionen Euro Umsatz. Der Risikobericht ist unmissverständlich: „Risiken, die den Bestand des Unternehmens ernsthaft gefährden könnten, sehen wir, als Teil der Domo Chemicals Gruppe, in der möglichen Instabilität der Gesamtfinanzierung auf oberster Gruppenebene“, heißt es dort.

Kurz vor Weihnachten bestätigte sich diese Einschätzung. Gespräche über eine Refinanzierung auf Konzernebene mit einem Bankenkonsortium scheiterten. Ne­ben der deutschen Holding Domo Chemicals GmbH und der Domo Caproleuna GmbH mit Sitz in Leuna stellte in der Folge auch die Domo Engineering Plastics GmbH mit Sitz im brandenburgischen Premitz und rund 70 Beschäftigten einen Insolvenzantrag. Domo Engineering Plastics erzielte im Geschäftsjahr 2023 einen Umsatz von gut 50 Millionen Euro.

Löhne und Gehälter bis Ende März gesichert

In Deutschland produziert Domo Polymere, technische Kunststoffe und Hochleistungsfasern für Kunden in der Automobilbranche, für Konsum- und Industriegüter sowie Elektrotechnik und Elek­tro­nik. „Das Tagesgeschäft geht an allen Standorten weiter, Fertigung und Belie­ferung der Kunden laufen ohne Unter­brechung“, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther von der Kanzlei Flöther & Wissing mit. Die Löhne und Gehälter der insgesamt 585 Mitarbeiter von Domo in Deutschland seien für drei Monate über das Insolvenzgeld gesichert.

Denkbar sei eine Investorenlösung oder eine Einigung mit den Gläubigern, sagte Flöther. Scheitern die Gespräche, droht dem größten Standort im mitteldeutschen Chemiedreieck neben dem Verlust von Ar­beitsplätzen weiterer Schaden. „Vergleichbar mit ähnlichen strukturellen Einschnitten, etwa der Schließung des Crackers von Dow, wären insbesondere vorgelagerte Produktionsstufen betroffen“, heißt es bei Infraleuna.

Von der im Sommer angekündigten Schließung der Anlage von Dow Chemicals im sächsischen Böhlen ist Leuna nur indirekt betroffen. Nach der Insolvenz von Domo könnten im Rahmen der Krise der Chemieindustrie aber auch hier die ersten Anlagen schließen.

Neuansiedlungen sorgen für positive Schlagzeilen

In den vergangenen Monaten hatte Leuna als einer von wenigen Chemiestand­orten in Deutschland auch für positive Schlagzeilen gesorgt: Der finnische Konzern UPM startete im Sommer die Pro­duktion in der weltweit ersten Bioraffinerie im Industriemaßstab, die das Unter­nehmen in den vergangenen Jahren für rund 1,3 Milliarden Euro in Leuna errichtet hat.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt , das in Leuna eine Pilot­anlage für die Produktion strombasierter Kraftstoffe errichtet, hat dafür Ende November einen weiteren Förderbescheid des Bundesverkehrsministeriums über 157 Mil­lionen Euro erhalten, der den Betrieb bis 2035 sichert.

Für weitere Neuansiedlungen will Infraleuna westlich des bestehenden Chemieparks bis zu 300 Hektar neuer Flächen erschließen, was mit 180 Millionen Euro Fördergeld unterstützt wird. Es ist eines der größten Expansionsprojekte an einem europäischen Chemiestandort. Derzeit stehen die Zeichen allerdings nicht auf Erweiterung.

Vorentscheidung in den nächsten Tagen

Bei Domo könnte schon in den nächsten Tagen eine Vorentscheidung fallen. Gelingt es dem Insolvenzverwalter nicht, kurzfristig die erforderliche Liquidität für den Weiterbetrieb der Anlagen in Leuna sicherzustellen, muss die Produktion von Caprolactam wohl herunterfahren. Das wäre neben den nega­tiven Folgen für die Kundenbeziehungen unter den aktuell winterlichen Wettbedingungen auch mit einem erhöhten Schadensrisiko etwa für wasserführende Leitungen in den Anlagen verbunden.

Der Chemieparkbetreiber Infraleuna for­derte alle Beteiligten auf, den Schaden am Standort auf ein Minimum zu begrenzen. Für den Chemieparkbetreiber geht es nicht nur um einen wichtigen Kunden und die Auslastung der eigenen Infrastruktur zur Versorgung der Unternehmen im Chemiepark. Domo zählt mit einem Anteil von 24,5 Prozent auch zu den wichtigsten Gesellschaftern von Infraleuna, die von den Chemieunternehmen am Standort getragen wird.

Im Geschäftsjahr 2024 erzielte der Chemieparkbetreiber mit etwas mehr als 800 Beschäftigten einen Umsatz von knapp 500 Millionen Euro. In den vergangenen sieben Jahren hat Infraleuna mehr als 600 Millionen Euro unter anderem in die Modernisierung von Energieerzeugungsanlagen investiert, um einen Teil der steigenden Energiekosten abzufedern.

Erst im November wurde ein 33 Tonnen schwerer Elektrodenkessel angeliefert, mit dem Infraleuna Dampf für die Industriekunden in Leuna mit überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energiequellen herstellen will. Die Investitionen in die Standortbedingungen machen sich in der Krise bezahlt: Die Auslastung des Chemieparks Leuna lag 2024, gemessen am Bedarf an Strom und Dampf der Unternehmen, zwischen 80 und 90 Prozent des durchschnittlichen Verbrauchs in den Vorkrisenjahren 2019 bis 2021.

„Damit liegt die Auslastung der chemischen Anlagen signifikant über dem Branchendurchschnitt und widerspiegelt die vorteilhafte Wettbewerbsposition des Chemiestandorts Leuna“, heißt es im Geschäftsbericht von Infraleuna für 2024. Der Branchenverband VCI Nordost bezifferte die Auslastung der ostdeutschen Chemiestandorte zuletzt mit „höchstens 70 Prozent“. In Leuna liegt man derzeit noch darüber.

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