Kultur

Jammern: Symphonie in Ach-Moll | DIE ZEIT | ABC-Z

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 01/2026.

Es ist nur
sinnvoll, mit einer Klage zu beginnen, mit einem pompösen “Leider”, einem
lauten Weh, einem zittrigen Herrjemine, mit Geseufz und Ge-hmpf, damit hier
gleich die Verhältnisse klar sind, über die man sich beschweren kann, und das
passiert ja unentwegt, in jeder Bar, jeder Straßenbahn, jedem Betrieb und an
jeder Ecke, wo schon wieder etwas grauenvoll ist, furchtbar oder auf traurige
Weise öde oder ungerecht, und irgendjemand möchte nun den Geschäftsführer
sprechen, ständig möchte irgendwo jemand den Geschäftsführer sprechen, obwohl
niemand Leute mag, die den Geschäftsführer sprechen wollen, nicht einmal, wenn
diese Leute pelzige Koalas oder entzückende Mini-Bullterrier wären, weil leider
kaum jemand Leute mag, die jammern.

Man tritt der
Menschheit sicher nicht zu nahe, wenn man bemerkt, dass sich Jammern bei ihr
über die Jahrhunderte keinen guten Ruf erworben hat. Das hält die Menschheit aber
nicht ab, es trotzdem zu tun, bis es überall so klingt, als sei Hans Zimmer auf
seinem Hollywoodklavier eingeschlafen, zumal am Jahreswechsel, wenn Mitmenschen
mit mäßiger Euphorie in ihrem Leben und der Welt herumbilanzieren, weil man ja
immer schon etwas Beklagenswertes und Betrübliches findet, wenn man nur lang
genug in sich hineinstarrt. Man hat ja endlich dafür ein wenig Zeit.

Dann heißt es:
Sommer war lausig, Winter ist zu warm, Polkappen schmelzen, Hose passt nicht
mehr, Sachsen-Anhalt geht’s nicht gut, der Chef ignoriert mich, Donald Trump
ist doof, die Nationalmannschaft spielt schlecht, überall ist Krieg und
Laktoseintoleranz, und ja, sogar die Champagnerpreise sind gestiegen.

Gäbe es einen
Kammerton für diese Zeit, er wäre ein Ach-Moll. Und gäbe es eine Standarte des Jammernden, wäre es Manuel Neuers
Reklamier-Arm.

Nun ist es ein
Naturgesetz, dass selbst kleinstes Jammern stets eilige Ordnungsrufe provoziert,
Beschwichtigungen und Gefährderansprachen, weil die Jammernden dem Rest ja
nicht die schöne Laune vermiesen sollen, sofern der noch welche hat.

Dann
steht Friedrich Merz vor Unternehmern und Bürgern und fordert bessere Stimmung. Dann sagt der Freund, dass man sich doch bitte mal zusammenreißen solle, und die
Kollegin, die selbst auch nicht pausenlos mit einem Megahallöchen in die Welt
hineinjubelt, verweist protestantisch auf den Spruch, der angeblich beim
Schriftsteller Rainald Goetz überm Schreibtisch hängt. “Don’t Cry. Work” soll
dort stehen, als ginge beides nicht zusammen.

Die Welt mag ein
stählernes Gehäuse sein, aber wenn man sich daran den Fuß stößt, soll man es
offenbar bitte nicht zu laut sagen. Beziehungsweise: Heul leise, Chantal.

In der Psychologie,
die sich ja für Seelenregungen allgemein zuständig fühlt, ist das Jammern im
Übrigen kaum erforscht. Bekannt hingegen ist: Jammern gilt als unstatthaft, es
ist, wie Theodor Fontane mal schrieb, etwas für “die Betagten und die Kranken”,
ansonsten läuft es unter schlechtem Betragen oder groschenromanhafter
Hinfälligkeit, mindestens ist es Anmaßung, dass man die Welt nicht anständig
durcherträgt, weshalb dem Jammern in Deutschland meistens zuverlässig drei
Wörter vorwurfsvoll hinterhergaloppieren, nämlich “auf hohem Niveau”, was
leider nicht heißt, dass sich man besonders eloquent und elegant beklagt,
sondern deutlich machen soll, dass ein Jammernder das maßstabsgetreue
Verhältnis zum eigenen empfundenen Leiden verloren habe.

Schließlich ist der
Großvater noch auf einem dreibeinigen, erblindeten, obendrein
pollenallergischen Esel aus Irkutsk nach Hause an den Rhein geritten, durch
siebzehn Meter hohen Schnee. Und von Sisyphos, dem antiken
Erduldungsweltmeister, kam auch nie ein Wort der Klage.

Wer jammert, heißt
es, ändert nichts und richtet es sich kleinmütig in den Verhältnissen ein.
Jammern ist offenbar der natürliche Erzfeind sogenannter Anpacker und Macher,
die nicht meckern, sich nicht beschweren, sondern eben anpacken und machen und
damit zufrieden sein sollen, bestenfalls glücklich, womit sie anderen Leuten ja
genauso auf die Nerven gehen können wie das Jammern.

Wenn jedenfalls die
Antwort auf ein “Wie geht’s?” immer ein selbstbetrügendes “Alles gut!” lautet,
ist dies meist weit uninteressanter als ein ahnungsvoll poröses “Ach …” – man
muss eben nur wissen, wann man sich am besten aus dem Sendebereich der Anschlusskommunikation
entfernt.

Es ist ja bisweilen
schwer zu unterscheiden, was schlimmer ist: vom Schleier der Larmoyanz
umzingelt zu sein oder beschossen zu werden vom Mittelstrahl seniler
Lebensfreude und gelungenem Leben. Vielleicht ist beides ein wenig langweilig,
und beides leider nicht auf die schöne leise Art, da haben die Jammernden und
die pausenlos Glücklichen mehr gemeinsam, als sie denken.

Wer als
Jammerlappen bezeichnet wird, kann sich mit der Vorstellung von einem Küchenschwamm trösten, der hin und wieder vorwurfsvoll stöhnt. Und wer immer
nur “Ich kann nicht klagen” sagt, dem sollte man bitte künftig entgegnen: “Dann
musst du es lernen.”

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