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Zwischen Campus und Rathaus: Wie Studierende Freising prägen – Freising | ABC-Z

In Freising ist man stolz darauf, Universitätsstadt zu sein. Darauf weisen schon die Ortsschilder jeden hin, der in die Stadt hineinfährt. TU München (TUM), Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT), zwei Landesanstalten, ein Fraunhofer-Institut – die Bandbreite der wissenschaftlichen Einrichtungen ist groß. Etwa 9500 junge Leute studieren im 50 000 Einwohner zählenden Freising. Wenngleich nicht alle in der Domstadt wohnen, stellen sie einen hohen Anteil an der Bevölkerung. Doch mischen sie im städtischen Leben mit oder leben sie vorwiegend in ihrer eigenen Welt am Campus? In der Kommunalpolitik sind Studierende nach wie vor die Ausnahme. Einige aber engagieren sich – das sind oft die, die in Freising bleiben und Spuren hinterlassen.

Rudi Schwaiger, CSU-Stadtrat und Weihenstephan-Referent, glaubt, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert hat, auch dank vieler Kooperationen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass sich Studierende sehr wohl für kommunalpolitische Themen interessieren, dass Campus und Stadtgesellschaft nicht wie früher Welten trennen. Er sieht eher generell das Problem, dass immer weniger Menschen bereit sind, sich in Parteien zu binden. Viele engagierten sich lieber projekt- und themenbezogen, wollten aber nicht dauerhaft Funktionen übernehmen.

Eine, auf die das nicht zutrifft, ist Emilia Kirner. Die 28-Jährige hat an der TUM in Weihenstephan Lebensmittelchemie studiert. Inzwischen arbeitet sie in München als PR-Beraterin, wohnt aber nach wie vor in Freising. Seit 2021 sitzt sie für die ÖDP im Stadtrat. Bei der Kommunalwahl 2026 kandidiert sie erneut auf dem guten Listenplatz drei. Sie ist Ortsvorsitzende und stellvertretende Kreisvorsitzende. Politisch aktiv war Kirner bereits vor dem Studium in ihrer alten Heimat, dem Landkreis Landshut. Sie wollte schon damals mitgestalten, wie sie erzählt. In Freising trat sie schnell dem ÖDP-Kreisverband bei. Eines ihrer zentralen Anliegen: Freising soll für Fahrradfahrer endlich sicherer werden.

Schon während des Studiums war Emilia Kirner in Freising politisch aktiv. Seit fünfeinhalb Jahren sitzt sie für die ÖDP im Freisinger Stadtrat.  (Foto: Marco Einfeldt)

Ein Thema, das auch Neu-Freisinger angeht, die nur wenige Jahre in der Stadt leben. In ihrem Umfeld habe sie erlebt, dass sich Teile der Studierenden nicht für das politische Leben in Freising interessieren, nicht einmal wissen, wie der Freisinger Oberbürgermeister heißt. „Mit 18 hat man vielleicht einen anderen Fokus“, meint Kirner. Andererseits treffe der Stadtrat viele Entscheidungen, die für jüngere Leute relevant sind, etwa wenn es um Fahrradstraßen oder die Zukunft des Uferlos-Festivals geht.

In Freising geblieben sind auch Sebastian „Led“ Pisot und Luis Bauer. Der eine ist Kreissprecher der Linken, der andere kandidiert als Vertreter der Grünen Jugend für den nächsten Stadtrat. Bauer wollte vor sechseinhalb Jahren eigentlich nur für ein freiwilliges ökologisches Jahr aus der Nähe von Aschaffenburg nach Freising kommen. Dann entschloss er sich, in Weihenstephan Forstwissenschaften zu studieren. Er habe viele Freunde hier gefunden, seine Freundin stamme aus dem Landkreis. „Ich fühle mich hier jetzt zu Hause“, sagt der 25-Jährige, fügt aber hinzu: Wer weiß, dass er nur für drei Jahre zum Studieren in Freising ist, „bringt sich womöglich nicht so ein“ – vor allem, wer oft zurück in seine alte Heimat fährt.

Luis Bauer von der Grünen Jugend Freising studiert Forstwissenschaften in Weihenstephan. Im Landkreis fühlt er sich zu Hause.
Luis Bauer von der Grünen Jugend Freising studiert Forstwissenschaften in Weihenstephan. Im Landkreis fühlt er sich zu Hause. (Foto: privat)

Einige aber suchen nach neuen Aufgaben, nicht nur politisch. Aus dem Kreis der Studierenden kämen immer wieder Anfragen, sagt Johanna Sticksel vom Treffpunkt Ehrenamt, der Servicestelle für bürgerschaftliches Engagement. Beim Mentorenprojekt „Balu und du“ sind es sogar überwiegend Studentinnen und Studenten, die sich um ihre „Moglis“ kümmern. Das heißt, sie verbringen mehrere Stunden pro Woche mit einem Grundschulkind, das wenig Deutsch spricht oder noch nicht lange hier ist.

Der Treffpunkt Ehrenamt wirbt dafür gezielt mit Plakaten am Campus. Erstmals fand dort im Mai ein Ehrenamtsmarkt statt, der im kommenden Jahr voraussichtlich wiederholt wird. Mehrere Organisationen wie Greenpeace stellten dort ihre Arbeit vor und stießen durchaus auf Interesse, wie Sticksel bilanziert. Trotzdem bleibt die Anzahl der Studierenden, die sich für ein Ehrenamt in Freising begeistern, überschaubar.

Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher (Freisinger Mitte) glaubt, dass dies auch an dem immensen Pensum liegt, das die jungen Leute an Uni und Hochschule absolvieren müssen. „Das Studium ist anspruchsvoller geworden seit dem Bologna-Prozess.“ Das Programm in den Bachelor- und Masterstudiengängen sei eng durchgetaktet. Teils pendelten sie täglich zwischen den TUM-Standorten Garching und Weihenstephan. „Dafür läuft es ganz gut“, meint der OB zur Verankerung der Studierenden im städtischen Leben.

Sebastian Pisot ist für sein Studium nach Freising gekommen und geblieben. Der Landschaftsarchitekt ist Kreissprecher der Linken.
Sebastian Pisot ist für sein Studium nach Freising gekommen und geblieben. Der Landschaftsarchitekt ist Kreissprecher der Linken. (Foto: Marco Einfeldt)

Natürlich suchen nicht alle Studierenden ihren Platz in der Stadtgesellschaft. Das gilt allerdings auch für andere Neu- oder Alt-Freisinger.  Er sehe hier keine Parallelwelt, betont Sebastian Pisot. Studierende seien insgesamt „sehr stark in Freising eingebunden“. Das könne er aus eigener Erfahrung sagen. Pisot kam 2017 nach Weihenstephan, um an der HSWT Landschaftsarchitektur zu studieren. 2021 trat er bei den Linken ein. Das Gros der Mitglieder des Kreisverbands sei unter 38, sagt der 3o-Jährige, auf der Stadt- und der Kreistagsliste stehen mehrere Studierende.

Anfangs sei er noch oft nach Baden-Württemberg gependelt, in seine alte Heimat, weil er dort ehrenamtlich eingebunden gewesen sei.  Längst hat der Landschaftsarchitekt sein Engagement aber nach Freising verlegt, ist Kreissprecher der Linken, war Bundestagskandidat und erlebt einen neuen Aufschwung seiner Partei im Landkreis.

Ein halbes Jahr nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht

Eines der drängendsten Probleme trifft alle in Freising gleichermaßen; die hohen Mietpreise. Das ist eines der Themen, die Pisot politisch angehen möchte. Während des Studiums habe er ein halbes Jahr lang nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht, erzählt er.

Selbst für kleine Zimmer werden oft mehrere hundert Euro verlangt. Der Bau privater Wohnanlagen mit Studentenappartements ist nicht nur in Freising zu einem lukrativen Geschäft geworden. Zu Semesterbeginn appellieren die Hochschulen regelmäßig an die Bevölkerung, Zimmer zu vermieten.

An der Giggenhauser Straße sind 2021 durch Überbauung eines Parkplatzes 119 neue Wohnheimplätze des Studierendenwerks München fertig geworden.
An der Giggenhauser Straße sind 2021 durch Überbauung eines Parkplatzes 119 neue Wohnheimplätze des Studierendenwerks München fertig geworden. (Foto: Marco Einfeldt)

Etwas Druck nehmen die drei Wohnanlagen des Studierendenwerks München vom angespannten Miet-Markt. Insgesamt 750 Wohnplätze gibt es in der Stadt, die Wartezeiten liegen, je nach Zimmertyp, zwischen einem und vier Semestern. Drei Häuser an der Giggenhauser Straße werden derzeit saniert, 283 Wohnplätze in mehreren Schritten auf den neuesten Stand gebracht. 2025 habe man insgesamt 600 Plätze neu vergeben können, sagt Sprecherin Julia Wölfle. 300 Interessenten stehen zurzeit auf der Warteliste. Erfahrungsgemäß haben einige Nachrücker aber bereits eine andere Bleibe gefunden und schlagen das Angebot dann aus, wenn sie an der Reihe sind.

Durch ihre große Anzahl sind die Studierenden ein wichtiger Faktor. Sind sie mit Erstwohnsitz gemeldet, profitiert die Stadt davon beim kommunalen Finanzausgleich und erhält mehr Geld vom Bund.  Zudem sind sie ein wichtiges Wählerpotenzial – sofern sie von ihrer Stimme Gebrauch machen. Er erlebe in Gesprächen oft, dass Kommilitonen gar nicht wüssten, dass im März 2026 Kommunalwahlen sind, sagt Luis Bauer. Die Grüne Jugend wollte darauf mit einem Infostand vor der Mensa aufmerksam machen. Aus Neutralitätsgründen wurde dies abgelehnt. In seinem ersten Jahr in Freising habe er sich selbst gefragt, ob er wählen gehen solle, sich aber dafür entschieden. Mit den 40 Stimmen, die man für den Stadtrat verteilen kann, habe man deutlich mehr Einfluss als zum Beispiel bei einer Bundestagswahl.

In Freising ist man stolz darauf, Universitätsstadt zu sein. 
In Freising ist man stolz darauf, Universitätsstadt zu sein.  (Foto: Marco Einfeldt)

Trotz solcher Probleme sind die Verbindungen zwischen Stadt und Campus in den vergangenen Jahren enger geworden. Der OB spricht jedes Jahr beim Neujahrsempfang der TUM, die Stadt organisiert einen Erstsemesterempfang. In der Reihe TUM@Freising, bei der Wissenschaftler ihre Forschung für alle verständlich erklären, fand kürzlich der 50. Vortrag statt. Die wissenschaftlichen Einrichtungen öffnen immer wieder ihre Türen für die Bevölkerung. Mit dem „Preis der Stadt Freising“ würdigt der OB besondere studentische Leistungen.

Er schätzt auch die kreativen Ideen, die Studierende in Semester- und Bachelorarbeiten für die Innenstadt oder den Klimaschutz entwickeln. Sie seien dabei an keine Rahmenbedingungen gebunden und „sind nicht betriebsblind“, sagt Eschenbacher. Das Ergebnis seien oft unkonventionelle Ansätze. „Die Studierenden sind eine Bereicherung für Freising.“ Das Miteinander sei besser geworden, „ist aber auch herausfordernd“, gibt er zu.

„Wir legen Wert darauf, dass es Freising-Weihenstephan heißt“

Die Stadt kämpft auch um Begrifflichkeiten. „Wir legen Wert darauf, dass es Freising-Weihenstephan heißt“, sagt Stadtrat Rudi Schwaiger. Schließlich sei Weihenstephan nicht ein Vorort von München, sondern Teil der Stadt Freising. Außerhalb der Region wüssten das viele nicht. Freising ist Wissenschaftsstadt, viele Professorinnen und Professoren leben hier oder in umliegenden Gemeinden. „Welche Stadt hat denn derartige Einrichtungen?“

Durch die attraktive, neugestaltete Innenstadt und die Lokale dort seien inzwischen viele junge Leute im Zentrum unterwegs, sagt Schwaiger. In die andere Richtung klappt das weniger gut, wenn die wissenschaftlichen Einrichtungen nicht gerade zu einem Tag der offenen Tür einladen. Studierende des TUM-Bachelorstudiengangs Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung hatten bereits vor vier Jahren Anwohner und Anwohnerinnen befragt und Ideen für einen grünen und lebendigen Campus ausgearbeitet. Dabei war der Wunsch nach mehr Veranstaltungen wie dem „Kino am Rang“ lautgeworden. Doch die Vorschläge sind erst einmal in der Schublade gelandet.

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