Künstler Manfred Butzmann gestorben: Bildner von Berlins rauer Seele | ABC-Z

In der Berliner Straße in Pankow stand mal das Kino „Tivoli“. In den 2000ern musste das Kino ganz dringend einem Discounter weichen. Dabei war dort Filmgeschichte geschrieben worden: 1895 hatten an dieser Stelle die Brüder Skladanowsky erstmals Filme mit ihrem Bioskop gezeigt.
Genau deshalb sind die Jahreszahlen 1895 und 1995 und die Namen von Vorführgerät und Erfindern im Pankower Pflaster verewigt, als Mosaiken von Manfred Butzmann, und auch an einer Kreuzung im benachbarten Prenzlauer Berg: Am 14. September 1942 in Potsdam geboren, war aus ihm schon früh ein Berliner geworden, wie er waschechter kaum sein konnte. Am Sonntag ist er gestorben.
Nach einer Lehre zum Offsetretuscheur war Butzmann an die Kunsthochschule Weißensee gegangen, studierte dort Grafik bei Arno Mohr, Klaus Wittkugel und Werner Klemke. Berlin verdankt ihm viele Abbilder seiner rauen Seele.
Die inspirierende Kneipe
Wieder und wieder der Mauerstreifen vor und nach 89; Stadtlandschaften und Häuserfronten ohne Zahl; beschädigte Schönheiten, zerbröselt, bemalt, vergessen, aber noch nicht kaputt saniert. Und Butzmann konnte die Klappe kaum halten. Schon Anfang der 1970er fing er an, auf eigene Kappe Plakate zu drucken, was in der DDR an sich schon ein ziemliches Ding gewesen ist.
Mit „Bürger schützt eure Steige“ ging es los. Gedrucktes gegen Umweltzerstörung und alles Militärische folgte: ein Einmischer, dieser Butzmann, kein lauter, aber so einer, der natürlich berlinerte, was selbst in Berlin manchem inzwischen als unfein gilt.
Butzmann nicht. Jahrzehntelang hockte er dienstags nicht nur zum Skatspielen in der „Molle“, einer Kneipe an der Nahtstelle von Ost und West, und später im „BiB“. Immer wieder hat er das dortige Publikum verewigt: eine junge Frau mit geflochtenem Zopf auf dem Hinterkopf, einer Prinzessin gleich, die in Wirklichkeit ein „leichtes Mädchen“ war; oder das Gesicht eines Mannes, der schon mehr als genug intus hatte.
Wer so lange zur gleichen Zeit an den gleichen Ort kam wie dieser Typ und so frei nach Schnauze reden konnte, der durfte da auch zeichnen. Butzmann, das ist beste „Berliner Schule“, sein künstlerischer Blick glitt über Menschen und Stadt, sah einen „Schwarzen Giebel“, der sich roh auf der Wand des Nachbarhauses abzeichnete, oder den „Anhalter Puff“, ein pervers pink getünchtes Haus, während nebenan alles wegbrach.
Unbequeme Fragen zur Polizeigewalt
Butzmann hat nie nur geguckt und gemalt, er saß wie andere Entschlossene, Kirchenleute und bekannte Künstler im Untersuchungsausschuss zur Polizeigewalt am 7./8. Oktober 1989 an der Gethsemanekirche. Ein unerhörter Vorgang: Die amtierende Staatsmacht musste sich mutigen Bürgerfragen stellen. Auch hat er Berlin immer wieder Abreibungen verpasst: Frottagen von Ornamenten und Mustern in Fluren, auf dem Straßenpflaster, an Türen, die er verewigte, damit davon so viel wie möglich erhalten bleibt.
Das Landesdenkmalamt dankte es ihm mit einer Auszeichnung, und die Akademie der Künste verlieh ihm den Käthe-Kollwitz-Preis. Es gab auch weiche Linien in seiner Kunst, Aquarelle, Landschaften in Moldawien und Mecklenburg, Kopfweiden, Hügel, Felder. Und sein „Lupinenprojekt“: da hat er 1990 einfach Lupinen auf dem einstigen Mauerstreifen ausgesät. Sein Vater war ja Gärtner.
Am 4. Januar ist Manfred Butzmann mit 83 Jahren gestorben. Berlin ohne ihn? Nicht mehr ganz die Alte.





















