Stil

Zum Tod von Jacqueline de Ribes: Abschied von der Grande Dame von Paris | ABC-Z

Ihre Karriere begann schnell. Als Jacqueline de Ribes Mitte der Fünfziger mit einem Bekannten im Restaurant „Quo Vadis“ an der ­Upper East Side zu Mittag aß, kam Diana Vreeland auf sie zu, damals Modechefin der „Harper’s Bazaar“, später Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“. „Wir möchten, dass Avedon ein Foto von Ihnen macht“, sagte Vreeland. Am nächsten Tag ließ sich Jacqueline de Ribes von „Mr. Kenneth“, dem Friseur von Marilyn Monroe und Jackie Kennedy, künstliche Wimpern ankleben und die Haare in ­Locken ­legen. Als sie im Studio erschien, um von Richard Avedon fotografiert zu werden, sagte Vreeland: „Was haben Sie denn veranstaltet? Ich möchte, dass Sie so aus­sehen wie gestern!“ Sie entfernte die Wimpern, kämmte die Haare, flocht ihr einen Zopf – und mit den Bildern wurde Jacqueline de Ribes weltberühmt.

Auch Ikonen muss man manchmal auf die Sprünge helfen. Jacqueline de Ribes hatte ohne großes Tamtam genug Ausstrahlung – mit langem Hals, großen Mandelaugen, dickem Zopf, einem Profil wie Nofretete. Und: Sie stammte aus adeliger Familie. Ihr Vater war Geschäftsmann, Kampfpilot, olympischer Schütze und olympischer Verführer, ihre ebenfalls adelige Mutter hatte viel Vermögen mit­gebracht aus einem Unternehmen, das Kautschuk-, Bananen- und Palmölplantagen in Afrika und Südostasien betrieb.

Im Waldorf Astoria in New York: Jacqueline de Ribes (rechts) mit der Schauspielerin Miiko Taka im November 1959Picture Alliance

Jacqueline Bonnin de La Bonninière de Beaumont wurde am 14. Juli 1929 ge­boren. Noch bevor die Deutschen einmarschierten, wurde sie 1939 mit Geschwistern und Kindermädchen nach Hendaye gebracht, in den äußersten Südwesten Frankreichs. Aber auch dorthin kamen die Deutschen. Die Gestapo beschlagnahmte das Haus und mauerte die Fenster des Kinderzimmers zu – die Schreie der Gefolterten konnten die Kinder im Haus des Hausmeisters nebenan trotzdem hören.

Vreeland nannte sie „die eleganteste Frau der Welt“

Nach dem Krieg verlor sie keine Zeit. Schon mit 18 Jahren heiratete sie den Bankier Édouard de Ribes, und bald war sie Mutter von zwei Kindern, Elisabeth (ge­boren 1949) und Jean (1952). Paris und New York waren hungrig nach Glamour. Sie hatte nicht einmal eine Handvoll Couture-Kleider, als sie schon 1956 auf Eleanor Lamberts legendärer „Best Dressed“-Liste landete. Auch ihre Titel schmückten sie: Vreeland nannte sie „die eleganteste Frau der Welt“, Valentino „die letzte Königin von Paris“, Yves Saint Laurent „ein Elfenbein-Einhorn“, Truman Capote zählte sie – neben Babe Paley, Slim Keith, Lee Radziwill und anderen – zu seinen „Schwänen“, Emilio Pucci schwärmte von „la giraffina“, der kleinen Giraffe – Frauen mit Tiermetaphern zu versehen, war damals ein Hobby der Männer.

DSGVO Platzhalter

Jacqueline de Ribes umgab sich mit den richtigen Namen von Marie-Hélène de Rothschild bis Hubert de Givenchy – und wurde sogar selbst zur Modemacherin, zunächst mit bescheidenem Erfolg. Ein junger Italiener half ihr in den Fünfzigern: ­Valentino Garavani, der an jeden ihrer Entwürfe noch eine Schleife oder Rüsche setzte. Bald eröffnete er sein eigenes Modehaus in Rom, kleidete Elizabeth Taylor ein und wurde einer der großen Couturiers. Jacqueline de Ribes sah ein, dass ihr Talent im Zeichnen und Entwerfen nicht reichte: „Also fuhr ich nach Rom und kaufte mir Kleidung bei ihm.“

Einmal erschien sie erst zum Nachtisch

Eine Stilikone blieb sie. Als sie 1969 bei einem Dinner mit dem Herzog und der Herzogin von Windsor bis zum Nachtisch nicht erschien, war die Em­pörung groß. Als sie dann hereinschwebte, so erinnerte sich ­Óscar de la Renta, verflog die Wut: „Die aristokratische Schönheit war von der Spitze ihres Quastenhuts bis zu den Spitzen ihrer spitzen Pantoffeln in ein phantastisch opulentes türkisches Kostüm gehüllt, das die ­Vicomtesse selbst aus drei ihrer alten Couture-Kleider zusammen­gestellt hatte, mit Organza-Lamé aus zweiter Hand und einem Zobelcape, das sie einer verarmten Ballerina abgekauft hatte. Es war ein Spektakel. Und sie war der Star.“ Da deutete sich an, dass sich die Szene änderte von geradezu höfischen Traditionen zu einem von Designern wie Saint Laurent und Künstlern wie Andy Warhol bestimmten lockeren Jetset.

Später gründete sie doch noch ihr eigenes Modehaus, das sie bis 1995 führte. Mit dem Alter trat sie seltener öffentlich in Erscheinung. 2015 würdigte das Metropolitan Museum ihren Stil mit einer Ausstellung. 2019 erzielte der Verkauf der Kunstwerke, die sie mit ihrem Mann zusammen­getragen hatte, bei Sotheby’s 22,8 Millionen Euro. Am 30. Dezember ist Jacqueline de Ribes, die letzte Grande Dame von Paris, im Alter von 96 Jahren in der Schweiz gestorben.

Back to top button