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Neuerscheinung: Spurensuche in Grünwalds NS-Geschichte – Landkreis München | ABC-Z

„Das kann man ja waschen.“ Paula Rattenhuber, Gattin von Hitlers Leibwächter Hans Rattenhuber, hatte es eilig, als sie das Sommerhaus der drei jüdischen Schwestern Hirsch in der Grünwalder Klingerstraße 2 besichtigte. Schon am Tag nach deren versuchtem Selbstmord ließ sie unter Hinweis auf die Stellung ihres Mannes das versiegelte Haus durch den Ortsgruppenamtsleiter Anton Berchtold öffnen. Sie wollte es so schnell wie möglich übernehmen, für ihre Schwester Maria Heinrich und deren Mann. Alle Möbel sollten ruhig darin bleiben, sagte sie, auch die Bettwäsche, die blutig war, denn die Hirsch-Schwestern hatten sich die Pulsadern aufgeschnitten, nachdem sie von ihrer bevorstehenden Deportation erfahren hatten. Da sie allerdings einem Anwalt das Vorhaben in einem Brief mitgeteilt hatten, wurden sie gerettet. Cornelia Pflug starb im Krankenhaus und ersparte sich damit das Schicksal, das ihre Schwestern Martha und Irene Hirsch erst später ereilte, sie wurden in einem Konzentrationslager in Polen ermordet.

Es sind die erschütternden Details, die das Buch „Grünwald und die NS-Zeit – Ein Ort im Windschatten der ‚Hauptstadt der Bewegung‘“, so berührend machen. Die Historikerin Susanne Meinl hat im Auftrag der Gemeinde Grünwald rund fünf Jahre recherchiert, hat Unterlagen vom US-Nationalarchiv bis hin zum Archiv des Bundesnachrichtendienstes gesichtet. Zu den von Meinl durchgearbeiteten Aktenbergen gehörten Wiedergutmachungsakten, die Überlieferung der NSDAP im Bundesarchiv, Gestapo-Akten, Entnazifizierungs-Akten, der Isar-Bote, der Völkische Beobachter und andere Tageszeitungen, die Protokolle der Spruchkammern sowie Briefe und Nachlässe. Sie hat Familienangehörige von im Buch vorkommenden zeithistorischen Personen kontaktiert, was nicht immer einfach war, weil nicht alle mit ihr reden wollten.

Entstanden sind zwei Bände mit etwa 1000 Seiten und zahlreichen Abbildungen. „Hervorzuheben sind die vielen spannenden Dokumente, die zur Eigenrecherche anregen können sowie einige bemerkenswerte Fotos“, sagt Meinl. „Ich freue mich wirklich, dass es jetzt soweit ist“, erklärt Bürgermeister Jan Neusiedl, CSU, „und dass jetzt so manche Lücke der Geschichte geschlossen ist“.  Der Weg zur Verwirklichung des Projekts sei nicht einfach gewesen.

Auswanderung nach Argentinien

Die Idee hatte Wolfgang Kuny, heute 89, Ende der 1980er-Jahre. Seine Nachbarin in Grünwald war Halbjüdin, ihr Vater promovierter Chemiker und Jude. Er  ging 1935 in die Schweiz. Sie erzählte Kuny von ihrem Leben, dass sie keine höhere Schule besuchen und nicht heiraten durfte. Ihre ältere Schwester heiratete am 8. Mai 1945, also sofort nach Kriegsende, ihren geheim gehaltenen Freund, den deutschen Offizier Hans Michel. Er war in der Freiheitsaktion Bayern engagiert und wurde von der Besatzungsmacht als erster Bürgermeister nach dem Krieg in Grünwald eingesetzt. Später wanderte das Paar nach Argentinien aus.

Kuny fand, dass solche Erinnerungen wachgehalten werden sollten. Da er die „Zeitzeugen-Interviews“ des Münchner Stadtarchivs kannte, blieb die Idee, etwas Ähnliches für Grünwald zu erstellen, in seinem Kopf. Als CSU-Gemeinderat schlug er dann im Jahr 2002 dem Gremium vor, ebenfalls Überlebende zu interviewen. Das Vorhaben wurde genehmigt, eine Journalistin sprach mit 28 Zeitzeugen in Videos. 2013 war die Sammlung komplett, der Gemeinderat konnte die Filme anschauen. Doch die Frage „Was machen wir jetzt damit?“ führte schließlich zu dem Beschluss, die Videobänder erst einmal unter Verschluss zu nehmen. Die Begründung war, dass man „nicht alte Gräben wieder aufreißen“ und „nicht neuen Ärger in der Gemeinde“ habe erzeugen wollen, sagt Kuny. Damit war der erste Anlauf gescheitert. Man legte das Material in einen Blechschrank im Büro des Geschäftsleiters.

Doch die Idee war geboren und konnte nicht vergessen werden. Vor allem der ehemalige Geschäftsleiter und inzwischen Gemeinderat der Parteifreien, Dietmar Jobst, brachte das Projekt immer wieder in Erinnerung und stellte entsprechende Anträge. Auch Kuny hatte natürlich weiterhin Interesse, er wandte sich 2018 an Michael Stephan, den Leiter des Stadtarchivs München, und bat um Rat. Stephan empfahl die bekannte Historikerin Susanne Meinl, sagte aber dazu, dass es schwierig sein werde, sie zu „kriegen“, da sie sehr beschäftigt sei. Stephan betonte seinerzeit auch, es sei wichtig, einen in dieser Zeitepoche erfahrenen Historiker für die Bearbeitung des Materials zu suchen und vor allem jemanden zu beauftragen, der nicht aus der Gemeinde stamme, „denn es gäbe mit Sicherheit Ärger“, erinnert sich Kuny an das Gespräch.

Die Historikerin Susanne Meinl hat die zwei Bücher zur NS-Geschichte Grünwalds verfasst. (Foto: ITS Arolsen)

Grünwald hatte Glück. Just im Moment, in dem man Susanne Meinl fragte, war ihr ein anderer Auftrag weggebrochen, so konnte sie 2019 zusagen. „Ich kannte viele Geschichten aus der Zeit schon“, sagt Meinl, „habe sie lange mit mir rumgetragen“. Sie hatte daher sofort Interesse.

Das nächste Hindernis auf dem langen Weg zu diesen Büchern war die Corona-Pandemie. Der Zugang zu den Archiven, etwa der Staatsbibliothek und dem Staatsarchiv oder dem Bundesarchiv in Berlin, war stark eingeschränkt. Doch jetzt sind die beiden Bände fertig, der erste ist bereits gedruckt, der zweite soll Anfang Februar vorliegen. Wer glaubt, es sei anstrengend, rund 1000 Seiten zu lesen, irrt. Die vielen, sicher im Detail für die Öffentlichkeit meist unbekannten Geschichten, die Meinl erzählt und mit Dokumenten belegt, bieten einen einzigartigen Einblick in die Atmosphäre einer Diktatur.

Das Buch beginnt schon im Jahr 1910 und bietet somit auch für die Zeit bis zum Nationalsozialismus Einblicke, vom Beginn der Tram 1910 über die gefallenen Grünwalder Söhne im Ersten Weltkrieg bis zum Lebensmittel- und Pferdemangel danach, dem Pferd des Bürgermeisters namens „Franzos“ und den „neuen wilden Tänzen wie Foxtrott und Shimmy“, die nach dem Krieg aufkamen, als „die Damenhaare und die Damenröcke zusehends kürzer wurden“. Die Münchner Neuesten Nachrichten beklagten 1919 gar eine „Tanzseuche“, die Grünwalder sollen in München verordnete Einschränkungen und moralisierende Verbote des Feierns aber nicht so ernst genommen haben.

Flucht aus dem KZ

Eine spannende Geschichte aus der NS-Zeit ist die des KPD-Abgeordneten Hans Beimler. Ihm gelang im Mai 1933 etwas Unglaubliches: die Flucht aus dem KZ Dachau. Gesucht wurde er nach seiner Flucht in einer Villa in Geiselgasteig. Am 18. Mai 1933 umzingelte ein 150 Mann starkes Kommando von Geheimpolizisten das Haus. Beimler war aber nicht dort. Er war zu der Zeit noch in München untergetaucht, im Glockenbachviertel bei den Eheleuten Mäusle. Sie waren unverdächtig, unter anderem weil Friedrich Mäusle Polizist war. Beimler wurde am 24. Juli 1933 erfolgreich mit einem Mietauto nach Prag gebracht. Er schrieb später den Bericht: „Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen.“

Susanne Meinl entdeckte in einer Akte eine Notiz in Kurzschrift, die verriet, dass in dieser Villa am Waldrand später eine Unterabteilung des Sicherheitsdienstes (SD) des Reichsführers SS Heinrich Himmler untergebracht war. Die Mitarbeiter dieses SD-Oberabschnitts Süd, der bis 1937 dort residierte, erhielten keine finanzielle Entlohnung, sondern, so vermutet Meinl, andere Vorteile. Ihre Aufgabe war es, die Menschen in Grünwald zu bespitzeln. Die Existenz dieser Dienststelle war den meisten Bürgern mit Sicherheit unbekannt. Für den SD, der „Lageberichte aus dem dienstlichen und privaten Umfeld“ lieferte, waren einige Grünwalder tätig, unter anderem Nikolaus Schwarz, Verleger und Reporter des Isar-Boten, und der Hauptlehrer an der Grünwalder Volksschule, Lorenz Ulrich.

Denunziation ist an der Tagesordnung

„Denunziation“ war in diesen Zeiten ohnehin an der Tagesordnung. Niemand konnte eine Meinung vor anderen äußern, ohne Gefahr zu laufen, „gemeldet“ zu werden. Ein in diesem Sinne gefährlicher Ort soll die Tram gewesen sein, auf deren Fahrt man sich scheinbar anonym und offen unterhielt. Auch die Wirtshäuser waren Orte, in denen „Melder“ oft ihre Opfer fanden. Die Stimmung wurde dafür angeheizt. Der Isar-Bote etwa brachte immer wieder Glossen über „Meckerer“ und „Stänkerer“.

Aber auch Bemerkungen, die bei eigentlich guten Freunden aufgeschnappt wurden und die sich gegen das Regime oder Hitler richteten, wurden gemeldet. Oft vielleicht deshalb, weil man Angst hatte, ansonsten selbst mit solchen Äußerungen in Zusammenhang gebracht zu werden, vermutet Meinl. Angeschwärzt wurden etwa einmal Zeugen Jehovas, die als Handwerker arbeiteten, sie verloren durch die Meldung ihren Job. Ein weiterer Fall war ein betrunkener Mann, den seine Vermieter meldeten, weil er im Streit mit seiner Ehefrau gerufen hatte „Hitler ist der größte Verbrecher des Jahrhunderts“.

Das Hochzeitsfoto von Viktoria und Paul Vial, eines französischen Kriegsgefangenen.
Das Hochzeitsfoto von Viktoria und Paul Vial, eines französischen Kriegsgefangenen. (Foto: Vial)

Ein Kapitel, das unter die Haut geht, ist „Liebe in den Zeiten des Hasses“. Darin werden sechs herzerweichende und tragische Liebesgeschichten aus Grünwald erzählt. Eine, die ein Happy End hat, ist die von Viktoria und Paul Vial. Sie begann spektakulär, denn der französische Kriegsgefangene Vial, der in Grünwald in der Bäckerei arbeitete, lernte Viktoria Simon kennen, indem er sie 1941 vor dem Ertrinken in der starken Strömung der Isar rettete. Sie blieben in Kontakt und konnten ihre verbotene Beziehung heimlich aufrechterhalten. 1943 wurde ihr Sohn André, offiziell Andreas genannt, geboren. Den Vater verriet Viktoria nicht.

Bei Nachforschungen durch die Behörden schützten zwei Damen von der NS-Frauenschaft Viktoria, und ein auf der Krim gefallener Soldat wurde ins Gespräch gebracht. André wurde mit fünf Monaten Opfer eines Luftangriffs auf München, wo Viktoria zu der Zeit lebte. Kurz vor Kriegsende war Viktoria wieder schwanger, und das Paar bangte gemeinsam darum, dass ihre Beziehung den Behörden nicht mehr vor dem Ende bekannt wurde, obwohl in Grünwald viele davon wussten. Als Paul Vial nach dem Krieg zunächst nach Frankreich zurückkehren musste, sagten böse Zungen zu Viktoria: „Dein Franzos, der kommt nicht wieder.“ Doch er kam wieder und saß pünktlich zur Geburt der ersten Tochter am Wochenbett in der Klinik. Das Ehepaar Vial war 50 Jahre verheiratet und bekam noch eine Tochter, die Susanne Meinl bei der Recherche behilflich war und Fotos zur Verfügung stellte.

Spannend sind die Werdegänge zahlreicher NS-Größen, die sich in Grünwald niederließen. Und vor allem auch, wie es mit ihnen nach 1945 weiterging. Hans Rattenhuber etwa kehrte nach sowjetischer Zwangsarbeit 1955 schwerkrank zurück und wurde von alten Kameraden mit einer Willkommensfeier begrüßt, bei der auch Hitlers Pilot Hans Baur und andere aus der Sowjetunion Entlassene dabei waren.  Rattenhuber lebte bis zu seinem Tod 1957 wieder in Grünwald, zusammen mit seiner Frau Paula, am Tatzelwurmweg 2. Über Paula Rattenhubers weiteres Leben konnte Meinl nichts herausfinden.

Die Bücher können erstmals bei der offiziellen Buchvorstellung am 26. Februar, 19.30 Uhr im Bürgerhaus Grünwald, Dr. Max-Straße 1-3, erworben werden. Danach werden sie auch in der Gemeindebibliothek Grünwald verkauft.

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