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Zukunft der Musikindustrie: Wie soll KI Musik zeugen? | ABC-Z

The Velvet Sundown, Aventhis oder Breaking Rust: 2025 war auch das Jahr der Musiker, die gar nicht existieren. Alle drei sind komplett von Künstlicher Intelligenz generiert.

Es gibt zahllose solcher Beispiele sowie verschiedene Mischformen, in denen KI wahlweise nur Gesang oder Musik beisteuert. Generative KI ist damit die nächste große Herausforderung für die Musikindus­trie, so viel ist sicher.

Aber wie die neuen Wege aussehen sollen, was technisch möglich, aber keinesfalls erwünscht ist, und welche Änderungen all dies an den Regeln der Streamingökonomie erfordert, müssen Musik- und Techbranche erst noch ausverhandeln. Auch die Politik ist gefordert, denn viele Fragen berühren Urheber- und Persönlichkeitsrecht.

Breaking Rust und der vermeintlich große Chart-Erfolg

Umso dringlicher braucht es eine sachliche Debatte und weniger effekthascherische Aufregung, über die zentrale Aspekte schnell aus dem Blick geraten. Breaking Rust zum Beispiel wurde im November mancherorts zum „Chart-Stürmer“ hochstilisiert. Tatsächlich stand der Song „Walk My Walk“ auf Platz eins einer Hitliste in den USA.

Allerdings waren es die „Country Digital Song Sales Charts“. Berechnet werden sie nach der Zahl der Downloads, einem Format, das kaum noch relevant ist. Schon mit ein paar Tausend Käufen steht ein Song schnell auf der Eins, ordentlich Aufmerksamkeit inklusive. Das wissen auch Akteure mit unlauteren Absichten.

An den Veröffentlichungen von Deezer gibt es dagegen überhaupt nichts auszusetzen – im Gegenteil. Seit gut einem Jahr berichtet der kleine französische Streamingdienst in regelmäßigen Abständen, wie viele mutmaßlich komplett KI-generierte Lieder täglich auf seine Plattform hochgeladen werden.

Zehntausende neue KI-Songs jeden Tag, aber kaum jemand hört sie

Waren es im Januar 2025 noch rund 10.000 unter insgesamt gut 100.000 Neuveröffentlichungen, war im November von etwa 50.000 Werken die Rede. Laut Deezer sind das 34 Prozent aller täglich hinzukommenden Songs. Kein anderer Dienst legt vergleichbare Daten vor. Doch da Songs üblicherweise auf allen gängigen Streamingdiensten veröffentlicht werden, ermöglichen die Zahlen von Deezer einen guten Eindruck der Dimension, um die es geht.

Was angesichts der rasanten Entwicklung allerdings gerne untergeht, sind zwei weitere Werte: Laut Deezer werden diese Songs nämlich (noch?) so gut wie nie gehört. Gerade einmal 0,5 Prozent der Gesamtstreams fallen auf sie ab. Und bei bis zu 70 Prozent dieser Abrufe erkennt der Dienst Betrugsmuster. Das bedeutet: Es wird kein Geld ausgeschüttet.

All dies ist kein Grund zur Entwarnung. Erst recht nicht, weil KI-Musik nicht nur zu Betrugsversuchen genutzt wird, sondern auch, um fragwürdige Inhalte unterschiedlichster Art über die Dienste zu verbreiten.

Musikindustrie und Streamingdienste sind voneinander abhängig

Klar ist: Die Plattformen müssen ihrer Verantwortung gerecht werden, Inhalte schneller löschen, die gegen ihre Regeln verstoßen, und, wo nötig, diese Regeln gemeinsam mit der Musikbranche anpassen. Dass Lizenzgeber und die Dienste als Lizenznehmer, die rund zwei Drittel ihres Umsatzes mit Musik ausschütten, dabei nicht immer dieselben Interessen verfolgen, sollte niemanden überraschen.

Doch am Ende sind beide voneinander abhängig, denn für billige KI-Musik schließt niemand ein Abo ab. Mit der Kennzeichnung komplett KI-generierter Werke hat Deezer einen wichtigen Schritt zur Transparenz getan, weitere müssen branchenweit folgen. Erste Lizenzvereinbarungen mit den prominentesten Musik-KI-Start-ups Udio und Suno zeigen derweil, dass es auch auf diesem Gebiet vorangeht.

Kritische Details – finanzielle wie kreative – bleiben zu klären, doch die Richtung stimmt. Schließlich werden KI-Modelle mit Werken von Menschen trainiert, ohne sie könnte keines in Sekundenschnelle einen fertigen Song liefern.

GEMA-Erfolg gegen Open AI: Streit ums Urheberrecht nicht entschieden

Dafür müssen Urheber vergütet werden, zumal die KI-Songs mit ihrem „Trainingsmaterial“ direkt konkurrieren. Auch müssen die Kreativen das letzte Wort haben, ob – und für was – ihre Werke in einem KI-Modell genutzt werden dürfen. Wie hoch unter Musikfans die Zahlungsbereitschaft für lizenzierte KI-Angebote sein wird, mit denen sie zum Beispiel KI-Remixe ihrer Lieblingssongs erstellen können, ist dann eine andere Frage.

Weitergehen wird 2026 auch der juristische Streit um Urheberrechte. Er droht dort, wo keine Lizenzvereinbarungen zustande kommen. Der Erfolg der GEMA gegen Open AI war ein ermutigendes Zeichen für die Kreativbranche, aber der Fall ist noch nicht entschieden.

Für andere gilt das ebenso, zumal in den USA viel von der Auslegung der Fair-Use-Doktrin abhängen wird. Rund um KI-Musik gibt es also Baustellen zur Genüge, und diese verdienen mehr Aufmerksamkeit als fragwürdige Chart-Erfolge.

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